"Spinnt die britische Regierung, eine so weitreichende Entscheidung ans Volk zu delegieren?" fragt unser Kolumnist Peter Brandl. Und beantwortet schlüssig, warum das Ergebnis unbedingt zu respektieren ist.  (c) privat"Spinnt die britische Regierung, eine so weitreichende Entscheidung ans Volk zu delegieren?" fragt unser Kolumnist Peter Brandl. Und beantwortet schlüssig, warum das Ergebnis unbedingt zu respektieren ist.
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    Brexit: War das Referendum ein “Referendumm”? Warum die Entscheidung trotzdem ernst zu nehmen ist

    Entscheidung gefällt: Die Briten haben ihr Bündel geschnürt und schicken sich an, die EU zu verlassen. Für viele sicher ein Schock, sah es doch in den letzten Tagen noch so aus, als würden die EU-Befürworter knapp die Nase vorn haben. Was meinen Sie – eine völlig irrationale Entscheidung, die das Inselvolk da getroffen hat? Warum wollen die Briten uns so überstürzt die Freundschaft kündigen? Weil Sie ohne uns besser dran sind und sich aus der europäischen Flüchtlingspolitik raushalten können?

    „Irrationale Entscheidung“ – die Bezeichnung an sich macht schon deutlich, womit wir es hier zu tun haben: einer Bewertung. Natürlich ist für uns jede Entscheidung „irrational“, die unserer eigenen Meinung zuwiderläuft. Die Briten, die so vehement für den Brexit eintraten, konnten sich überhaupt nicht vorstellen, wie jemand vernünftig dagegen sein könnte – und umgekehrt natürlich genauso. Scheinbar haben rational verstandene Argumente sehr stark etwas mit unserer persönlichen Bewertung zu tun. Was heißt das überhaupt: rationale Fakten?

    Wir sollten uns klar machen, dass wir nicht allein im Besitz der gottgewollten Wahrheit sind. Eine andere Perspektive gibt es immer.

    Umfragen im Vorfeld haben gezeigt, dass die “Leave”-Position stark mit niedrigem Bildungsstand und der Leserschaft von Boulevardblättern wie “Express” oder “Sun” zusammenhängt. Wenn es um wirtschaftliche Fragen geht, ist die Richtung noch deutlicher. Fast 200 Unterzeichner fand der Aufruf eines Ökonomen in der „Times“ für den Verbleib in der EU, während die „Economists for Brexit“ lediglich zu acht waren. Viele Europäer fassen sich an den Kopf.

    Spinnt die britische Regierung völlig, eine so weitreichende Entscheidung ans Volk zu delegieren?

    Vielleicht. Aber Demokratie bedeutet nicht, „alle Macht den Intellektuellen“, sondern dem Volke. Und der Job einer Regierung ist nicht nur intelligente Politik, sondern ebenso, diese so zu übersetzen, dass auch einfacher Gestrickte angstfrei und optimistisch leben können.

    Natürlich kann man darüber diskutieren, ob das Referendum ein „Referendumm“ war. Doch gab es angesichts des ewigen Schwelbrandes eine Alternative?

    Wäre es nicht die Bevölkerung gewesen, hätten irgendeine Regierung oder ein charismatischer Verführer diese Entscheidung für alle getroffen. Richtig oder falsch ist nicht immer eine Frage der Objektivität, sondern eher eine von „Dein und Mein“. Insofern existiert niemand, der eine „richtige“ Entscheidung gegen meine eigene Haltung treffen kann.

    Worauf ich hinauswill? Nur wir selbst können eine Entscheidung treffen, hinter der wir voll stehen.

    Daher haben die Briten ganz richtig ihren Bürgern die Wahl gelassen. Ich denke, Menschen können sehr wohl Verantwortung für sich selbst übernehmen, daher müssen wir diese Entscheidung akzeptieren.

    Sicherlich haben sich nicht alle tief ins Thema vergraben, sondern eher „frei Schnauze“ entschieden oder auf Ihr Bauchgrimmen gehört. Realistisch betrachtet, haben wir ohnehin keine Chance, alle Fakten zu kennen. Es mangelt an Zeit, Ressourcen und Zugängen, um das Pro und Contra neutral und perfekt informiert abwägen zu können. Selbst wenn es Ihnen möglich wäre: Wollen Sie sich mit der ganzen Wirtschaftstheorie auseinandersetzen, aus der jeder selbsternannte Experte nur das herauszieht, was seiner Argumentation dient? Am Ende zermartern Sie sich das Hirn und sind nicht schlauer als zuvor. Deshalb allerdings gar keine Entscheidung zu treffen, kann auch keine Lösung sein.

    Kehren wir zurück zum Bauchgefühl. Sowohl das „Ja“ als auch das „Nein“ zum Brexit sind eine Bauchentscheidung. Menschen sind gar nicht in der Lage, Entscheidungen voll bewusst nur mit dem Verstand zu treffen. Entscheidungen fallen im Zwischenhirn, in dem gleichzeitig die Emotionen wohnen. Wir entscheiden emotional. Vielen behagt das kein bisschen, auch wenn sie spüren, wie wahr es ist. Daher ergrübeln sie rückwirkend Gründe, die ihre längst unrevidierbare Entscheidung stimmig scheinen lassen.

