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Creditreform
Till Wahnbaeck

© impacc

Till Wahnbaeck hat in der Konsumgüterindustrie Karriere gemacht und die Welthungerhilfe geleitet. Sein gemeinnütziges Startup Impacc leistet Hilfe für Afrika: es verwandelt Unternehmensspenden in Investitionen und versorgt kleine Firmen in Afrika mit günstigem Kapital. Zehntausende Arbeitsplätze will Wahnbaeck mit diesem Modell südlich der Sahara schaffen – und zwar schnell.

 

Eine kleine Drehung auf dem Bürostuhl, ein zielsicherer Griff ins Regal. Till Wahnbaeck holt einen grauen Pflasterstein hervor, den er zwischen seinen Büchern aufbewahrt. Der Stein hat eine lange Reise hinter sich. Hergestellt wurde er von Gjenge Makers, einem jungen Unternehmen in der kenianischen Hauptstadt Nairobi.

Besonders aber macht ihn sein Hauptbestandteil: Plastikmüll. Der wird geschreddert, mit Sand vermengt und dann erhitzt in eine stabile Form gebracht. 50 Tonnen des Problemabfalls hat Gjenge Makers bereits recycelt und daraus 320.000 Steine gemacht. 20 Jobs sind entstanden.

Die Erfolgsbilanz der Kenianer findet sich auf der Internetseite von Impacc – einer gemeinnützigen GmbH in Hamburg. Till Wahnbaeck hat sie Ende 2019 mitgegründet und leitet sie seitdem als Geschäftsführer. Es ist ein mutiges Projekt in Sachen Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern. Denn Impacc geht einen völlig neuen Weg. „Wir sind die Ersten in Deutschland, die das vom Finanzamt verbriefte Recht haben, Spenden in Investitionen umzuwandeln“, sagt Wahnbaeck.

 

Unternehmer spenden

Wie eine klassische Hilfsorganisation sammelt auch Impacc Geld – doch das fließt dann als eine Art Risikokapital an Unternehmer in Afrika. Zielgruppe ist die sogenannte „Missing Middle“ – Unternehmen, die laut Weltbank einen Finanzierungsbedarf von 50.000 bis 250.000 Euro haben. „Sie fallen durchs Raster, während es für die Großen und ganz Kleinen einfacher ist, an Kapital zu kommen.“

Mit der Finanzspritze aus Hamburg treiben die Unternehmer den Aufbau ihrer Firmen voran. Der Unterschied zum klassischen Finanzmarkt: Impacc erwartet keine Rendite. Allein das investierte Kapital soll über den Verkauf von Anteilen zurückgezahlt werden – und auch das erst nach Jahren, wenn das Geschäft läuft. „Wir wollen dazu beitragen, dass vor Ort erfolgreiche Unternehmen entstehen – und nicht Investoren glücklich machen“, erklärt Wahnbaeck.

Und noch etwas macht die Arbeit von Impacc besonders. Das Geld wird nicht wie üblich auf dem privaten Spendenmarkt eingeworben, sondern bei Unternehmen. „Unser erster Reflex war, den klassischen Weg zu gehen“, sagt Wahnbaeck. Immerhin sechs Milliarden Euro kommen in Deutschland pro Jahr an privaten Geldern zusammen. „Wir wollten uns dabei aber abheben, das Spenden etwas spielerischer und ein Stück weit sexy machen.“ In einem virtuellen Kasino sollten Spender „Impacc-Chips“ erspielen und dann für den guten Zweck einlösen.

Doch die Idee wurde rasch verworfen, nachdem ein Pro-Bono-Projekt mit BCG Digital Ventures, einer Tochter der Beratung BCG, den Blickwinkel erweiterte. „Es gibt einen fast doppelt so großen Spendenmarkt in Deutschland, der zudem viel weniger umkämpft ist“, sagt Wahnbaeck: Unternehmensspenden. „Das war ein augenöffnender Moment.“

 

Kredit plus Know-how

„Wir wollen aus dem Almosengeben raus“, sagt Wahnbaeck. „Mit dem Aufbau von Unternehmen in Afrika kann die hiesige Wirtschaft etwas anfangen. Da bewegt man sich plötzlich auf Augenhöhe mit den Empfängern.“ Tatsächlich unterstützen die Unternehmen die Impacc-Projekte nicht nur finanziell, sondern auch mit ihrem Know-how. Beispiel Washking in Ghana: Das Unternehmen baut öffentliche Bio-Toiletten für Viertel, in denen Haushalte keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen haben. Für wenige Cent können diese genutzt werden.

