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    solvent, Steuern

    Das Erbe abschreiben – aber richtig

    Ganz gleich, wie kompliziert und gestaltungsanfällig die jüngste Erbschaftsteuerreform auch sein mag an den ertragsteuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten ändert sie nichts. Text: Bernhard Lindgens

    Nach konservativen Schätzungen werden jährlich Vermögenswerte zwischen 200 und 300 Milliarden Euro vererbt. Grund genug für die rechtzeitige Planung einer steuerlich attraktiven Vermögensübertragung, bei der nicht nur die Höhe der drohenden Erbschaftsteuerbelastung im Fokus stehen sollte. So bleiben mögliche Absetzungen für Abnutzung (AfA) häufig außen vor, obwohl sich diese als Betriebsausgaben oder Werbungskosten noch Jahre später auf die persönliche Einkommensteuer der Erben oder Beschenkten auswirken.

    Vergleichsweise einfach sind noch die zulässigen Abschreibungen bei Einzelerben und bei intakten Erbengemeinschaften zu berechnen. Da diese in beiden Fällen als Rechtsnachfolger hinsichtlich der unentgeltlich erworbenen Wirtschaftsgüter auch steuerlich in die Fußstapfen des Erblassers treten, müssen sie bei vererbtem Betriebsvermögen lediglich die bisherigen AfA- und Buchwerte des Vorgängers fortsetzen. Dies gilt auch für hinterlassenes Privatvermögen wie beispielsweise fremd vermietete Immobilien. Und wie beim Betriebsvermögen lässt die Einkommensteuer-Durchführungsverordnung Absetzungen durch den Rechtsnachfolger nur zu, solange der Erblasser das AfA-Volumen noch nicht komplett verbraucht hat (§ 11d EStDV).

    Abschreibungen auf angefallene Anschaffungsnebenkosten, beispielsweise die Notar- und Grundbuchkosten, lehnten die Finanzbehörden dagegen lange Zeit ab, weil diese nach ihrer Auffassung mit einem unentgeltlichen Erwerb zusammenhängen und deshalb generell nicht abziehbar seien. Dieser restriktiven Rechtsauslegung hat der Bundesfinanzhof (BFH) zwischenzeitlich eine Abfuhr erteilt (Az.: IX R 43/11): Er ließ Absetzungen bei den Einkünften aus Vermietung und Verpachtung zu, weil die im Zusammenhang mit der Nachlassaufteilung angefallenen Notarund Grundbuchkosten dem Erwerb des Alleineigentums am Vermietungsobjekt dienen. Entgegen der Ansicht der Finanzbehörden schließt also die Verpflichtung zur Fortschreibung der Anschaffungs- und Herstellungskosten des Rechtsvorgängers eigene Anschaffungskosten nicht aus.

    Instabile Erbengemeinschaft

    Wesentlich komplizierter gestaltet sich dagegen die AfA-Berechnung, wenn die Erbengemeinschaft sich nicht einig ist. So unterscheidet die nach wie vor gültige Verwaltungsvorschrift des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) aus dem Jahr 2006 (Az.: IV B 2 – S 2242 – 7/06) zwischen entgeltlich und unentgeltlich erworbenen Wirtschaftsgütern. Eine Teilung ohne Abfindungszahlungen gilt als unentgeltlicher Vorgang, der weder Anschaffungskosten noch – von der Erbengemeinschaft zu versteuernde – Veräußerungserlöse zur Folge hat. Wie bei Einzelerben führt der übernehmende Miterbe auf seine unentgeltlich erworbenen Teile des Gesamtnachlasses die zunächst vom Erblasser und später von der Erbengemeinschaft vorgenommenen Abschreibungen anteilig fort.

    Anders wird jedoch verfahren, wenn die Miterben sich eine Abfindung auszahlen lassen: Sofern ein Mitglied der Erbengemeinschaft bei der Teilung wertmäßig mehr erhält, als ihm nach der Erbquote eigentlich zustünde, stellen die Ausgleichszahlungen Anschaffungskosten dar. Aus Vereinfachungsgründen sollen die Finanzämter zur Berechnung der abzugsfähigen Abschreibungen in solchen Fällen regelmäßig den von der Erbengemeinschaft bezifferten Verkehrswert übernehmen und von eigenen Ermittlungen absehen. Abschreiben darf der übernehmende Miterbe dann jedoch ausschließlich den entgeltlich erworbenen Teil des jeweiligen Wirtschaftsguts. Im Gegenzug erzielt der Abfindungsempfänger einen steuerpflichtigen Veräußerungserlös.

