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    erfolgreich

    Ich kenn’ da wen

    Fast jede dritte Stelle wird über persönliche Kontakte besetzt. Vitamin B hilft dabei nicht nur Bewerbern. Auch Unternehmen profitieren, wenn sie Mitarbeiter und Geschäftspartner aktiv dazu auffordern, sie Freunden, Bekannten und Kollegen als Arbeitgeber zu empfehlen.

    Tobias Ortner und Jan Hawliczek freuen sich immer über einen guten Tipp. Sie verantworten das Personalrecruiting des Fahrzeugtechnikentwicklers BFFT in Gaimersheim nahe Ingolstadt. Das Unternehmen, das in Sachen Unternehmenskultur und Recruiting ungewöhnliche Wege geht, wächst – und sucht händeringend nach neuen Mitarbeitern für die Entwicklung von Fahrzeugelektronik, Assistenz- und Energiespeichersystemen für die Automobilindustrie. Als „ungewöhnlich“ versteht sich BFFT nach eigener Aussage deshalb, weil das Unternehmen die Mitarbeiter in den Vordergrund stellt und ihnen weit mehr als nur ein attraktives Arbeitsumfeld mit spannenden Aufgaben bietet. „Ein wichtiger Bestandteil unserer Unternehmens- und Arbeitgebermarke heißt: Arbeiten mit Freunden“, sagen die Recruiter. Man duzt sich, trifft sich auf zahlreichen Firmenveranstaltungen auch abseits vom Job – und empfiehlt BFFT als Arbeitgeber sehr gerne weiter. Empfehlungsrecruiting nennen Fachleute heute, was früher Vitamin B oder Mundpropaganda hieß. Wenn also bestehende Mitarbeiter für offene Stellen im Unternehmen Freunde, Bekannte, ehemalige Kollegen oder Berufskontakte vorschlagen.

    BFFT setzt dazu seit dem 2014 eine Software des Start-ups Firstbird ein. Über eine Schnittstelle zum hauseigenen Bewerbermanagementsystem können Mitarbeiter offene Stellen einsehen, sie in ihren privaten und beruflichen Netzwerken teilen und schließlich Empfehlungen aussprechen oder akquirieren. 318 Tipps bekamen Ortner und Hawliczek allein im ersten Jahr. Eingestellt wurden daraus 75 Bewerber. Inzwischen nutzen rund zwei Drittel der Mitarbeiter die Plattform. „Wir sind sehr zufrieden mit dieser Quote“, sagt Ortner.

    Das Beste, was passieren kann

    Auch Arnim Wahls, Gründer und CEO von Firstbird, ist überzeugt: „Eine gute Empfehlung ist das Beste, was einem Personaler passieren kann.“ Egal ob große Mittelständler wie BFFT oder der Konzern Arvato Bertelsmann, der ebenfalls Firstbird nutzt – offenbar teilen immer mehr Unternehmen diese Einschätzung. „Kein anderer Rekrutierungskanal ist so erfolgreich wie die Mitarbeitersuche über persönliche Kontakte“, bestätigt Alexander Kubis. Er leitet die IAB-Stellenerhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg und analysiert dabei regelmäßig die Besetzungswege und das Recruiting von rund 13.000 Unternehmen. Vitamin B habe schon immer eine gewisse Rolle gespielt, so Kubis. „Gerade bei kleinen Betrieben ist die Jobsuche über Kontakte hoch relevant.“ Insgesamt wird bei jeder zweiten Personalsuche unter anderem Empfehlungsrecruiting genutzt. Personaler finden so in drei von zehn Fällen über diesen Besetzungsweg einen passenden Kandidaten. Zum Vergleich: Stellenangebote in Zeitungen und Zeitschriften bringen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nur bei jeder zehnten Neueinstellung zusammen.

    Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Zum einen seien persönliche Kontakte ein günstiger und vergleichsweise einfacher Suchweg, erklärt Kubis. Zum anderen werden benötigte Kenntnisse und Fertigkeiten manchmal nur ungenügend über formale Abschlüsse und Zeugnisse erfasst. Bewerber sind in diesen Berufsfeldern entsprechend schwierig einzuschätzen. „Hier helfen persönliche Kontakte ungemein dabei, in beide Richtungen Informationen zu interpretieren oder zu ergänzen“, so der Wissenschaftler. Neben fachlicher Qualifikation werden außerdem Soft Skills immer wichtiger. Empfehlungsrecruiting basiert auf der Annahme, dass niemand besser beurteilen kann, ob sich ein Bewerber in unterschiedliche Rollen und Teams einfügen kann, als ein Mitarbeiter selbst.

