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Vertrauen ist alles

Auch ohne technische Expertise hat Alexandra Knauer den kriselnden Laborgerätehersteller ihrer Eltern wieder auf Wachstumskurs gebracht. Zentraler Erfolgsfaktor des Berliner Mittelständlers ist die ausgeprägte Arbeitsplatzkultur. 

Der Kunde konnte es nicht glauben. Die Chefin lese im Urlaub tatsächlich keine Mails? Nein, das tue sie nie, beschied man ihm in der Zentrale. Die entsprechende Abwesenheitsnotiz, die er erhalten habe, sei korrekt. Entschieden entzieht sich Alexandra Knauer dem Erreichbarkeitswahn in Zeiten des Smartphones. Zwei Wochen lang war die alleinige Geschäftsführerin und Eigentümerin des Berliner Laborgeräte-Spezialisten Knauer Wissenschaftliche Geräte GmbH während der Ferien mit der Familie in Griechenland offline. Die Wochenenden bleiben ebenfalls frei von geschäftlicher Kommunikation. Auch in der Firma geht sie ihren eigenen Weg. Als Quereinsteigerin, die lange einen Nine-to-five-Job in Festanstellung bevorzugte, hat sie aus dem in den 1990er Jahren strauchelnden elterlichen Betrieb einen Vorzeige-Mittelständler geformt. Reihenweise streicht Knauer Preise für Innovationskraft, Arbeitsplatzkultur und Führungsqualität ein.

Knauer geht selbst Kaffee holen. Im Konferenzraum wartet ihre Mutter Roswitha, die die Firma 1962 mit ihrem Mann gründete. Sie hat noch Prokura. Ein echter Familienbetrieb also. Doch funktionieren könne er nur als gemeinsames Projekt aller Beschäftigten, wie die Tochter betont. Führung ist für sie vor allem eine Frage des Vertrauens. Ihr bleibt gar nichts anderes übrig. Die von ihrem Vater Herbert entwickelten Analysegeräte sind nicht ihr Fachgebiet. Er ist Chemiker und leidenschaftlicher Tüftler. Vor der Gründung des eigenen Betriebs arbeitete er an der Uni und entwickelte nebenbei eine automatische Parkleuchte, deren Patente er für 10.000 Mark verkaufte. „Es war unser Startkapital“, erinnert sich Roswitha Knauer, die sich von Beginn an um Organisation und Finanzen kümmerte. Tochter Alexandra ist Betriebswirtin – ihre Innovationskraft basiert auf Aufgeschlossenheit, Neugier und dem Wunsch, die Zukunft positiv zu beeinflussen. „Natürlich wissen meine Mitarbeiter auf ihren Fachgebieten mehr als ich“, sagt sie. Mit Kontrolle allein käme sie nicht weit. „Ich gebe nur das Vertrauen weiter, das mir meine Eltern geschenkt haben, als ich die Geschäftsführung übernahm.“
Hightech-Analysegeräte für Labors sind das Geschäftsfeld von Knauer. Sie bestimmen exakt die Zusammensetzung von Flüssigkeiten oder in Lösung gebrachten Feststoffen. Ein wichtiger Einsatzort sind die Labors in der Lebensmittel- und Pharmabranche. Die Unternehmen prüfen so etwa, ob ihre Produkte Verunreinigungen aufweisen. Und als Dienstleister bietet Knauer Schulungen und Analysen an. „Wir haben schon untersucht, ob Laktose in Fleischprodukten in nennenswerten Mengen zu finden ist“, erläutert Alexandra Knauer. Ihre Geräte können aber auch herausfinden, ob Wein gepanscht wurde oder Olivenöl mit Pestiziden belastet ist. Rund 18 Millionen Euro Umsatz macht das Unternehmen weltweit.

Auf die Nische gesetzt

Dabei tritt der Berliner Mittelständler gegen Weltkonzerne an – Agilent Technologies etwa, das früher zum IT-Giganten Hewlett-Packard gehörte, und das japanische Unternehmen Shimadzu. Beide beschäftigen jeweils mehr als 10.000 Mitarbeiter. In Berlin dagegen arbeiten gerade einmal 135 Personen. Die Strategie im Wettbewerb mit den globalen Marktführern: Statt Labors komplett auszurüsten, setzt Knauer allein auf die Nische chromatografische Analysetechnik. Die Geräte sind so leistungsfähig, dass auch Mitbewerber gerne zukaufen – etwa ein Drittel des Knauer-Umsatzes steuern sie so bei. Ein weiteres Drittel wird im Heimatmarkt über ein Netz von eigenen Außendienstmitarbeitern eingespielt, den Rest verkaufen selbstständige Händler in den inzwischen über 70 internationalen Märkten. „Wir müssen uns differenzieren, um Kunden zu gewinnen und zu binden“, sagt Alexandra Knauer. Ein Schlüssel dafür sei die hohe Qualifikation der Vertriebsmitarbeiter. „Wir produzieren oft maßgeschneiderte Sonderlösungen.“