    »Die Aufdeckung stiller Reserven kann erhebliche Einkommensteuerforderungen nach sich ziehen und den Bestand vieler Betriebe gefährden. «

    Doch eine solche Aufdeckung stiller Reserven kann erhebliche Einkommensteuerforderungen nach sich ziehen und den Fortbestand vieler Betriebe gefährden. Denn selbst wenn die bei der Aufteilung erworbenen Wirtschaftsgüter in ein anderes Betriebsvermögen der Miterben übertragen werden, schreibt die Finanzverwaltung eine volle Besteuerung des Veräußerungsgewinns vor. Werden die bei der Aufteilung erworbenen Wirtschaftsgüter jedoch insgesamt ins Privatvermögen übertragen, handelt es sich um eine steuerbegünstigte Betriebsaufgabe (§§ 16 und 34 Einkommensteuergesetz).

    Verlustvortrag gestrichen

    Jahrzehntelang wurde der Steuerabzug von Verlusten des Erblassers bei der Einkommensteuer-Veranlagung seiner Erben trotz kontroverser Diskussionen zugelassen. Aus gutem Grund, da zahllose Betriebe ohne die Verrechnung gewerblicher Verluste des verstorbenen Chefs finanziell kaum fortbestanden hätten. Befürchtet wurde überdies, dass ein Abzugsverbot beim Erben viele Unternehmer dazu bewegen könnte, am Ende ihres Lebens auf verlustbringende Investitionen zu verzichten. Doch mit diesem Steuervorteil ist längst Schluss. Nach dem Beschluss des Großen Senats des BFH (Az.: GrS 2/04) kann der Erbe einen vom Vorgänger nicht ausgenutzten Verlustvortrag nach §10d des Einkommensteuergesetzes nicht mehr zur Minderung seiner eigenen Einkommensteuer geltend machen.

    In Härtefällen räumt der BFH der Finanzverwaltung allerdings ausdrücklich die Möglichkeit ein, betroffene Erben auch künftig in „seltenen und extrem gelagerten Konstellationen“ mittels abweichender Steuerfestsetzung (§ 163 Abgabenordnung, AO) oder gar eines Steuererlasses (§ 227 AO) finanziell zu unterstützen. Erfolgversprechend dürften entsprechende Anträge vor allem in den Fällen sein, in denen Erben nach Veräußerung geerbter Wirtschaftsgüter die durch Abschreibungen bedingten stillen Reserven versteuern müssen, ohne die durch die gleichen Absetzungen beim Erblasser verursachten Verluste steuermindernd geltend machen zu dürfen.

    Abfindung an weichende Erben

    Gute Nachrichten verkündeten die BFH-Richter erst kürzlich zur Berücksichtigung von Abfindungszahlungen an weichende Erben. Kann dadurch ein gerichtlicher Rechtsstreit wegen der Erbenstellung beendet werden, ist der Abzug bei der Berechnung der fälligen Erbschaftsteuer zulässig (Az.: II R 24/15). Im zugrunde liegenden Sachverhalt hatte eine Verstorbene im notariellen Testament zunächst die Klägerin samt Ehemann begünstigt, dann aber noch kurz vor ihrem Tod ihren Finanzberater handschriftlich als Alleinerben eingesetzt. Im gerichtlichen Streit um die Erbenstellung nahm der Finanzberater seinen Antrag auf Erteilung eines Erbscheins gegen eine Abfindung von 160.000 Euro zurück. Diesen Betrag ließ der BFH wegen des unmittelbaren Zusammenhangs bei den Eheleuten als Nachlassverbindlichkeit zum Abzug zu. Keine Rolle spielte dabei, dass auf die Abfindungszahlung beim Finanzberater mangels Erwerb keine Erbschaftsteuer fällig wurde.


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