    Positiver Nebeneffekt: Personaler sparen Zeitaufwand und Kosten für andere klassische Rekrutierungsinstrumente, etwa Active-Sourcing oder Auftritte auf ­Karriere- und Fachmessen. „Es gibt für einen Bewerber einfach nichts Besseres, als von einem zukünftigen direkten Kollegen Informationen zu erhalten“, sind Ortner und Hawliczek überzeugt. „Zusätzlich haben wir mit Firstbird eine Plattform geschaffen, um in unserer Zielgruppe Sichtbarkeit für BFFT zu generieren, auf die wir sonst niemals Zugriff hätten. Durch das Teilen der Stellen durch unsere Mitarbeiter eröffnen wir uns einen zusätzlichen Recruitingkanal und präsentieren BFFT als potenziellen Arbeitgeber mit glaubhaften Werten.“

    Ganz umsonst ist auch dieser Weg freilich nicht. Zum einen zahlen Unternehmen an Firstbird Lizenzgebühren von mehreren Hundert Euro pro Monat. Zum anderen erhalten Mitarbeiter, die einen neuen Kollegen empfohlen haben, oft eine Geldprämie, sobald dieser die Probezeit überstanden hat. Darüber hinaus bietet Firstbird die Möglichkeit, auch andere Aktionen zu honorieren. Mitarbeiter, die Jobangebote teilen und Empfehlungen aussprechen, bekommen Punkte gutgeschrieben. Diese wiederum können später in kleine Geschenke, Reise- oder Einkaufsgutscheine umgewandelt werden. „Es muss gar nichts Großes sein, sondern geht auch um Wertschätzung“, sagt Wahls.

    Als Beleg dafür, dass es sich lohnt, erzählt der Firstbird-CEO gerne eine Anekdote aus der Zeit, in der er noch für die Personalgewinnung einer großen deutschen Anwaltskanzlei verantwortlich war: „Wir haben einen erfahrenen Anwalt gesucht und einen Personalberater beauftragt.“ Nach erfolgreicher Besetzung der Stelle zahlte die Kanzlei dem Berater 30.000 Euro – nur um kurze Zeit später festzustellen, dass der neue Kollege zwei andere Mitarbeiter aus dem Unternehmen bereits kannte. „Wir haben also einem Externen sehr viel Geld dafür gezahlt, dass er jemanden findet, den wir eigentlich auch in unserem eigenen Netzwerk hätten finden können“, sagt Wahls.

    Dass die Begebenheit kein Zufall ist, zeigen Experimente des US-amerikanischen Psychologen Stanley Milgram. Er fand bereits 1967 heraus, dass jeder Mensch auf der Welt mit jedem anderen über eine überraschend kurze Kette von Bekanntschaftsbeziehungen, nämlich durchschnittlich sechs, verbunden ist. „Heute leben wir im digitalen Zeitalter und haben noch viel mehr Mittel und Wege, um unsere Botschaften zu übermitteln und uns zu vernetzen“, sagt Jörg Klukas, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Personalwesen an der FOM Leipzig. Genau die sollten Unternehmen bei der Bewerbersuche nutzen, sei es über Social Media oder spezialisierte Anbieter wie Firstbird, Talentry oder die amerikanische Firma Boon.

    Das Gewissen wiegt schwerer als Geld

    Kritikern, die befürchten, Anreizsysteme und Prämien könnten die Qualität der Empfehlungen verwässern, entgegnet Klukas: „Ein Mitarbeiter, der einen Bekannten über ein Stellenangebot informiert, wird dies nicht nur unter Rücksicht auf den Gewinn von Geld oder Sachleistungen tun, sondern in erster Linie, weil er sich einen Kollegen wünscht, mit dem er langfristig zusammenarbeiten kann.“ Zudem durchlaufe jede Empfehlung den normalen Einstellungsprozess, bei dem Personalmanagement und Führungskräfte als Türhüter fungieren. Und schließlich seien sich die meisten Mitarbeiter bewusst, dass eine schlechte Empfehlung auch auf sie negativ zurückfalle. „Tatsächlich geben Studien sogar Indizien, dass Mitarbeiter, die über Empfehlungen eingestellt werden, kürzere Einarbeitungszeiten haben und länger im Unternehmen bleiben“, fasst Klukas zusammen. Er selbst hat den Ansatz mit seiner Firma Pludoni und dem „Empfehlungsbund“ sogar nochmals weiterentwickelt.

