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Waterkotte Thomas Wazynski

© Jochen Krings

Lange unterschätzt – nun heiß begehrt: Die vor über 50 Jahren vom Tüftler Klemens Oskar Waterkotte entwickelte Wärmepumpe erlebt einen nie gekannten Nachfrageboom als Schlüsseltechnik. Nach einigen Rückschlägen bremst das von ihm gegründete Unternehmen derzeit nur der Materialmangel.

 

Ehrlicher kann Arbeit kaum sein. Zange und Maulschlüssel liegen auf den Werkbänken zwischen Schraubstock und Schweißstation. Beschäftigte in grauen T-Shirts mit dem Firmenlogo auf dem Rücken montieren hier per Hand.

Aus großen Industrieregalen versorgen sie sich mit Nachschub – dort lagern gestapelt in Pappkartons die benötigten Bauteile. Thomas Wazynski blickt skeptisch auf das noch verpackte Material. „Es könnte gerne mehr sein“, sagt er.

„Unsere Lieferanten kommen nicht mehr hinterher.“ Als Waterkotte-Geschäftsführer vermarktet er ein Produkt, das derzeit eine Hochkonjunktur erlebt: die Wärmepumpe. Hier in Herne, mitten im Ruhrgebiet, wurde sie vom Firmengründer Klemens Oskar Waterkotte Ende der 1960er Jahre entwickelt – hier wird sie weiter produziert.

Ein Abreißen der Nachfrage schließt Wazynski aus. Um 20 Prozent soll Waterkotte bis 2030 wachsen – pro Jahr, so der Plan. Von derzeit 33 Millionen Euro Umsatz. „Es könnten auch 50 Prozent sein, wenn wir genug Teile hätten – und genug Leute für die Fertigung“, sagt Wazynski.

Der Motor des Booms ist die Energiewende. Mit 15 Millionen Wärmepumpen könnten im Jahr 2045 in Deutschland gut zwei Drittel aller Gebäude effizienter und klimaschonender beheizt werden, hat die Unternehmensberatung Boston Consulting Group in einer Studie ermittelt.

Bisher sind gut eine Million davon in Betrieb. Wirtschaftsminister Robert Habeck hat die Wärmepumpe im Januar auf die Prioritätenliste für den Umbau des Energiesektors gesetzt. Beschleunigt wird dieser nun durch den Ukraine-Krieg, den Privathaushalte durch massive Aufschläge bei der Gasrechnung zu spüren bekommen. „Wir haben auch eine gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen“, sagt Wazynski. „Deutschland von Gas und Öl unabhängig zu machen.“

 

Schlüsseltechnik für die Gebäudeheizung

Zu verdanken ist die Wärmepumpentechnologie einem Aha-Moment des Ingenieurs Klemens Oskar Waterkotte Ende der 1960er Jahre. Damals hatte er für den Schweizer Elektronikkonzern Brown Boveri & Cie beim Bau der Münchner U-Bahn eine knifflige Aufgabe vor sich.

Um Hunderte Stützpfeiler stabil zu errichten, sollte die Erde eingefroren werden, ein aus dem Bergbau entlehntes Vorgehen. „Ich war vom Ausmaß der Energiemenge, die das Erdreich freisetzt, beeindruckt“, erinnert sich Waterkotte später in einem Interview.

Nach getaner Arbeit in München fasste er den Entschluss, sein geplantes Eigenheim mit Erdwärme zu beheizen. In intensiver Tüftelarbeit gelang ihm der Bau einer Anlage, die die Energie aus dem Boden in die Fußbodenheizung speist – deutlich günstiger und CO2-ärmer als konventionelle Heizungen.

1972 eröffnete Waterkotte ein Ingenieurbüro, um die neue Technik zu vermarkten. Vier Jahre später folgte der Start der Fertigung in Herne. In Zeiten der Ölkrise erlebte die Erd-Wärmepumpe tatsächlich einen ersten Höhenflug – der rasch zu Ende ging. „Viele Unternehmen begannen mit dem Bau von Wärmepumpen und drängten überhastet in den Markt“, sagt Andreas Jung, seit 1990 im Betrieb und heute technischer Geschäftsleiter.

„Die Reklamationen häuften sich. Das Image der neuen Technik bekam schwere Kratzer.“ Doch Firmenlenker Waterkotte ließ sich im Glauben an die Zuverlässigkeit der eigenen Technik nicht beirren.

