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Auftritte auf Job- und Karrieremessen bieten gegenüber der Online-Suche nach Mitarbeitern einen wesentlichen Vorteil: das persönliche Gespräch. Für Mittelständler gibt es etliche Möglichkeiten, sich interessant zu machen und auch neben großen Arbeitgebern aufzufallen.

 

© Henkel

Mehr als sieben Millionen Videoaufrufe zählt Youtube für Flo West. Mit „Zehn Arten um aufzuräumen“ oder dem Idiotentest „Ich kassiere Stromschläge“ witzelt er sich durch jugendliche Alltagsthemen.

Aber er wirbt auch für die duale Ausbildung. Glaubwürdig, denn Flo West ist gelernter Mediengestalter. Deshalb hat ihn die Industrie- und Handelskammer (IHK) München und Oberbayern zur Ausbildungsmesse „IHK Jobfit“ in München eingeladen. Dort stellen 160 Betriebe sage und schreibe 156 Berufsbilder und 44 duale Studiengänge vor.

Seit 20 Jahren organisiert die IHK die Jobfit in Ingolstadt und Rosenheim, seit sechs Jahren in München. „Die Firmen wissen, dass wir die Schüler auf die Messe vorbereiten“, nennt Florian Kaiser, Leiter des IHK-Referats Berufsausbildung einen Erfolgsfaktor.

Der zweite: Die Aussteller werden befragt, direkt nach der Messe und später noch einmal. Und ihre Anregungen werden ernst genommen. „Wir sind von Freitag auf Samstag gewechselt und alle Stände sind gleich groß.“ 2017 bewerteten 70 Prozent der Firmen die auf der Jobfit geführten Gespräche überwiegend gut bis sehr gut, 27 Prozent wollen bis zu drei und 31 Prozent sogar bis zu sechs Standbesucher für ihre Bewerbungsverfahren berücksichtigen. Denn der Bedarf an guten Azubis und Fachkräften ist groß.

Genau wie der Markt für Job- und Karrieremessen, die mit dem Versprechen werben, Kandidaten und Unternehmer erfolgreich zusammenzubringen. Große Unternehmen mit eigenen Abteilungen für Recruiting und Employer Branding haben diese Messen Jahr für Jahr fest eingeplant. Für kleine und mittlere Unternehmen stellt sich dagegen die Frage: Kann ich den Aufwand mit meinem Budget und Personal stemmen und werde ich neben den Großen überhaupt wahrgenommen?

 

Ein kleines Budget macht kreativ

Die Antwort lautet: Ja, aber. „Was man nicht an Budget hat, muss man mit originellen Ideen wettmachen“, sagt Jörg Mosler, Profi in Sachen Mitarbeitergewinnung. „Mit Gewinnspielen und Rätseln, die zum Unternehmen passen, fällt man auf.“ Der Redner und Autor betont aber auch: „Es müssen Kontakte herauskommen, damit man nach der Messe nachhaken kann.“ Social-Media-Videos über die tolle Stimmung am Stand bringen Reichweite – und verlängern den Messeauftritt. Ebenso wichtig ist eine gute Auswahl der Veranstaltung.

Immerhin ist das Angebot so groß, dass für alle Unternehmensgrößen und Branchen etwas Passendes dabei ist. Regionale Ausstellungen wie die Jobfit veranstalten sowohl Handwerkskammern als auch die gewerbliche Wirtschaft vor allem für die Praktikanten- und Azubi-Suche. Ein Promi wie Flo West soll dabei helfen, die Kandidaten anzulocken.

Etwas Besonderes im Südwesten Bayerns ist auch der Job-Shuttle. Ehrenamtlich organisiert von den Wirtschaftsjunioren, fahren 20 Busse 14 Firmen-Haltestellen an – vom Bäckereifilialisten Wolf über die Kreissparkasse Augsburg bis zum Gardinenhersteller Albani. „Wir präsentieren im Showroom die fertigen Stoffe und zeigen dann in der Entwicklung, wie eine Gardine entsteht“, erklärt Albani-Ausbildungsleiter Rainer Hilgner.

Ob von den 70 Schülern, die im Oktober bei dem Familienunternehmen aus dem Bus stiegen, einer dort eine Ausbildung beginnen wird, weiß er noch nicht. Von 15 Azubistellen bei Albani sind immerhin schon 13 besetzt. Darüber hinaus seien Veranstaltungen wie der Job-Shuttle aber wichtig fürs Image, so Hilgner: „Wir werden bekannter, auch das ist für ein Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitern wichtig.“

Generell gilt: Die Schwerpunkte und Konzepte der Jobmessen und Karriereevents sind so verschieden wie ihre Besucher. Es gibt regionale und überregionale Veranstaltungen, Events, die sich an eine bestimmte Branche oder Berufsgruppe richten, und solche, die auf einen bestimmten Karriereabschnitt zugeschnitten sind. Und es gibt Messen wie die Sticks & Stones in Berlin und München. Dort stellen sich Unternehmen vor, die Vielfalt großschreiben. Die Messe versteht sich als Job- und Karriereplattform für Homosexuelle und Transgender, die sich beruflich weiterentwickeln wollen.