    Unternehmen können diesem Bund für einen jährlichen Beitrag beitreten und sich gegenseitig Fach- und Führungskräfte empfehlen – etwa Kandidaten, die es in Bewerbungsverfahren in die letzte Runde geschafft, aber eben doch keinen Vertrag erhalten haben. „Ich glaube nicht, dass die Rede vom War for Talents zielführend ist“, sagt Klukas. Der Empfehlungsbund setzt auf gegenseitige Hilfe. „Die Idee macht sich die Tatsache zunutze, dass Personalverantwortliche untereinander sehr gut vernetzt sind, insbesondere in den gleichen Branchen und Regionen.“
    Das Angebot ist 2009 gestartet und umfasst derzeit 117 Unternehmen, die aktiv nach Personal suchen. Hinzu kommen weitere 140 Organisationen wie Hochschulen, Industrieverbände und Vereine. Bisher wurden mehr als 7.300 Fachkräfte erfolgreich vermittelt. „Unser Netzwerk hilft dabei, einen Fachkräftemangel auf regionaler Ebene abzufedern“, sagt Klukas. Nichts anderes versuchen Ortner und Hawliczek bei BFFT zu erreichen. Der Mittelständler konkurriert in der Region mit beliebten Arbeitgebern wie Audi, BMW oder Bosch – und denen gegenüber wird BFFT umso sichtbarer und glaubwürdiger, wenn die eigenen Mitarbeiter als überzeugte Werte-Botschafter auftreten.

    Bewertungen auf Jobportalen: So stehen Sie optimal da

    Auch im Internet sprechen Mitarbeiter ihren Chefs Lob oder Kritik aus – und beeinflussen damit Berufswahlentscheidungen. Laut einer Bitkom-Studie liest inzwischen jeder vierte Internetnutzer Bewertungen von Arbeitgebern im Netz, um sich beruflich zu orientieren. Marktführer im deutschsprachigen Raum ist das Portal kununu.de, andere Portale funktionieren ähnlich. Nutzer können sich kostenlos registrieren und anonym ihren Job, die Arbeitsatmosphäre, die Bezahlung und sogar das Bewerbungsverfahren bewerten – positiv wie negativ. Unternehmen können darauf reagieren und sich zum Teil auf kostenpflichtigen Profilen selbst präsentieren. Auf jeden Fall aber sollten sie ihre Bewertungen gut beobachten und bei Bedarf darauf reagieren. Nicht mit vorschnellen Gegenkommentaren, sondern mit bedachten Rückschlüssen aus möglicher Kritik: Wie viel Wahrheit steckt tatsächlich darin und welchen Aussagen lohnt es sich, auf den Grund zu gehen?

    kununu.de
    gelistete Unternehmen: 312.000

    Kommentare: Jede Bewertung wird redaktionell geprüft, um unsachliche Äußerungen herauszufiltern.

    Möglichkeiten für Unternehmen: Kostenpflichtiges Employer-
    Branding-Profil, um Erfahrungsberichte von Usern durch ausführliche eigene Firmeninformationen zu ergänzen, etwa zu Karrieremöglichkeiten, Arbeitszeiten, Familienfreundlichkeit oder Unternehmenskultur. Stellungnahmen zu einzelnen Bewertungen sind kostenlos.

    jobvoting.de
    gelistete Unternehmen: mehr als 138.000

    Kommentare: Bis auf den Unternehmensnamen bleibt alles anonym. Namen von Personen oder unsachliche Bewertungen werden von der Redaktion entfernt.

    Möglichkeiten für Unternehmen: In einer angebundenen Job-
    börse können Unternehmen Stellengesuche veröffentlichen. Auch auf jobvoting.de haben sie die Möglichkeit, sich durch ein kostenpflichtiges Firmenprofil für potenzielle Bewerber zu präsentieren.

    meinchef.de
    gelistete Unternehmen: rund 10.000

    Kommentare: Wie der Name des Portals schon sagt, wird nicht
    nur das Unternehmen genannt, sondern auch Vor- und Nachname des Chefs. Persönliche Statements werden redaktionell geprüft. Möglichkeiten für Unternehmen: Mit einem kostenlosen Account können Unternehmen Bewertungen kommentieren, das Logo ihrer Firma sowie Stammdaten hochladen. Der kostenpflichtige Account ermöglicht es, eine ausführliche Unternehmensdarstellung und Stellenanzeigen zu schalten.

     


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