Vielfältig sind die Anreize, die die Chefin für Leistung setzt. Schon seit Jahren gehen 15 Prozent des Gewinns an die Mitarbeiter. Doch es geht nicht nur um Geld: Freiräume schaffen, Mitgestaltung ermöglichen – das sind für die Managerin mindestens ebenso entscheidende Faktoren. „Science Together“ lautet das Knauer-Motto, das eine Wand im Labortrakt ziert und sich in jeder Etage des Firmengebäudes wiederfindet. „Ich versuche, die Mitarbeiter durch ein herausragendes Betriebsklima zu halten“, sagt Alexandra Knauer. Auch Eigennutz motiviert sie dabei: „Ich komme jeden Tag her, dann will ich mich wohlfühlen.“ Dazu trägt der Obstkorb aus dem Firmengarten bei – der ist ebenfalls preisgekrönt.

» Ich gebe nur das Vertrauen weiter, das mir meine Eltern geschenkt haben. «
Alexandra Knauer, Geschäftsführerin

Dass Alexandra Knauer überhaupt in das Unternehmen einsteigt, war lange Zeit unwahrscheinlich. Ab ihrem achten Lebensjahr wurde im Wohnhaus der Familie im Westberliner Stadtteil Zehlendorf gefertigt. Anfangs hatte Herbert Knauer ein revolutionäres Messgerät gebaut, das Temperaturen bis auf ein Tausendstel Grad bestimmen konnte – bald kamen die Analysegeräte dazu. Im Keller stand die Drehbank, im Dachgeschoss wurde verpackt. Die vier Kinder spielten, betreut von ihrer Großmutter, bei laufendem Betrieb. „Wir haben immer gearbeitet, auch am Wochenende“, erinnert sich Roswitha Knauer und wird nachdenklich: „Wir haben es übertrieben.“ Für ihre Tochter Alexandra war das durchaus abschreckend.

Sie machte eine Ausbildung zur Wirtschaftskorrespondentin und arbeitete nach dem BWL-Studium in einem Immobilienunternehmen. Möglicherweise wäre sie noch immer dort, wenn der Familienbetrieb nach der Wende nicht in Schieflage geraten wäre. Die Eltern unterhielten gute Geschäftsbeziehungen zum Ostblock – 50 Prozent des Knauer-Umsatzes brachte das Geschäft mit den kommunistischen Staaten. Mit deren Zusammenbruch fiel der Wert binnen kurzer Zeit auf null. Keine neuen Aufträge, Rechnungen wurden nicht mehr bezahlt. „Wir waren verzweifelt“, erinnert sich Roswitha Knauer. „Die Banken rieten uns, das Unternehmen zu schließen und nicht weiter Geld hineinzustecken.“

Tochter Alexandra glaubte an eine Zukunft. 1995 heuerte sie als Geschäftsführerin an und steuerte das Unternehmen zunächst gemeinsam mit ihrem Vater. Eine anfangs ungemütliche Zeit – ein Drittel der Belegschaft musste gehen, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Nachdem es zwei Jahre später dem Unternehmen besser ging, zog sich Herbert Knauer aus der operativen Geschäftsführung zurück. Alexandra Knauer schaffte den Turn-around – auch dank mehrerer Millionen D-Mark, die die Eltern gegen den Rat der Banken in die Sanierung investierten. Inzwischen ist Knauer finanziell bestens aufgestellt: Die Gewinne belässt die Eigentümerin im Unternehmen und hat so die Eigenkapitalquote auf 90 Prozent geschraubt. „Wir wollen unabhängig sein von Banken“, sagt sie nach den schmerzlichen Erfahrungen in der Krise.

Nächste Aufgabe: Digitalisierung

Investitionen stemmt Knauer aus eigener Kraft: „Wir wollen das Unternehmen modern und technologisch auf höchstem Niveau halten. Zudem müssen wir die Digitalisierung vorantreiben.“ Beträchtliche Investitionen in Software wurden getätigt, etwa für den Datenaustausch zwischen dem Warenwirtschaftsprogramm und den Marketingwerkzeugen wie der Website. Auch in der Forschung und Entwicklung steige die Bedeutung von Software. Gerade wurde im Fertigungstrakt in moderne CNC-Maschinen investiert, die aus kleinen Edelstahlblöcken hochpräzise Werkteile fräsen und bohren. Das Tempo für die Geschäftsentwicklung bestimmt Knauer selbst: „Wir sind kein Startup und können auch langsam wachsen.“