Das soll gefährliche Erkrankungen wie Cholera eindämmen. Der saarländische Sanitärspezialist Villeroy & Boch lieferte Washking zunächst kostenlos Toilettensitze und spendete Geld. Inzwischen stellt Villeroy & Boch auch Know-how, etwa für das Design, bereit.

„Jetzt bin ich in der Art von Gespräch, in der ich immer sein wollte. Ich sage nicht: Bitte, bitte, gebt Geld. Sondern: Hört euch mal an, was wir anzubieten haben“, sagt Wahnbaeck. Es hilft ihm, dass der Bedarf, Gutes zu tun, bei Unternehmen steigt. „Investoren und Kunden legen mehr Wert auf Nachhaltigkeit.

Auch Beschäftigte fragen immer häufiger, was ihr Arbeitgeber an ökologischem und sozialem Engagement zu bieten hat.“ Wahnbaeck profitiert bei der Suche nach Personal selbst davon. „Wir bekommen Top-Leute, die bereit sind, für 50 Prozent weniger Gehalt als bei Daimler oder Google für uns zu arbeiten.“

 

Förderung der Bundesregierung

Zwölf Beschäftigte hat Impacc inzwischen – viel mehr müssen es nicht werden. „Wir wollen keine große Organisation bauen.“ Bis 2024 sichert eine Förderung der Bundesregierung die Kosten. „Langfristig muss sich unsere Organisation selbst erhalten.“ Zehn Prozent der Spenden für Büros und Gehälter in der Zentrale aufzuwenden, halte er für angemessen, sagt Wahnbaeck. „Wenn das zu einem guten Projektmanagement führt, können die restlichen Gelder eine maximale Wirkung entfalten.“

Das Pflasterstein-Projekt in Kenia unterstützt der schweizerische Gebäudetechnik-Spezialist HHM. „Für das Unternehmen war es wichtig, dass seine Ingenieure über den Tellerrand schauen. Dass sie lernen, in schwierigen Situationen Lösungen zu finden“, sagt Wahnbaeck. Vertreter von Gjenge Makers würden inzwischen zu Branchenevents nach Europa geladen, um ihre Geschichte zu erzählen.

 

Jobs als Gradmesser

Ebenfalls in Kenia arbeitet Impacc mit Cocovita zusammen. Das Unternehmen hilft Bauerngemeinschaften dabei, aus Kokosnüssen hochwertiges Öl zu gewinnen – und so die ländliche Industrialisierung voranzutreiben. Fast 200 Jobs hat Coco Vita bereits geschaffen.

Die Zahl neuer Arbeitsplätze – daran bemisst Wahnbaeck den Erfolg von Impacc. „Mehr als 90 Prozent der Jobs in Entwicklungsländern finden sich in kleinen Unternehmen der Privatwirtschaft“, sagt er. „Unternehmer schaffen Jobs und Jobs bekämpfen Armut. Die Werkzeuge der Wirtschaft funktionieren also grundsätzlich.“

An der Schaffung von mehr als 400 Stellen sei Impacc seit Beginn dieses Jahres beteiligt gewesen. In die Statistik schaffen es nur Jobs, die es länger als ein halbes Jahr gibt und für die mehr als der Mindestlohn des Landes gezahlt wird. Doch Wahnbaeck will viel mehr. Zehnttausende Arbeitsplätze peilt er bis 2025 an: „Wir setzen uns keine finanziellen, sondern Wirkungsziele.“

 

Ein Afrika des Aufbruchs

Es geht Wahnbaeck um mehr als darum, die wirtschaftliche Entwicklung anzukurbeln. Er will auch das Afrika-Bild ändern, das in der westlichen Welt vielerorts herrscht. „Es ist nicht allein der Kontinent der Hungersnöte und Leiden. Wenn ich mit Unternehmen sprechen, die wir unterstützen, dann erlebe ich viel Energie und Optimismus“, sagt er.

„Ich lerne vor Ort ein Afrika kennen, in dem Aufbruchstimmung herrscht – und ein Unternehmergeist, von dem wir uns eine Scheibe abschneiden könnten.“ Überwiegend steuert Wahnbaeck aus Hamburg die Geschicke von Impacc. Stärker vor Ort arbeitet Co-Gründer Jochen Moninger von der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba aus, unterstützt von einem vierköpfigen Team in Nairobi.

Kennengelernt haben sich Wahnbaeck und Moninger bei einer klassischen Hilfsorganisation: der Welthungerhilfe. Drei Jahre lang war Wahnbaeck dort bis 2018 Vorstandsvorsitzender. Moninger arbeitete unter anderem als Landesdirektor in Sierra Leone und leitete zuletzt die Stabstelle Innovation – mit dem Ziel, neue Geschäftsmodelle für Unternehmen in Entwicklungsländern zu kreieren.

