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Ein Start-up aus Würselen war bei der Fußball-WM 2014 mit dabei. Aber was heißt hier dabei? Eher mittendrin: Die Goalcontrol GmbH hat bei allen Spielen analysiert, ob das Runde auch wirklich im Eckigen war. Geht es nach Geschäftsführer Dirk Broichhausen (Foto), war die WM nur der Anfang der Torlinientechnologie im Profi-Fußball. Das folgende Interview fand kurz vor WM-Auftakt statt.

Herr Broichhausen, bis zum Anpfiff der Fußball-WM 2014 sind es nur noch wenige Tage. Sind Sie nervös?

Nicht nervös – aber es bedeutet uns eine Menge, unmittelbar beim wohl größten Sport-Event der Welt involviert zu sein. Da ist eine naturgegebene Anspannung ganz normal und auch hilfreich, hochkonzentriert solch ein herausforderndes und zugleich spannendes Großprojekt zu meistern. Wir haben im letzten Jahr beim Confed-Cup in Brasilien wichtige Erfahrungen bei der Organisation gesammelt. Davon werden wir nun bei der Fußball-WM maßgeblich profitieren.

Dabei kam der Auftrag für den Confed-Cup und die WM ziemlich unvermittelt …

Allerdings. Wir waren zwar von unserer Leistungsfähigkeit, von unserem System und von unseren Lösungsansätzen stets überzeugt, dennoch waren wir der vermeintliche Außenseiter. Und wir hatten auch erst kurz zuvor und als Letztes der konkurrierenden Unternehmen die Lizenz von der FIFA erhalten. Kurzum, ich war selbst mächtig überrascht! Als mich die FIFA Anfang April 2013 anrief und über den Zuschlag informierte, war ich gerade beim Skifahren in den Alpen. Mein Handy hat erst einmal einen Schneetest bestehen müssen – das ist mir bei der Nachricht einfach aus der Hand gefallen.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Wird die WM der Durchbruch für die Torlinientechnik und für Goalcontrol?

Die WM ist das bedeutendste Turnier der Welt und Goalcontrol wird dadurch international gewiss ein enormes Interesse und weltweite Beachtung erfahren.

Sicher, aber wann wird Goalcontrol in der Ersten Liga eingesetzt – und wann dann doch auch in der deutschen Bundesliga?

Da müssen Sie die einzelnen Ligen fragen. Wir stehen international mit zahlreichen Verbänden und Ligen in intensiven Gesprächen. Ich bin davon überzeugt, dass die Torlinientechnik weltweit in den Profi-Ligen über kurz oder lang zum Einsatz kommen wird. Diese Entwicklung im Weltfußball wird zu Recht nicht aufzuhalten sein. Schließlich ist sie nicht nur eine sinnvolle Unterstützung für die Schiedsrichter. Unsere Torlinientechnik bietet weit mehr, etwa faszinierende Analyse- und Entertainmentlösungen für Clubs und Fans. Sie sorgen schon jetzt für ein reges Interesse aller Insider und Beteiligten.

Umgekehrt: Die Deutsche Fußball Liga GmbH, kurz DFL, hat sich erst im März gegen die Einführung der Torlinientechnik entschieden. War die Ablehnung ein Schock?

Es war kein Schock – aber eine große Überraschung. Aufgrund der Vorgespräche war mit dieser Entscheidung nicht zu rechnen. Ich denke, dass auch die DFL ein anderes Abstimmungsergebnis erwartet hätte. Und ich finde es sehr bedauerlich, dass sich die Bundesliga damit zunächst gegen eine zukunftsorientierte Ausrichtung entschieden hat. Immerhin vergleicht sich die Bundesliga immer wieder mit der Premier League, in der die Technik bereits eingeführt wurde. Die Vereine, die gegen die Einführung waren, sollten von der Sinnhaftigkeit überzeugt werden, indem die Kostenargumente gelöst werden. Torlinientechnik kann ja deutlich mehr, als nur die Frage „drin“ oder „nicht drin“ zu beantworten! Wir als Goalcontrol fühlen uns von der Negativentscheidung jedenfalls angespornt, die Verantwortlichen im Fußball nun umso mehr von der Leistungsfähigkeit und dem Mehrwert unserer Technologie überzeugen zu wollen. Die WM in Brasilien wird dazu ein wunderbares Forum bieten.

Thema Rückschläge: Auch die FIFA hatte die Technik erst abgelehnt. Wie verliert man dennoch nicht den Mut?

Einfach weitermachen, nie aufgeben. Als die FIFA im Frühjahr 2010 technische Hilfsmittel zunächst kategorisch ausschloss, befanden wir uns ja noch in der Experimentierphase. Zum Teil in Abend- und Wochenendstunden haben wir uns damals auch auf dem örtlichen Fußballplatz getroffen, um uns – quasi als Hobby – mit dem Thema zu beschäftigen. Als die FIFA das Projekt nach der WM 2010 erneut ausschrieb, haben wir unsere Arbeit intensiviert und ihr mit der Gründung der GmbH eine finanzielle und strukturelle Basis gegeben.

