Das Unternehmermagazin aus der Handelsblatt Media Group

Creditreform

Auf Unternehmen, die ihre Mitarbeiter bei der Kinderbetreuung unterstützen, trifft man immer häufiger. Doch nun müssen sich viele Arbeitgeber und Arbeitnehmer einer neuen Herausforderung stellen: Der kurz- und auch langfristigen Pflege von Angehörigen. Was das Gesetz vorschreibt und was Firmen in der Praxis anbieten.

Manchmal kommt einfach alles zusammen: Nach einem Herzinfarkt wird die Mutter einer Mitarbeiterin des Arzneimittelherstellers Janssen GmbH in ein Krankenhaus eingeliefert. Schon sehr bald stellt sich heraus, dass sich die 72-Jährige nicht mehr allein versorgen kann. Gleichzeitig braucht ihre Tochter jetzt eine Kinderfrau, da bislang die Oma immer auf die Enkelin aufgepasst hat.

Für solche Notfälle ist das Neusser Unternehmen gut gerüstet. Der externe Dienstleister Kinderhut GmbH versorgte die Janssen-Mitarbeiterin mit allen notwendigen wirtschaftlichen sowie rechtlichen Informationen und vermittelte zügig eine Pflegekraft für die hilfsbedürftige Seniorin. In der Betriebskita war zudem ein Tagesplatz für den Nachwuchs frei. Für Personaldirektor Frank Zils steht fest: „Privatleben und Beruf sind nicht voneinander zu trennen. Wenn wir unsere Belegschaft unterstützen, reduzieren wir Fehlzeiten, binden Mitarbeiter, steigern die Motivation und profitieren von Wettbewerbsvorteilen bei der Personalgewinnung.“

Das Beispiel Janssen zeigt: Steht die Unterstützung der Kinderbetreuung schon seit längerem auf der Agenda von Unternehmen, rückt jetzt auch die Hilfe bei der Pflege älterer Angehöriger immer stärker in den Fokus. Oliver Schmitz findet, dass dieses Thema jedoch weiter enttabuisiert werden muss. „Geschichten über die Kinder sind gern Thema beim Mittagstisch, über inkontinente oder demente Eltern spricht niemand gern“, sagt der Geschäftsführer der Berufundfamilie Service GmbH, die familienfreundliche Betriebe zertifiziert.

Mehr Flexibilität und Transparenz gewünscht

Was die Sache zusätzlich erschwert: Pflegefälle treten oftmals plötzlich und unerwartet ein. Und viele Frauen stehen – ähnlich wie die Janssen-Mitarbeiterin – vor der Doppelbelastung, sich um Kinder und krankes Elternteil gleichzeitig kümmern zu müssen. Entsprechend groß sind im Notfall der Wunsch der Arbeitnehmer nach flexiblen Arbeitszeitmodellen sowie der Anspruch, dass Arbeitgeber Mitarbeiter „ermutigen, Vereinbarkeitsprobleme von Beruf und Pflege offen ansprechen zu können“, wie eine Studie von Berufundfamilie ergab.

Rudolf Kast, Vorstandsvorsitzender des Demographie- Netzwerks, rät Firmen, neben flexiblen Arbeitszeiten auch Teilausstiege anzubieten, die sich an den jeweiligen Lebensphasen orientieren: „Qualifizierte Arbeitskräfte sind rar und Lebensphasenorientierung mit dem Angebot von Auszeiten ist ein Attraktivitätsmerkmal und Wettbewerbsvorteil.“

So weit wie die Aareon AG gehen dabei erst wenige Unternehmen: Die Belegschaft des Mainzer Beratungs- und Systemhauses für die Immobilienwirtschaft ist zu fast einem Drittel 50 Jahre und älter. Die Bedeutung des Themas Pflege nehme deshalb zu, so Sylvia Clöer, für den Konzernbereich Personal und Organisation zuständige Direktorin. Sie plädiert dafür, peu à peu Maßnahmen einzuführen und zu erheben, was bei der Belegschaft ankommt. In der Folge hat Aareon für alle Mitarbeiter die Kernarbeitszeit abgeschafft. So können pflegende Mitarbeiter den Samstag in ihre Wochenarbeitszeit mit einbeziehen und sich bei Eintreffen eines Pflegefalls kurzfristig bis zu sechs Wochen freinehmen, was deutlich über die gesetzliche Regelung hinausgeht. „Entscheidet sich ein Mitarbeiter für die Fortzahlung seines Gehaltes in dieser Zeit, kann er die fehlenden Arbeitsstunden in einem Zeitraum von zwölf Monaten nachholen“, sagt Clöer. Bei Bedarf können Betroffene zudem bis zu zwei Jahre in Teilzeit gehen und haben danach wieder einen Anspruch auf eine Vollzeitstelle. Aareon bietet außerdem regelmäßig Fachvorträge zum Thema an sowie eine kostenfreie Hotline eines spezialisierten Dienstleisters, der Beschäftigte unter anderem zur Pflege berät.

Auf der nächsten Seite: Hilfe per Tarifvertrag