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Creditreform
Das Bild zeigt Holzwürfel mit Buchstaben

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Immer mehr Unternehmer wollen nachhaltig wirtschaften, ihre Gewinne thesaurieren und einen Verkauf von Geschäftsanteilen für die Zukunft ausschließen. Sie agieren nach entsprechend klar definierten Leitlinien. Was für und was gegen diese Modelle sprechen kann.

 

Die Firma elobau mit Sitz in Leutkirch im Allgäu will Menschen schützen und Maschinen steuern: effizient, ergonomisch, sicher. Das ist ihre Mission. Das Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden steht für innovative Sensortechnologie. „Wir unterstützen unsere Kunden dabei, Maschinen und Fahrzeuge zu bauen, die hinsichtlich Leistung, Bedienkomfort, Sicherheit und Qualität Maßstäbe setzen. Dabei werden wir unserer Verantwortung für Mitarbeitende, Gesellschaft und Umwelt gerecht und motivieren andere, diesem Beispiel zu folgen“, sagt Geschäftsführer Thilo Ittner.

Nach diesem Grundsatz handeln alle im Unternehmen; elobau firmiert als unabhängiges Stiftungsunternehmen, das sich nicht an Quartalszahlen orientiert, sondern „die Freiheit hat, langfristig zu planen und zu handeln“, so Ittner.

 

Qualifiziert und werteorientiert

Dafür wurde eine komplizierte doppelte Stiftungsstruktur entwickelt. Die Familienstiftung sowie die gemeinnützige elobau-Stiftung teilen sich die Anteile am Unternehmen. 99 Prozent der Stimmrechte hält die Familienstiftung, dazu ein Prozent Kapitalanteil mit Gewinnbezugsrecht. Umgekehrt sieht es bei der gemeinnützigen Stiftung aus. Diese hat 99 Prozent Kapitalanteil mit Gewinnbezugsrecht, aber nur ein Prozent der Stimmrechte.

„Wir verfolgen zwei Ziele. Zum einen darf die Kontrolle über elobau nie verloren gehen. Zum anderen soll das Unternehmen weiterhin von qualifizierten, werteorientierten Nachfolgern und Nachfolgerinnen geführt werden“, sagt Ittner. 90 Prozent des Gewinns bleiben im Unternehmen, werden thesauriert. Die Eigenkapitalquote bei elobau beträgt 70 Prozent. Die restlichen zehn Prozent Gewinn fließen in die elobau-Stiftung, die mit diesen Mitteln zahlreiche nachhaltige Projekte finanziert.

 

Verantwortungseigentum: Unternehmenszweck sichern

Für dieses Modell des sogenannten Verantwortungseigentums stehen auch der Konzern Bosch, das Handelsunternehmen Waschbär oder die Bio-Supermarktkette Alnatura. Kern des Konzepts ist es, dass das Vermögen gebunden ist. „Das Unternehmen ist kein Spekulationsgut“, sagt Till Wagner, Vorstand der Stiftung Verantwortungseigentum. Die Eigentümer betrachten ihre Firma „als etwas, für das sie Treuhänder und Treuhänderinnen sind. Dies wird rechtlich verankert“, erläutert Wagner. Die Gewinne und das Kapital dienen dem Unternehmenszweck. „Sie werden reinvestiert, zur Krisensicherung zurückgelegt oder für gemeinnützige Arbeit gespendet“, sagt Wagner.

Immer mehr Unternehmer scheinen sich dafür zu interessieren. Beispielsweise wollen Gründer die Unabhängigkeit ihres Startups langfristig sichern und einen schnellen, am Gewinn orientierten Exit von Investoren vermeiden. „Ihnen geht es um die gemeinsame Arbeit an der Sache, nicht um das rein Finanzielle“, sagt Philip Lettmann, Vorstand der Wala-Stiftung in Bad Boll. Die Stiftung organisiert unter anderem mit Industrie- und Handelskammern Informationsveranstaltungen. „Die Gründer sind am Unternehmenszweck interessiert, das ist ihre Motivation. Dafür erhalten sie ein faires Gehalt. Sie verkaufen ihre Anteile nicht an den Meistbietenden, um den höchsten Preis zu erzielen.“

Aber auch für Seniorunternehmer kann die Transformation in Verantwortungseigentum eine Option sein. „Das betrifft insbesondere Firmenchefs mittelständischer Familienunternehmen, die in der eigenen Familie keinen Nachfolger haben. Sie suchen häufig nach einem Weg, ihr Lebenswerk zu sichern und ihre Mitarbeiter vor einem Verkauf zu schützen“, erklärt Jean-Claude Baumer, Vorsitzender des Fachverbandes Gründung, Entwicklung, Nachfolge im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU und Geschäftsführer der Gesellschaft omegaconsulting in Landshut. Das muss zur Unternehmenskultur passen. „Hinter dem Verantwortungseigentum steht ja eine Wertorientierung, die gelebt wird“, so Baumer.