    Sekundäre Rationalisierung heißt dieses wissenschaftlich nachweisbare Phänomen. Sicher haben einige aus nackter Angst für oder gegen den Brexit gestimmt. Zugeben würde das jedoch so gut wie keiner. Lieber rackert sich das Großhirn damit ab, ein paar möglichst schlüssige, rationale Argumente zu erfinden.

    Jetzt haben wir den Salat. Sicherlich gibt es auch unter den Briten einige, die nun ihre Entscheidung bereuen und fürchten, dass der Brexit das Ende des Abendlands bedeutet.

    Keine Angst: Soweit wird es nicht kommen. Es gibt ein Leben außerhalb der EU. Und es gibt definitiv ein Leben nach dem Brexit!

    Kennen Sie das Sprichwort „Weine nicht über vergossene Milch?“ – so schaut es aus. Jetzt lässt sich nichts mehr ändern. Die Briten müssen nun mit ihrer Entscheidung leben, egal ob es ihnen gefällt oder nicht. Und so sollten wir das Ganze auch sehen. Die Welt wird nicht untergehen, der DAX wird sich über kurz oder lang auch erholen. Es ist Zeit, nach vorne zu schauen und zu überlegen, wie wir konstruktiv mit der neuen Situation umgehen können.

    Peter Brandl ist Kommunikationsexperte, Managementtrainer, ehemaliger Berufspilot und Fluglehrer.


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    Kommentare

    1. Bei der augenblicklich in Deutschland angesagten medialen Raserei zum Thema Brexit ist das ´mal ein wohltuend besonnener Beitrag. Ich beobachte ohnehin seit etlicher Zeit mit Sorge, dass in der Berichterstattung unserer Medien die Trennung von Nachricht und Kommentar aus der Mode gekommen zu sein scheint .-jedenfalls soweit es um Vertreter des politisch korrekten Mainstreams geht. Die Mitarbeiter meiner ehemaligen Treuhandfirmen fühlen sich teilweise schon an das frühere sozialistische Presseverständnis der DDR erinnert. Das sollte uns zu denken geben.
      In der Sache: Respektieren wir die Entscheidung der Briten, auch wenn eine andere Einschätzung der Sachfrage natürlich ebenfalls legitim ist. Aber warum sollte es eine Zukunft für unsere Kinder nur als Angehörige eines verschwenderischen Bürokratiemonsters geben, dass seine eigenen Verträge ständig zynisch missachtett und nicht in der Lage ist, seine Außengrenzen gegen millionenfache illegale Einwanderung zu schützen?

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    2. Ich bin völlig ihrer Meinung. Solche Abstimmungen erfolgen zu einem großen Teils aus dem Bauch heraus.
      Das ist auch der Grund, dass hochfliegend Argumente von Sachkundigen oder Prominenten nicht verfangen. Diese Diskussionen sind zu abgehoben und fern vom Alltag. Bei solchen Gelegenheiten wird die EU immer komplett umgebaut ,aber der Realitätssinn verschwindetoft.
      Die EU hat leider eine schwache Lobby und mindestens 28 (jetzt 27) Regierungen als Gegner. Diese Leute unterstützen die EU in ihren Sonntagsreden, aber im Alltag schießen sie Giftpfeile.
      Heute gab es (mal wieder) einen klassischen Fall: Glyphosat! Die Kommission fragt die Mitglieder, die Mitglieder sind sich nicht einig. Auch die Bundesregierung ist sich uneins und enthält sich der Stimme. Die Kommission verlängert die Zulassung um 18! Monate und schon hat unsere Umweltministerin einen Grund auf die Kommission zu schimpfen. Beispiele (noch schlimmerer Art) gibt es viele. Wen wundert es dass die Stimmung kippt?
      Das Verfahren ist das standartverfahren vieler Politiker. Wenn ein Landespolitiker in einem Interview bedrängt wird verweist er auf den Bund wie heute Ralf Jaeger, Innenminister von NRW in einem Interview mit der Rheinischen Post. Der Unterschied ist nur: aus der BRD kann man nicht austreten.

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    3. Werte Redaktion,

      die Furcht vieler Briten vor Überfremdung ist nicht neu. Ganze Stadtviertel mit ehemals Commonwealthbewohnern machten bereits im 20.Jht Engländern Angst. Im Servicebereich und in der Gastronomie werden alle akzeptiert. Aber dass seit einigen Jahren auch EU-Bewohner ihre Geschäftstätigkeiten nach GB verlegen und ganze Geschäftszweige beherrschen, die Wasserversorgung z. B. in Regionen europäisch ist, trägt nicht zur Beruhigung bei. Das “very Britsh” läßt sich nicht einfach abschütteln. Wenn auch die Mehrzahl der jüngeren Gerationen den Wandel verstehen. Für manche älteren Bewohner und die ersten Commonwealthzuwanderer ist das alles suspekt.

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