Was empfehlen Sie anderen Unternehmern, die Rückschläge wegzustecken haben?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Natürlich muss man analysieren, welche Ursachen die Entscheidung hat und wie man – oder ob man – die Ursachen künftig mildern oder vermeiden kann. Wenn Qualität und Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen, muss man noch mehr Aufklärung bei den beteiligten Entscheidern betreiben. So werden wir unsere zum Teil schon laufenden Gespräche mit anderen Verbänden und Ligen nochmals intensivieren und ich bin auch zuversichtlich, dass sich die Technologie auf Dauer in den Fußball-Ligen flächendeckend durchsetzen wird.

Entscheidend ist das „Spielermaterial“. Welcher Spielertyp sind Sie als Unternehmer?

Ich bin ein Kämpfer für die Sache. Goalcontrol ist entstanden, als ich als Fan eine Fehlentscheidung im Fernsehen gesehen hatte. Das Thema ließ mich nicht mehr los, sodass ich unsere Entwicklungsgenies begeistern konnte. Dazu braucht man natürlich profundes Know-how. Wir spielen als Unternehmen in der höchstmöglichen Spielklasse auf Topniveau. Das erfordert ein Weltklasseteam – absolute Einzelkönner auf ihren Positionen, aber auch eine mannschaftliche Geschlossenheit. Man muss stets höchste Leistung abrufen, um nicht die Spitzenposition zu verlieren, die man sich erarbeitet hat. Dauerhaft oben mitzuspielen, ist eine große Herausforderung. Die wollen und werden wir meistern! Wir haben den Anspruch, Marktführer zu werden.

Zeit für (Eigen-)Werbung: Warum ist Ihr System besser als die der Konkurrenz?

Ich bleibe lieber sportlich und beschränke mich darauf, unsere Stärken aufzuzeigen: Goalcontrol-4D verfügt über eine Genauigkeit von wenigen Millimetern. Es ist relativ schnell und zuverlässig installiert und in Betrieb genommen und, wenn gewünscht, auch wieder abgebaut. Technisch setzen wir zudem eine Kameratechnik mit der höchsten Abtastrate ein, sodass die Aufzeichnungsqualität und damit die Datenbasis von anderen unerreicht ist. Unser Herzstück, die Auswertungssoftware, setzt den nächsten Benchmark: Mit einer speziellen Software-Algorhythmik schaffen wir eine bislang beispiellose Echtzeitverarbeitung der gewaltigen Datenraten. Wichtig ist auch, dass wir einen Uhrenlink einsetzen, der nicht auf der WLAN- und Handy-Frequenz von 2,4 Gigahertz sendet. Das halten wir bei der zunehmenden Zahl von WLAN-Access-Points und Smartphones in den Stadien für kritisch. Im Spielbetrieb ist das System sehr einfach zu starten, sodass bei den Beteiligten eine hohe Akzeptanz zu spüren ist. Und zu guter Letzt: Für unser System müssen weder die Tore, etwa durch Markierungen an den Torpfosten, noch der Ball verändert werden.

Was sagen Sie den Traditionalisten, die meinen, Technik habe im Fußball nichts verloren?

Es darf sich jeder einen Eindruck davon verschaffen, dass der Einsatz der Torlinientechnik bei der bevorstehenden WM ganz gewiss keine Emotionen wegnimmt. Sollte es zu einer Tor-Entscheidung kommen, bei der unsere Technik ihren Beitrag zur Fairness im Sport liefert, werden diese Stimmen garantiert leiser werden.

Sehen Sie sich als Revolutionär?

Ein klares „Jein“. Nein, da wir das Spiel in keiner Weise verändert haben. Und ja, weil wir es durch Einsatz sinnvoller Technik ein Stück gerechter machen und die Objektivität des Schiedsrichters unterstützen.

Das heißt, Sie selbst haben wohl keine Lieblingsfehlentscheidung im Fußball wie etwa Wembley- oder Phantomtor?

Wir haben die Idee und unser System insbesondere aus dem Grund entwickelt, weil wir uns mit Ungerechtigkeiten im Fußball nicht zufriedengeben wollten. Insofern kann es für mich persönlich keine „Lieblingsfehlentscheidung“ geben – das wäre nun wirklich ein zu großer Widerspruch!

Vertrauen auf den Schiri ist gut, Goalcontrol ist besser – so ließe sich die Mission des Unternehmens aus Würselen bei Aachen gegen Fehlentscheidungen auf den Punkt bringen. Das Unternehmen ist eine Tochter der Pixargus GmbH, einem Spin-off der Uni Aachen, das auf die automatisierte Oberflächenkontrolle und Vermessung in der Gummi- und Kunststoffextrusion spezialisiert ist. Goalcontrol-4D arbeitet mit 14 Hochgeschwindigkeitskameras, die auf beide Tore gerichtet sind und 500 Bilder pro Sekunde aufnehmen. Erkennt die Software, dass der Ball über die Linie gerollt oder geflogen ist, erhält der Schiedsrichter über Funk sofort ein Vibrationssignal auf seine Armbanduhr. Nachdem sich das System beim Confederations Cup 2013 erfolgreich bewährt hatte, folgte der Zuschlag auch für die WM 2014. Goalcontrol wird bei allen Spielen bis zum Finale im legendären Maracan ã-Stadion eingesetzt. Bis zu 70 Mitarbeiter der jungen Firma werden während der WM im Einsatz sein.