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    Finanzierung, solvent

    Verkehrte Welt?

    Die Geschäfte laufen, die Gewinne steigen. Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren stattliche Finanzpolster aufgebaut – und suchen dafür angesichts drohender Verwahrentgelte nun alternative Anlagemöglichkeiten.

    Momentan bleibt Claudia Sturm kaum mehr übrig, als die Situation zähneknirschend hinzunehmen. Sie ist Geschäftsführerin der C&U Sturm GmbH, einem Maler- und Stuckateurbetrieb mit 120 Mitarbeitern in Harthausen bei Speyer – und zahlt bei ihrer Hausbank seit kurzem ein Verwahrentgelt auf ihre Einlagen. „Ich kann die Banken sogar verstehen“, sagt sie. „Sie stehen ja selbst wahnsinnig unter Druck. Aber im Prinzip macht die EZB eine unternehmerfeindliche Politik, die wir Mittelständler ausbaden müssen.“ Weil nahezu alle Banken inzwischen Gebühren erheben, bleibe zudem kaum Verhandlungsspielraum. Das bestätigt auch Peter Barkow, Geschäftsführer der Düsseldorfer Unternehmensberatung Barkow Consulting. „Es gibt in Deutschland mehr als drei Millionen Unternehmen. Wie viele von Negativzinsen betroffen sind, ist schwer zu sagen. Unsere Analysen belegen aber, dass sie mittlerweile die breite Masse erreicht haben.“ Die Ausprägung sei von Institut zu Institut unterschiedlich, generell aber steige laut Barkow das Risiko einer negativen Verzinsung mit der Höhe des Einlagebetrags. „Bei einigen Banken ist die Schwelle schon bei einem Kontostand von 100.000 Euro erreicht“, sagt er.

    Gute Absicht, geringer Effekt

    Wer Geld bei der Bank ausleiht, zahlt Zinsen. Wer dort Geld anlegt, erhält Zinsen. Diese bis dato zutreffende Gesetzmäßigkeit wird seit einigen Jahren mehr und mehr auf den Kopf gestellt. Immer häufiger verlangen Banken auch für Einlagen ab einer gewissen Höhe Zinsen, sogenannte Verwahrentgelte oder Guthabengebühren. Der Grund für diese Entwicklung ist die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie berechnet den Geschäftsbanken bereits seit Mitte 2014 Zinsen, wenn diese dort Geld hinterlegen. Die gute Absicht dahinter: Statt Kapital verlustbringend bei der EZB zu parken, sollen die Banken es in Form von Krediten zur Verfügung stellen und so die europäische Wirtschaft ankurbeln. Doch der Effekt bleibt aus. Stattdessen zahlten allein deutsche Geldhäuser laut einer Analyse von Barkow Consulting im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Euro Zinsen an die EZB – und geben diese Kosten an ihre Kunden weiter.

    Wohin also mit den Einlagen? Claudia Sturm hat sie zunächst auf mehrere Banken und Konten verteilt. Eine Strategie, die Finanzberater ohnehin empfehlen. Volker Wittberg, Professor für Mittelstandsmanagement an der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld beobachtet außerdem eine Professionalisierung im Liquiditätsmanagement der Unternehmen. „Sie analysieren mithilfe von Cash-Management-Systemen, wie viel Liquidität betriebsnotwendig und welcher Teil überschüssig ist“, sagt der Betriebswirt.

    Zwischen Aktion und Resignation

    In Kooperation mit der Commerzbank untersucht Wittberg jährlich Finanzanlageverhalten und Finanzanlagebedürfnis mittelständischer Unternehmen. Ein Ergebnis der aktuellen Studie: Die Unternehmen schwanken angesichts des Zinsumfelds zwischen Aktion und Resignation. „Es ist ein Dilemma“, sagt Wittberg. „Auf der einen Seite haben wir eine starke Konjunktur, die Unternehmen machen Gewinne. Auf der anderen Seite wissen sie nicht, wohin damit.“ Bei großen Mittelständlern beobachtet er den Versuch, überschüssige Liquidität durch Rückzahlung von Krediten und Leasingverbindlichkeiten, Gewinnausschüttungen sowie vorgezogene Investitionen zu reduzieren. Dem gegenüber stehe ein nach wie vor hohes Sicherheitsbedürfnis. „Gut ein Drittel der Unternehmen, die wir befragt haben, gab an, das Geld jederzeit verfügbar auf dem Girokonto haben zu wollen – auch wenn es Gebühren kostet“, so Wittberg. Alternativ würden Assetklassen gewählt, die zumindest den Status quo wahren, etwa Tagesgeldkonten mit minimaler Verzinsung aber eben auch minimaler Veränderung, der Risikoposition. Der Grund für die Zurückhaltung: Wer als Familienunternehmer mit eigenem Geld arbeitet, wägt stärker ab als ein Geschäftsführer, dessen Unternehmen von Investoren finanziert wird. Letzterer muss unter Umständen sogar mehr Risiken eingehen, weil seine Geldgeber eine höhere Rendite erwarten.

    „Für mich ist die Langzeitperspektive wichtig. Ich denke in Generationen und nicht in Quartalen“, bestätigt Familienunternehmerin Sturm. Und die Privatfrau? Die nutzt die Gunst der Stunde und gründet kurzerhand ein weiteres Unternehmen. Quickstar Fassadenreinigungen wird ein neuartiges Verfahren anbieten, bei dem Fassaden mit niedrigem Wasserdruck und einem speziellen Reinigungsmittel gewaschen werden. „Das Haus sieht anschließend aus wie neu. Aber der Aufwand ist deutlich geringer“, erklärt Sturm. „Wir müssen kein Gerüst stellen und können bis zehn Meter Höhe noch ohne Steiger arbeiten.“ Maschinen und Technik hat Sturm zunächst mit privatem Kapital finanziert. „Bevor ich es anders anlege oder als Gründerin Zinsen zahle, gebe ich meiner neuen Firma lieber selbst einen Kredit“, sagt sie pragmatisch und lebt eine weitere mittelständische Tugend vor: aus jeder Situation irgendwie doch das Beste zu machen.

     


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