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Creditreform

Thalia sucht einen Buchhändler, HL Kunststofftechnik eine Bürokauffrau, die Klemme AG einen Fachinformatiker. Alle drei Firmen haben eines gemeinsam: Sie lassen ihre Ausbildungsangebote bei azubis.de aufblinken. Das Einstellen von Ausbildungsplätzen gibt es hier ab 99 Euro für 30 Tage. Wer sein Logo rotierend auf der Startseite sehen will, zahlt für 90 Tage 299 Euro. Praktikumsplätze lassen sich kostenlos inserieren – zeitlich unbegrenzt. Die passende App für die begehrten jungen Leute gibt’s ebenfalls gratis. Die Grundidee des gemeinsamen Projektes mitteldeutscher Verlage, der Bundesagentur für Arbeit und der IHK: Auf den großen Jobportalen verlieren sich Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz suchen, zu leicht. Das Stichwort „Azubi“ soll sie direkter anlocken – am Laptop, aber auch auf ihrem Smartphone.

Mobiles Rekrutieren steht in der deutschen Wirtschaft noch in der Erprobungsphase. Dieses Urteil der beiden Professoren der Hochschule RheinMain, Wolfgang Jäger und Stephan Böhm, aus dem Jahr 2011 gilt wohl immer noch. Immerhin: Von rund 160 befragten Unternehmen hatte damals schon ein Viertel mobile Interaktionen gestartet – dreimal mehr als 2009. Apps und Codes auf Plakaten, Zeitschriftenseiten oder Firmenflyern, die an Barcodes der Supermarktkasse erinnern und mit dem Fotohandy eingelesen werden, führen immer noch ein Nischenleben im Mittelstand. Noch, denn je jünger die Zielgruppe, desto eher haben Unternehmen Erfolg auf Online-Kanälen, das spricht sich immer mehr herum. Die Studie „Recruiting Trends im Mittelstand 2013“ der Frankfurter Goethe Universität gemeinsam mit der Uni Bamberg und Monster zeigt, dass die Firmen mit dem Erfolg persönlicher Netzwerke zu 65 Prozent zufrieden sind, mit Netzwerkplattformen erst zu 9,5 Prozent.

Informationshoheit im Web

Im Web längst selbstverständlich sind die Karriereinformationen auf der eigenen Firmenhomepage – und damit ein Muss auch im Mittelstand sucht, die Berufserfahrenen tummeln sich eher auf XING oder LinkedIn (mehr hierzu ab Seite 10). Lediglich der Kurznachrichtenkanal Twitter hat es Bewerbern nicht so sehr angetan. Dort können Firmen eher ihr Image pflegen als konkrete Stellengesuche platzieren. Wer sich ins Web begibt, muss sich allerdings im Klaren darüber sein, dass er nicht die alleinige Hoheit über seine Informationen und Wertungen behält. Internetnutzer checken in Karrierenetzwerken wie dem Kölner Squeaker.net oder dem Wiener kununu.com, ob Infos und Eigenlob stinken oder stimmen. Dort hinterlassen begeisterte aber auch unzufriedene Mitarbeiter, schnoddrig abgewiesene ebenso wie freundlich bedachte Bewerber ihre Statements. „Der Kunde ist König und der Angestellte ist nichts“ liest man über den Mode-Logistiker Zalando, gleich darunter „fair, all denen gegenüber, die arbeiten wollen“. In jedem Fall muss im Unternehmen ein Personalmitarbeiter diese Seiten im Blick behalten.

Gerade Mittelständler mit ihren knappen Ressourcen sollten aus dem Potpourri von Bewerberansprache und Auswahlverfahren das herausfiltern, was ihnen am ehesten die richtigen Kandidaten bringt. Die Orgadata Software-Dienstleistungen AG im ostfriesischen Leer versucht das erfolgreich. Das Unternehmen mit fast 200 Mitarbeitern entwickelt Branchensoftware für den Fenster-, Türen- und Fassadenbau. Mitarbeiter für Büroberufe werden ganz konventionell über Stellenanzeigen in den Lokalzeitungen gesucht, Softwareentwickler dagegen auf großen Onlineportalen wie Stepstone, Metallbauer über Branchenblätter. Auch Mitarbeiter werben um Kollegen. „Erfolgreich sind wir auf Jobbörsen, etwa bei der chance-azubi.com. Dahinter steht ein regionaler Verein, der die berufliche Orientierung und Bildung junger Menschen fördert „, erzählt Orgadata-Vorstandsvorsitzender Bernd Hillbrands. Sein Unternehmen umwirbt auch Studierende aus dem rund 30 Kilometer entfernten Emden, denen eine ländliche Region nicht fremd ist. Und es bietet seit 2012 den Bachelor an der Berufsakademie in Leer, um junge Menschen in der Region zu halten. „Leer statt London, das funktioniert nämlich nicht“, weiß der Orgadata-Chef.

Um die Mitarbeitersuche zu stemmen, hat sein Unternehmen gemeinsam mit Wettbewerbern das Software-Netzwerk gegründet. Die beteiligten Firmen lassen Schüler an einem Tag Programme, etwa zur Errechnung des Body Mass Index, entwickeln. „Wir sind seit zwei Jahren aktiv, und es kommen schon jetzt mehr Bewerber“, so Hillbrands. In den Herbstferien 2012 waren es 126 Schüler, die den Partnerunternehmen zugelost und bei Orgadata auch von Auszubildenden angeleitet wurden. Konkrete Bewerbungen laufen nicht über das Netzwerk, denn Wettbewerber bleiben Wettbewerber. Orgadata-Chef Hillbrands rät Firmen in anderen Regionen, sehr konzentriert zu agieren: „Es sollten schlagkräftige Unternehmen in einer überschaubaren Region gemeinsam vorgehen. Unser Software-Netzwerk kooperiert bereits mit einer Anzahl von Schulen im mittleren zweistelligen Bereich. Bei zu vielen Partnern arbeitet so ein Verbund nicht mehr gut.“

Ruth Lemmer