„Ich habe mehr die ökonomische Kompetenz reingebracht“, sagt Wahnbaeck. Der Lebenslauf des 51-Jährigen ist alles andere als stromlinienförmig. Nach der Promotion in Geschichte stieg er bei Procter & Gamble ein – zunächst in Frankfurt, später übernahm er Führungspositionen in der Schweiz. „Ich bin zwar Historiker aus Leidenschaft, aber doch eher der Machertyp“, sagt Wahnbaeck.

 

Geistesblitz beim Joggen

Zwölf Jahre arbeitete er im Marketing des Konsumgüter-Riesen. „Ich habe alle nötigen Werkzeuge erlernt“, sagt er. Doch der Job allein erfüllte nicht. Wahnbaeck nahm eine dreimonatige Auszeit für ein soziales Projekt in Afrika. „Da war ich schon so etwas wie ein bunter Hund.“ Er half in einem Township in Tansania Frauen, die an Aids erkrankt waren, beim Schritt in die Selbstständigkeit.

„So konnten sie ihre Familien ernähren.“ Von 2012 bis 2014 leitete Wahnbaeck den Münchner Gräfe und Unzer Verlag. Schließlich meldete sich ein Headhunter mit dem Angebot, an die Spitze der Welthungerhilfe zu rücken – und Wahnbaeck griff zu. „Ich hatte schon lange vor, mich stärker in diese Richtung zu bewegen.“

„Die Welthungerhilfe macht langfristige Projektarbeit und viel Nothilfe – und das macht sie ausgesprochen gut“, lobt Wahnbaeck seinen früheren Arbeitgeber. Die Suche nach dem wirklich passenden Job ging für ihn weiter. Er kündigte bei der Welthungerhilfe und zog mit Frau und drei Töchtern für ein halbes Jahr nach Australien.

„Wir sind dann viel mit einem alten Camper durch die Gegend gefahren.“ Zeit für Besinnung – und für die richtige Idee. „Ich wusste, dass ich Impacc machen wollte“, sagt Wahnbaeck. „Nur der Name fehlte noch.“ Dutzende habe er mit Jochen Moninger erdacht – und wieder verworfen. „Für unsere Bewerbung bei dem BCG-Projekt mussten wir ein kurzes Video aufnehmen, in dem wir uns vorstellen. Wir haben eine Woche lang jeden Tag ein neues gemacht – immer mit einem neuen Namen.“ Impacc sei ihm dann eines morgens beim Joggen an der Elbe eingefallen. Ein Anruf bei Moninger – und auch das war geklärt.

 

Zuversicht als Auftrag

„Wir sind ungeduldige Optimisten“, schreibt das Impacc-Team über sich selbst auf der Firmen-Homepage. „Die UNO hat das Ziel vorgegeben, dass es bis 2030 auf der Welt keinen Hunger mehr gibt. Aber uns rennt die Zeit weg“, sagt Wahnbaeck. Bei ihm gebe es keine Pause zwischen Erkenntnis und Umsetzung. „Das treibt die Leute um mich herum manchmal zur Verzweiflung.“ Zugleich müssen die Impacc-Kolleginnen und Kollegen viel Zeit gewähren – das Kapital zumindest muss geduldig sein.

„Zwischen fünf und 15 Jahre“, das ist der Zeitraum, den Wahnbaeck für einen nachhaltigen Aufbau von Unternehmen mithilfe der Impacc-Investitionen nennt. Die Zuversicht dabei sieht er als Auftrag. „Wenn man so privilegiert ist wie wir im globalen Norden, dann hat man die Pflicht zu Optimismus“, sagt Wahnbaeck. „Wir haben die Mittel, etwas zu ändern.“

 

Zur Person

Till Wahnbaeck, 51, wurde in Celle geboren. „Eine tolle Stadt zum Aufwachsen – und dann mit 18 auch zum Weggehen“, sagt er. Die Kindheit und Jugend waren christlich geprägt: Großvater und Urgroßvater waren Pastoren. Wahnbaeck machte Abitur in Italien, wo er zwei Jahre lang ein internationales Internat besuchte. Nach dem Geschichtsstudium in Freiburg promovierte er in Oxford. Es folgten verschiedene leitende Positionen bei Procter & Gamble und der Chefposten bei der Welthungerhilfe. Im Dezember 2019 startete Till Wahnbaeck Impacc in Hamburg. Den Schwerpunkt legt das gemeinnützige Unternehmen auf Armutsbekämpfung in Afrika – weil dort die höchste Wirkung erzielt werden könne, sagt der Social Entrepreneur. „Zwei Drittel der Menschen weltweit, die täglich weniger als zwei Dollar zur Verfügung haben, leben südlich der Sahara in Afrika.“