  • 1968 – Der Ingenieur Klemens Oskar Waterkotte entwickelt die Erd-Wärmepumpe, erster Einsatzort ist sein Eigenheim.
  • 1972 – Waterkotte eröffnet in Herne ein Ingenieurbüro, um die neue Technik zu vermarkten.
  • 1976 – Gründung der Waterkotte GmbH.
  • 2001 – Start der Tochterfirma Teramex – sie übernimmt Bohrungen und den Bau von Erdwärmesonden.
  • 2007 – Nach einem Boomjahr bricht der Wärmepumpenabsatz ein, Waterkotte gerät in finanzielle Turbulenzen.
  • 2011 – Übernahme des Familienbetriebs durch den Finanzinvestor Dricon Capital.
  • 2020 – Die schwedische Nibe übernimmt Waterkotte – mit dem Ziel, bis 2030 jährlich um 20 Prozent zu wachsen.

Boom und Beinahe-Bruchlandung

Anfang der 2000er Jahre gelang mit Großprojekten der Sprung in eine neue wirtschaftliche Dimension. So stieg die Volksbank Rheine als eines der ersten Unternehmen auf Wärmepumpen aus Herne um. Endlich schien ein stetiger Wachstumspfad erreicht, der 2006 seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte.

„Das war ein absolutes Boomjahr für die Heizungsbranche“, erinnert sich Geschäftsführer Wazynski. Die Eigenheimzulage wurde zum Jahresende abgeschafft, Bauherren wollten den staatlichen Zuschuss noch mitnehmen und machten Tempo. Auch bei Waterkotte herrschte Hochkonjunktur.

„Alle dachten: Hurra, jetzt geht es für immer aufwärts.“ In der Euphorie traf Gründer Klemens Waterkotte eine folgenschwere Entscheidung. Er orderte knapp zwei Dutzend neue Bohrgeräte. „Der Bestand stieg von fünf auf 16“, erinnert sich Technikchef Jung. „Jedes Gerät kostete mehrere Hunderttausend Euro.“

Die Refinanzierung wurde aussichtslos, als im Jahr darauf der Bauboom abebbte. „Der gesamte Heizungsbau erlebte im zweiten Quartal einen Einbruch“, sagt Jung. „Anschließend ist der Markt dann richtig runtergeknallt. Wir sind in sehr unruhige Fahrwasser geraten.“

Zudem waren die Lager voll, was weiteres Kapital band. „Wir hatten Komponenten für unsere Wärmepumpen eingekauft und waren in vollem Galopp.“ 30 Millionen Umsatz und fünf weitere durch die Bohr-Tochter – das war Geschichte. „Die Zahlen gingen runter“, sagt Jung. „Versuchen Sie mal, kurzfristig ein Bohrgerät abzustoßen.“

„Der Klimawandel wird nicht richtig ernst genommen. Das verstehe ich nicht.“

Andreas Jung, Waterkotte

Neuanfang mit dem Kerngeschäft

Zunächst verhinderten die Gewinne aus dem Jahr 2006 eine unmittelbare bilanzielle Schieflage. „Es war schon etwas Polster da“, sagt Jung. Der Druck aber blieb. 2010 hätten die Banken eine nötige Anschlussfinanzierung an ein Sanierungskonzept geknüpft – inklusive einer Nachfolgeregelung. Gründer Waterkotte war inzwischen 77 Jahre alt. „Das Loslassen fiel ihm schwer, er war emotional so stark mit der Firma verbunden“, sagt Jung.

Unter dem Druck der Banken stimmte er einem Verkauf des Unternehmens zu. Der Frankfurter Finanzinvestor Dricon Capital übernahm. Teramex wurde abgestoßen, Waterkotte auf das Kerngeschäft Wärmepumpe zurückgestutzt und mit frischem Kapital versorgt. „Wir haben uns abgenabelt, der Umbruch war nötig“, sagt Jung.

Eine neue Form der Entscheidungsfindung habe Einzug gehalten, berichtet Geschäftsführer Wazynski. „Mehr Demokratie, mehr Sachargumente – das gab einen positiven Schub.“ Ein Industriedesigner verpasste den optisch angestaubten Wärmepumpen einen frischen Look.

Schlichtes Design im Kühlschrankformat – mit der in markantem Gelb gehaltenen digitalen Bedienleiste. Heute zeigen die Farben der Geräte den Einsatzort an: Weiß für den Privathaushalt, Grau für die gewerbliche Nutzung.

