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Creditreform

In vielen Berufen sind Azubis bereits Mangelware. Anhand von Praxisbeispielen zeigen wir, was Chefs unternehmen können, um trotzdem die passenden Lehrlinge für ihren Betrieb zu gewinnen. Beachten Sie auch unsere umfangreiche Checkliste am Fuß dieses Beitrags.

Auf Schloss Britz im Berliner Stadtteil Neukölln wird emsig gearbeitet. In der Küche bereiten Azubis die Speisen für den Abend vor. Im gemütlichen Gastraum des Schlossrestaurants nebenan decken angehende Restaurantfacheute die Tische für bis zu 20 Gäste ein. Währenddessen überreicht ihr Azubikollege am Empfang den Gästen die Schlüssel für eines der fünf Zimmer. Alles in allem ist dies ein kleiner, aber feiner Lehrbetrieb – vor sieben Jahren vom Berliner Hotel Estrel ganz bewusst errichtet.

„Unser Haupthaus umfasst 1.125 Betten, fünf Restaurants und ein umfangreiches Eventprogramm – da bleibt im Tagesgeschäft nicht immer genug Zeit, unsere rund 80 Azubis mit der gebotenen Ruhe und Gründlichkeit für die Welt der Hotellerie und Gastronomie zu begeistern“, sagt Estrel-Personaldirektorin Annette Bramkamp. „Auf Schloss Britz lernen sie im kleinen Maßstab, worauf es ankommt, und genießen, dass sie den Betrieb weitgehend eigenständig managen.“ Das Angebot ist bei den jungen Leuten beliebt. Das Estrel kann sich über mangelnde Bewerberzahlen nicht beklagen.

Zehntausende Azubis fehlen

Längst nicht nur das Berliner Hotel bemüht sich mit besonderem Engagement, neuen Aktionen und Initiativen, seine Ausbildungsangebote attraktiver zu machen. „Der Azubimarkt hat sich spürbar verändert“, betont Ulrike Friedrich, Ausbildungsexpertin beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin. Dies belegen auch die folgenden Zahlen: Rund 12.000 Unternehmen bekamen im letzten Jahr laut einer DIHK-Umfrage gar keine Bewerbung mehr von angehenden Lehrlingen. Insgesamt blieben bundesweit mehr als 41.000 Lehrsstellen, die bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet waren, am Ende unbesetzt.

„Auch in diesem Jahr müssen sich die Unternehmen anstrengen, um alle Ausbildungsplätze besetzen zu können.“ Ulrike Friedrich, DIHK

Die Gründe für diese Entwicklung sind sicherlich vielfältig: Der demografische Wandel und der wachsende Trend zur akademischen Ausbildung tragen viel dazu bei. Zu den Mangelberufen in Deutschland zählen zum Beispiel Alten- und Krankenpfleger, Techniker und Klempner genauso wie Informatiker. „Auch 2016 müssen sich die Unternehmen anstrengen, um alle Ausbildungsplätze besetzen zu können“, prognostiziert die DIHK-Ausbildungsexpertin Friedrich.

Unternehmen, die ausbilden wollen, müssen also reagieren. Schon jetzt bietet jedes zehnte Unternehmen in Industrie und Handel finanzielle oder materielle Anreize, um Auszubildende für sich zu gewinnen. Die bereits genannte DIHK-Umfrage ergab: Am häufigsten gewähren Unternehmen Zuschüsse zur Mobilität, etwa für den öffentlichen Nahverkehr oder den Führerschein. Auf Platz zwei der Extras stehen höhere Ausbildungsvergütungen. Zudem warten Betriebe auch immer häufiger mit der Aussicht auf einen Dienstwagen für den Auszubildenden auf. Es wird Büchergeld gezahlt, ein Mietzuschuss geleistet oder es winkt eine kostenlose Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Manche Firmen verschenken zum Ausbildungsplatz ein Smartphone oder ein Tablet – vielfach auch, um ihren Auszubildenden damit die Möglichkeit zu eröffnen, digital zu lernen und sich mit dem Betrieb zu vernetzen. „Wenn an ein- und demselben Standort gleich mehrere Betriebe derselben Branche um Azubis werben, kann ein Goodie durchaus den Ausschlag geben“, hat Friedrich beobachtet.

Estrel Azubis Hotel 1

Managen ein kleines Hotel: Estrel-Azubis Xiao Xue Zheng (oben), Janine Grützmacher, Sarah Rascher, Jonas Härich und Schielan Abrahim (unten, v. l. n. r.). (Fotos: © Dominik Butzmann)

Estrel Azubis Hotel 2

Das A und O einer erfolgreichen Ausbildungsplatzvergabe ist denn auch gezieltes Personalmarketing. „Viele Betriebe beschreiten heute parallel die unterschiedlichsten Wege, um Bewerber auf sich aufmerksam zu machen“, so Friedrich. Neben persönlichen Kontakten, dem Einschalten der Agentur für Arbeit oder Anzeigen in regionalen Printmedien gewinnt das Internet immer mehr an Bedeutung. Eine Stellenanzeige auf der eigenen Unternehmenshomepage gehört mittlerweile fast schon zum Standard.

Gewinnspiel
„Leitfaden für Ausbildungsbeauftragte in der betrieblichen Praxis“: Das Creditreform-Magazin verlost bis zum 31. März 2016 drei Exemplare dieser Neuerscheinung.

Häufig genutzt werden auch die internetbasierten Lehrstellenbörsen der Kammern sowie soziale Medien von Facebook bis Twitter. „Als wir vor kurzem auf Facebook posteten, dass wir Ausbildungsplätze für die Altenpflege anbieten, wurde unsere Nachricht innerhalb von nur drei Tagen mehr als 3.000 Mal geteilt“, sagt Bernd Bogert, Geschäftsführer der St. Gereon Seniorendienste in Hückelhoven-Brachelen. Um Nachwuchskräfte für die Altenpflege zu begeistern, schickt Bogert zudem seine Azubis regelmäßig in die Schulen seiner Region. „Unsere jungen Leute sind die besten Botschafter, die ich mir für unseren Beruf vorstellen kann“, so der Manager. „Sie sprechen dieselbe Sprache wie die Schüler, wissen, was sie denken und fühlen, und können sie so viel authentischer als wir für unseren Berufszweig gewinnen.“

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