» Wir haben immer gearbeitet, auch am Wochenende – wir haben es übertrieben. «
Roswitha Knauer, Gründerin

Die ursprüngliche Distanz zum Betrieb hat Alexandra Knauer längst aufgegeben. „Unternehmerin zu sein, macht Spaß“, sagt sie. Ein offenbar guter Ansatz für Erfolg. Im Jahr 2010 wurde sie Deutschlands Unternehmerin des Jahres. Sie ist auch als Ratgeberin gefragt. So wurde Knauer zum Mitglied des Mittelstandsbeirats im Bundeswirtschaftsministerium berufen. Verantwortung übernimmt sie auch außerhalb der Firma. Zwei Beispiele: Mit dem Knauer Entdecker Klub will man Kinder und Jugendliche für die Naturwissenschaften begeistern. Und bei einem Spendenlauf im Rahmen des Social Day 2017 wurden mehr als 7.500 Euro zugunsten von Grundschulkindern in Nepal erlaufen – unter Beteiligung der Knauer-Mitarbeiter.

Nachwuchsprobleme? Unbekannt

Zwei Kinder hat Alexandra Knauer – der 17-jährige Sohn hat in den Ferien bei Knauer in der Buchhaltung gejobbt, auch die 14-jährige Tochter hat schon mal mitgearbeitet. Hofft sie, dass die nächste Generation einmal übernimmt? „Noch muss ich mich damit nicht beschäftigen“, sagt die 51-Jährige. Grundsätzlich sei das wünschenswert. „Aber nur, wenn es wirklich passt.“ Größere Probleme bei der Personalakquise sieht Knauer nicht. Das liege auch daran, dass Berlin inzwischen gefragt sei.

Gezielt arbeitet das Unternehmen in der Region an seinem Image als Arbeitgeber. So existiert zum Beispiel ein umfangreiches Gesundheitsangebot. Und eine Vielzahl freiwilliger zusätzlicher Leistungen soll dabei helfen, Familie und Beruf zu vereinbaren. „Ich finde es gut, dass immer mehr Männer in Elternzeit gehen“, so Alexandra Knauer. „Sie sollen die Familie genießen, eine Auszeit kann guttun.“
Das weiß sie selbst und denkt dabei an ihren letzten Urlaub. Nur für Notfälle war sie erreichbar – per SMS. Die Mitarbeiter hatten den Laden offenbar gut im Griff: „Ich habe keine Nachricht erhalten.“

Die Firmenhistorie

1962 Mit dem Bau eines Messgeräts, das Temperaturänderungen von einem Tausendstel Grad misst, legt der 31 Jahre alte Chemiker Herbert Knauer den Grundstein für das Unternehmen, das er im Oktober des Jahres mit seiner Frau Roswitha gründet. Zudem entwickelt der Jungunternehmer ein besonders leistungsfähiges Gefrierpunkts-Osmometer zur Bestimmung von Molekulargewichten.

1970 Knauer erhält auf der Leipziger Messe als westdeutsches Unternehmen eine Goldmedaille für ein Dampfdruck-Osmometer und erschließt für sein Unternehmen nun die Märkte Osteuropas.

1974 Der Umzug des Betriebs aus dem Wohnhaus der Familie Knauer in das neue Firmengebäude in Zehlendorf erfolgt.

1976 Knauer fertigt als erster europäischer Hersteller HPLC-Analysegeräte (HPLC steht für Hochleistungsflüssigkeitschromatografie) in Modulbauweise.

1987 Weltweit erster Refill-Service für HPLC-Säulen verschiedener Hersteller.

1992 Knauer entwickelt eine Produktreihe für die präparative Chromatografie.

1995 Alexandra Knauer tritt nach dem Zusammenbruch des Osteuropageschäfts als Geschäftsführerin in das angeschlagene Unternehmen ein. Zwei Jahre später verlässt ihr Vater Herbert die Geschäftsführung.

1996 Kleinste SMB-Anlage der Welt zur präparativen kontinuierlichen Chromatografie für die Trennung von zwei Komponenten.

2000 Alexandra Knauer wird alleinige Eigentümerin des Unternehmens.

2009 Die Produktlinie „Bioline“ soll helfen, den Biomarkt für Proteinaufreinigung zu erschließen.

2016 Beginn des starken Ausbaus des Dienstleistungsgeschäfts.


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Kommentare

  1. Glückwunsch an Frau Alexandra Knauer, ihre Eltern und die Mitarbeiter ! Das ist von allen m. M. nach eine großartige Leistung. Danke auch für den hervorragenden Artikel ! Sehr informativ und klasse geschrieben !

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