Arbeiten wie im Familienbetrieb – das gilt weiter, nachdem der Finanzinvestor Waterkotte Anfang 2020 an die schwedische Nibe verkauft hat. Der Konzern verfügt mit einer Vielzahl von eigenständigen Unternehmen über ein breites Portfolio in Sachen erneuerbarer Energie.

„Man gibt uns Freiraum“, sagt Wazynski. Mit der bayerischen Alpha Innotec gehört ein zweiter Wärmepumpenspezialist zum Portfolio. Das 1988 gegründete Unternehmen sei auch Vorbild für Waterkotte, sagt Andreas Jung. „Sie haben von Beginn an den Fokus auf die Luft-Wärmepumpe gelegt.“ Im Privatkundengeschäft machen diese inzwischen 80 Prozent des Marktes aus.

Auch die Waterkotte-Lenker steuern um. „Wir kommen bei Luft-Wärmepumpen auf einen Anteil von 50 Prozent – Tendenz steigend“, sagt Wazynski. Die Luft-Variante benötigt keine tiefen Bohrungen und Sonden im Erdreich, sondern nutzt die Außenluft, um Gebäude zu beheizen – selbst bei einer klirrenden Kälte von minus 20 Grad ist das noch möglich.

„Die Technik hat enorme Effizienzfortschritte gemacht“, sagt Jung. Weil die Kosten für Bohrung und Technik im Untergrund wegfallen, ist die Luft-Wärmepumpe billiger. Im Schnitt 15.000 Euro kostet sie für ein Einfamilienhaus – 5.000 bis 10.000 Euro weniger als die Geothermie-Variante. Langfristig lohnt sich der finanzielle Mehraufwand für eine Wärmepumpe mit Erdbohrung jedoch. Sie arbeitet kostengünstiger und ermöglicht sogenanntes passives Kühlen ohne zusätzlichen Energieaufwand.

 

Eigene Akademien in ganz Deutschland

Eine weitere Erlösquelle für Waterkotte ist das Servicegeschäft – häufig online als Fernwartung. „Früher wollten die Handwerksbetriebe das alles unbedingt in der Hand behalten. Heute installieren sie das Gerät – und wollen dann nichts mehr damit zu tun haben. Das ist für sie das lukrativste Geschäft“, sagt Jung. Zudem verdient sein Arbeitgeber mit Schulungen für Handwerker. Eigene Akademien gibt es heute in Leipzig, München, Stuttgart und Osnabrück – zwei weitere solcher Standorte sind in Planung.

Auch am Hauptstandort wird umgebaut. Es ist mehr Fläche nötig für die Produktion. 20.000 Quadratmeter würde Geschäftsführer Wazynski gerne zusätzlich nutzen. Eine Erweiterung der bestehenden Hallen sei ebenso denkbar wie ein Neubau. Herne will er dabei treu bleiben – „allein schon wegen der Fachkräfte“. 130 Beschäftigte hat Waterkotte. „Wir bauen stark Personal auf.“

Angesichts der enormen Nachfrage sind aus früheren Gegnern nun Wettbewerber geworden: Die großen Heizungsbauer sind auch in das Geschäft mit Wärmepumpen eingestiegen. „Früher haben sie uns noch bekämpft, weil sie ihre Gas- und Ölheizungen vermarkten wollten“, sagt Jung.

Im August besuchte Olaf Scholz die Fertigung von Viessmann im nordhessischen Allendorf. Der Kanzler drehte sogar eine Schraube in eine Wärmepumpe. Wäre der Scholz-Besuch nicht im Betrieb des Erfinders der Technologie passender gewesen? Andreas Jung zuckt mit den Achseln. „Eigentlich ist mir das egal.“

Es geht ihm um die Sache – den Umweltschutz. „Der Klimawandel wird nicht richtig ernst genommen. Das verstehe ich nicht“, sagt Jung. „Wir sind kurz vor einer Situation, in der die Schäden irreversibel werden.“ Eine Wärmepumpe hat er in seinem Eigenheim in Witten schon lange eingebaut.

Thomas Wazynski hat länger gewartet. Obwohl schon seit über einer Dekade im Unternehmen, ließ er sein Haus in Essen erst im vergangenen Jahr umrüsten. „Es war kein Neubau und damit baulich etwas komplizierter und auch teurer“, sagt Wazynski. Doch nun kann er mit einer Anlage heizen und kühlen – und schwärmt über das eigene Produkt: „Etwas kühle Luft, die über den Fußboden aufströmt, das ist besonders in einem solchen Hitzesommer toll.“