 

Komplexe Lösung, um den Purpose zu sichern

Die Umsetzung einer solchen Lösung ist rechtlich häufig komplex und daher teuer. „Interessierte Unternehmer brauchen in der Regel einen Anwalt, einen Steuer- sowie einen Stiftungsexperten“, sagt Lettmann. Es gibt keine eigene Rechtsform, die explizit Verantwortungseigentum abbildet. Daher hat jetzt eine Gruppe von Rechtswissenschaftlern einen Gesetzentwurf für eine Ergänzung des GmbH-Gesetzes unter dem Namen „Gesellschaft mit gebundenem Vermögen, kurz GmbH-gebV“ erarbeitet. Das Kapital und die Gewinne sollen an das Unternehmen wie an dessen Zweck gebunden sein. Der Kreis möglicher Gesellschafter wird begrenzt. Anteile können nicht vererbt werden. Mit der neuen Rechtsform sollen keine Steuervorteile verbunden sein.

Der Entwurf steht momentan zur Diskussion. Was daraus wird, ist offen – wobei die Grünen, FDP und SPD Verbesserungen der rechtlichen Rahmenbedingungen für Verantwortungseigentum in ihr Wahlprogramm aufgenommen haben. „Insofern stehen die Chancen nicht schlecht“, meint Wagner. Die Stiftung Verantwortungseigentum setzt sich dafür ein, die GmbH-gebV durchzubringen.

Bedarf scheint vorhanden. Nach einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Stiftung Verantwortungseigentum können sich 42 Prozent der Familienunternehmer solche Lösungen für sich vorstellen. 72 Prozent der Befragten sprechen sich für eine Vereinfachung der rechtlichen Rahmenbedingungen für Verantwortungseigentum im Rahmen einer neuen Rechtsform aus.

 

Zweifel am Verantwortungseigentum

Skeptiker halten dagegen. Sie sehen keine Notwendigkeit einer Neuregelung, da auch ohne eigene Rechtsform Verantwortungseigentum möglich und umsetzbar ist – wenn sich das auch kompliziert gestaltet. Sie sehen eher Risiken.

„In der Konsequenz schwächen die Konstrukte das jeweilige Unternehmen und den Wirtschaftsstandort im Allgemeinen“, befürchtet Till Wrede, Corporate Finance Banker bei M.M. Warburg & Co. Zum Beispiel seien Fusionen wirtschaftlich sinnvoll. „Wenn nun eine Konsolidierung faktisch unterbunden wird, wird die Möglichkeit von volkswirtschaftlichen Fusionsgewinnen verhindert. Die im Wettbewerb unterlegenen Unternehmen werden durch Insolvenz aus dem Wirtschaftsleben ausscheiden oder zu Unternehmenszombies“, meint Wrede.

Ausschüttungssperren, wie sie hier vorgesehen sind, könnten zu einer unnötigen Überfinanzierung – einer Fehlallokation des Kapitals – und zu Fehlinvestitionen führen. Kapital würde tendenziell ineffizienter eingesetzt oder steht im Bedarfsfall nicht zur Verfügung. „Vor allem aber ist es immer problematisch, wenn eine Generation ihre Ansichten für die nächsten Generationen unabänderlich machen möchte“, kritisiert Wrede. Jede Generation solle das Recht haben, selbstverantwortlich zu gestalten. „Unabänderliche Festlegungen der Vorgängergenerationen sind bisher aus gutem Grund unzulässig, da die Antworten von heute nicht die Probleme von morgen lösen“, so der Finanzexperte.

 

 

 

„Eine Erweiterung der Nachfolgelösungen“

Achim Hensen ist Mitgründer von Purpose Ventures in Hamburg, eine Organisation, die Unternehmen bei der Gestaltung von Verantwortungseigentum unterstützt. Er spricht über den Zusammenhang von nachhaltigem Wirtschaften und Verantwortungseigentum.

 

 

Sie erhalten derzeit vermehrt Anfragen auch von mittelständischen Familienunternehmern, die eine Nachfolgelösung suchen. Wie gehen Sie dann vor?

Wir klären im ersten Schritt, welche Wünsche und Vorstellungen sie zu der Zukunft ihres Unternehmens haben, wie sie ihre eigene Rolle sehen und was sie motiviert. Dann analysieren wir gemeinsam, inwieweit die bisherigen Rechts-, Gesellschafter- und Finanzierungsstrukturen zu der angestrebten Zukunft des Unternehmens passen.

 

 

Was sind die Handicaps?

Verantwortungseigentum ist noch nicht überall bekannt. Daher müssen alle Beteiligten erst mal abgeholt werden. Ziel ist eine gemeinsam getragene Entscheidung für Verantwortungseigentum im Kreis der Gesellschafter und Gesellschafterinnen. Wenn hier unterschiedliche Motivationslagen und Vorstellungen bezüglich der Zukunft des Unternehmens deutlich werden, erschwert dies den Prozess. Außerdem ist eine Passung der Unternehmenskultur entscheidend. Nachhaltiges Wirtschaften sowie Verantwortungseigentum lassen sich nicht von außen innerhalb von kurzer Zeit aufstülpen.

 

 

Was kann Kapitalgeber motivieren?

Für sie entsteht Sicherheit darüber, wo und wie ihr Geld wirkt. Sie wissen, dass ihr Kapital der Unternehmensidee dient. Außerdem sind Unternehmen, die diesen Weg verfolgen, nachweislich krisenresistenter. Sie sind für Zeiten wie etwa den Lockdown gut aufgestellt, weil sie zum Beispiel eine höhere Eigenkapitalbasis haben und gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden passende Lösungen finden. So kann in Verantwortungseigentum also, neben der Gewissheit, dass das Kapital im Sinne des Unternehmenszwecks genutzt wird, auch ein wirtschaftlicher Vorteil erkannt werden.