 

Familienunternehmen unter sich

Sehr zielgenau treffen Mittelständler auch auf der Karrieremesse Familienunternehmen auf potenzielle Mitarbeiter. Denn der Entrepreneurs Club in München sucht als Veranstalter schon im Vorfeld aus bis zu 3.000 Bewerbern rund 650 Kandidaten aus. Jeder Aussteller kann bis zu 30 Jobinterviews führen, alle Stände sind gleich groß. 2019 präsentieren sich die Familienunternehmen bei Veranstaltungen beim Werkzeugmaschinenbauer Trumpf in Ditzingen und beim Gebäudetechniker Gira Giersiepen in Radevormwald. Im November kamen 50 Firmen zum Kopfhörerhersteller Sennheiser nach Hannover.

Wieder mit dabei: Familienunternehmen Beckers Bester. Der Safthersteller mit 130 Beschäftigten in Lütgenrode bei Göttingen gewann auf der Karrieremesse bereits einen stellvertretenden Betriebsleiter, zwei Personalerinnen, zwei Key Accounter und einen Mitarbeiter fürs Marketing. „Da kommen eben Leute hin, die im Mittelstand arbeiten wollen“, sagt Geschäftsführer Sebastian Koeppel. „Und ob ich mit einem Bewerber eine gemeinsame Wertebasis habe, erfahre ich live viel besser als online.“

Neben Kammern, Vereinen und Wirtschaftsverbänden haben aber auch kommerzielle Anbieter das Jobmessegeschäft längst für sich entdeckt. Bis zu 20 Messen, verteilt über Metropolen und kleinere Wirtschaftsregionen, stehen pro Monat im Kalender. Veranstalter sind Gesellschaften wie die Barlag Werbe- und Messeagentur in Osnabrück. Sie schnürt an 22 Standorten in Deutschland Rundumpakete für Firmen.

„Ob ich mit einem Bewerber eine gemeinsame Wertebasis habe, erfahre ich live viel besser als online.“

Sebastian Koeppel, Beckers Bester

Zum Stand auf der Jobmesse gehören dann ein Messekatalog, Zeitungsanzeigen, Plakate und Info-Screens in Bus und Bahn. Auch PR-Betreuung und Standbau können gebucht werden. Angesprochen werden so gut wie alle Bewerber – von Schülern über Studenten und Young Professionals, Quereinsteigern und potenziellen Jobwechslern bis hin zu Führungskräften und der Generation 50plus. Vor allem Konzerne nutzen den Service, bei dem die Kosten schnell fünfstellig sind.

Einen günstigeren Weg für KMU hat die Südwestfalen Agentur gefunden. Sie wirbt auf großen Karrieremessen für die Wirtschaftsregion, nimmt aber Firmen mit auf ihren Gemeinschaftsstand. Strumpffabrikant Falke und die Krombacher Brauerei waren so auf dem Absolventenkongress in Köln. Außerdem haben die Südwestfalen-Mitarbeiter von Mitgliedsunternehmen, die nicht selbst auf der Messe sind, Stellenanzeigen und Arbeitgeberprofile im Postkartenformat in der Standauslage.

Ob beim VDI Recruiting Tag in Dortmund als technikgetriebener Veranstaltung oder bei der Firmenkontaktmesse der Studenteninitiative Bonding in Aachen: So sind auch kleinere Betrieben vertreten, ohne sich finanziell zu verausgaben.

So gelingt der Jobmesse-Auftritt

✪ Bauen Sie den Messestand offen und kommunikativ. Verwinkelte, wuchtige Konstruktionen schrecken ab.

 

✪ Wer Standdienst macht, muss zu den Besuchern passen und etwas zu sagen haben: Mitarbeiter aus Fachabteilungen und Teamchefs für Hochschulabsolventen oder Berufstätige, Auszubildende für Schüler.

 

✪ Freundlichkeit ist oberstes Gebot – auch gegenüber uninteressanten Kandidaten. Der Umgangston spricht sich herum – und kann das Firmenimage verbessern oder aber beschädigen.

 

✪ Ob Techniker oder Kaufmann, die Leute am Stand sollten das Unternehmen sehr gut kennen. Broschüren zu verteilen und auf die Homepage zu verweisen, reicht nicht.

 

✪ Geben Sie spannenden Kandidaten einen Code, den diese bei der späteren Bewerbung nutzen. So wird das Interesse konkret und der Personalchef sieht auf einen Blick, woher der Kontakt kommt.