Christoph Leichtweiß ist geschäftsführender Gesellschafter von zwei Unternehmen der YPOS-Gruppe. 
(c) YPOSChristoph Leichtweiß ist geschäftsführender Gesellschafter von zwei Unternehmen der YPOS-Gruppe.
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Finanzierung, solvent, Vorsorge

Der Zins bleibt bei Null – Einordnung für Anleger

Trotz der verbesserten wirtschaftlichen Situation in der Eurozone hat die Europäische Zentralbank (EZB) keine Änderungen ihrer Geldpolitik angekündigt. Die Zinsen bleiben weiter bei Null und es werden bis Ende 2017 Anleihen aufgekauft (bei Bedarf auch länger). Wir schauen auf die wichtigsten Fakten und Hintergründe für Anleger.

Leitzins und Verwahrgebühren

Steigende Leitzinsen wird es in der Eurozone auf absehbare Zeit nicht geben.  Am Interbankenmarkt, hier leihen sich Banken untereinander Geld, wird bis zu einer Laufzeit von fünf Jahren eine negative Rendite gehandelt. Die Grafik zeigt den Leitzins (türkis) und den Zins, den Banken für Einlagen bei der EZB zahlen müssen (dunkelblau). Letzteres strahlt langsam aber sicher in Form von Verwahrgebühren für Kontoguthaben und erhöhten Bankgebühren auf die Anleger aus. Eine Wende ist nicht in Sicht.

Die Bilanzsumme wächst deutlich

Das Anleihekaufprogramm wird die erste Stellschraube sein, an der die Währungshüter drehen werden. Der erste Schritt zur „Normalisierung“ der Geldpolitik wird es sein, die Volumina der Käufe weiter zu reduzieren. Derzeit gehen wir davon aus, dass die EZB diesen Schritt im Oktober, nach der Bundestagswahl in Deutschland, ankündigen wird. Erscheint die positive Dynamik der Wirtschaft nicht gefährdet (Interpretationssache), wird 2018 mit einer schrittweisen Drosselung der Käufe zu rechnen sein. Das Kaufprogramm könnte dann über die folgenden 6 bis 12 Monate auslaufen. Dies kann kurzfristig eine Verunsicherung an den Märkten auslösen. Diese wird jedoch nicht dauerhaft sein. Schließlich wird die Notenbank die in den nächsten Jahren die fällig werdenden Anleihen (inkl. Zinszahlungen) reinvestieren und so für eine stetige zusätzliche Nachfrage an den europäischen Rentenmärkten sorgen.

Die Liquiditätsflut hat für Ruhe gesorgt

Die Europäische Zentralbank hat es sehr eindrucksvoll geschafft, das Finanzsystem innerhalb der Gemeinschaftswährung zu stabilisieren. Die Währungshüter werden sicher alles tun, um die gewonnene Stabilität nicht zu gefährden.

Ungleichgewichte steigen dennoch an

Anhand der Target 2 Salden kann man jedoch sehr gut erkennen, dass kaum Probleme gelöst wurden. In vielen wichtigen Fragen sind noch Lösungen zu erarbeiten. Ein gemeinsamer Haushalt oder Eurobonds (gemeinschaftliche Schulden) sind zwar offiziell ein Tabuthema, doch über die Target 2 Salden findet schon längst eine Beteiligung Deutschlands an den finanziellen Risiken der Partnerländer im Euro-Verbund statt.

Kein Inflationsdruck vorhanden

Die Inflationsprognosen wurden diese Woche von der EZB reduziert. Ein Grund für die Anpassung liegt in den niedrigen Energiepreisen, welche die Notenbank für die nächsten Jahre erwartet. Die marktbasierten langfristigen Inflationserwartungen zeigen, dass die Zielgröße von nahe zwei Prozent nicht erreicht wird. Auch bei der Kerninflation gibt es derzeit keine Anzeichen für eine nachhaltige Steigerung. Aus deutscher Perspektive könnte man dennoch mit höheren Inflationsraten konfrontiert werden. Schließlich sind die Zinsen für eine boomende Volkswirtschaft viel zu niedrig. Die bereits stark gestiegenen Immobilienpreise könnten im Nachhinein als vorlaufender Indikator für steigende Inflationsraten in Deutschland gesehen werden.

Hochzinsanleihen? Das war einmal!

Der daraus für zinsorientierte Anleger resultierende Anlagenotstand ist brutal. Selbst Anleihen schwächerer Bonität rentieren deutlich unter drei Prozent.

Für Anleger bleiben die Zeiten anspruchsvoll. Wer auf einen baldigen Zinsanstieg hofft, der wird aller Wahrscheinlichkeit nach eine Enttäuschung erleben. Dieser würde wohl nur im Einklang mit steigenden Inflationsraten stattfinden. In Kaufkraft gerechnet hätten Anleger also nichts gewonnen. Es gilt sich zu bewegen und nach wirtschaftlich sinnvollen Alternativen zu suchen.


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