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Finanzierung, solvent

Diese Vorteile bieten Fintechs für Mittelständler

Immer mehr Startups aus der Finanzbranche bieten ihre Dienstleistungen kleinen und mittleren Unternehmen an. Die Resonanz ist hierzulande jedoch noch überschaubar – obwohl die Vorteile für Mittelständler auf der Hand liegen.

Wenn Unternehmen schnell wachsen, brauchen sie oft schnell Liquidität. Christoph Maas kennt das. Noch vor vier Jahren kümmerte sich sein Logistikunternehmen ANCLA um den Versand von 100 bis 200 Sendungen am Tag. Heute sind es rund 6.000. Die 2006 gegründete Firma aus Hessen ist in der Kontraktlogistik tätig und übernimmt logistische und logistiknahe Aufgaben, die andere Unternehmen an ANCLA auslagern. Mit steigender Bedeutung des E-Commerce kamen in den vergangenen Jahren immer mehr Aufträge hinzu. 2015 lag der Umsatz bei fünf Millionen Euro, 2017 bei 16 Millionen und 2018 sollen es 20 Millionen Euro werden. Ende 2017 kalkulierte der Geschäftsführer: Um die Produktivität zu steigern und die Prozesse zu verbessern, muss er in die IT und die Lagertechnik investieren.

Das Problem: Eine zügige und unkomplizierte Finanzierung war bei seiner Bank nicht möglich. „Wenn ich dort beispielsweise 100.000 Euro für eine Finanzierung benötige, dauert der Bewilligungsprozess etwa ein halbes Jahr. Zudem sind klassische Geldinstitute bei wachsenden Firmen generell vorsichtiger geworden.“ Auf lange Gespräche mit seiner Bank hatte Maas aber keine Lust. Stattdessen googelte er im Internet nach alternativen Finanzierungen und stieß dabei auf die Online-Plattform Kapilendo. Über die Crowd wollte Maas mit Hilfe von Kapilendo 300.000 Euro bei Anlegern einsammeln. Kapilendo sah sich die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen, die Bilanz und den Businessplan von ANCLA genauer an und gab nach nur zwei Tagen grünes Licht. Auf der Website von Kapilendo sahen die Geldgeber alle Konditionen auf einen Blick: Festzins per annum: 6,80 Prozent, Laufzeit: vier Jahre, Bürgschaft: ja, Betrag: 300.000 Euro. Nachdem die Daten und weitere Infos über das Logistikunternehmen auf dem Portal veröffentlicht wurden, ging alles sehr schnell.

Das Ergebnis ist ebenfalls auf der Kapilendo-Website nachzulesen: „Das Projekt wurde innerhalb von 16 Stunden, 51 Minuten und 55 Sekunden von 330 Anlegern finanziert.“ Christoph Maas war schwer beeindruckt. Zwar hätte die Finanzierung über die Hausbank nur knapp die Hälfte gekostet. Das nimmt der 53-Jährige aber in Kauf, zugunsten der einfachen und schnellen Abwicklung über die Online-Plattform. Und: Kapilendo dient ihm zugleich als Marketinginstrument. Der Bekanntheitsgrad von ANCLA dürfte nach der Finanzierung höher sein als zuvor.

Finanzdienstleistung neu denken

Fintechs wie Kapilendo sind derzeit in aller Munde. Seit ein paar Jahren stellen sie die traditionelle Bankenwelt auf den Kopf. Financial Technology – kurz Fintech – bezeichnet den intelligenten Einsatz moderner Technologien. Dabei bieten sie zum Teil auch klassische Bankdienstleistungen an: zum Beispiel Kontoverwaltung, Kreditvergabe oder Wertpapiergeschäfte. Darüber hinaus offerieren sie Dienstleistungen wie Versicherungen, mobile Bezahlsysteme und Online-Plattformen zur Kreditvermittlung. Oft sind die Leistungen der noch jungen Startups preisgünstiger als bei etablierten Banken.

» Viele Mittelständler sind noch zurückhaltend bei der Zusammenarbeit mit Fintechs.  «
Nick Dimler, HLP Dimler und Karcher

Die Firmenangebote von Fintechs decken inzwischen die gesamte Unternehmensbilanz ab. Zur Optimierung der Aktivseite gibt es beispielsweise Lösungen in den Bereichen Working Capital, Liquiditätssteuerung oder Investment. Für die Passivseite existieren zahlreiche Angebote zur Vermittlung und Beschaffung von Eigen-, Mezzanine- und Fremdkapital. Ferner stehen Angebote in der Kontoführung und -auswertung, Zahlungsabwicklung, Währungsmanagement, Versicherung und anderes zur Verfügung.

Laut einer Studie des Bundesfinanzministeriums gibt es in Deutschland rund 400 Fintechs – Tendenz steigend. Die Untersuchung geht von einem Gesamtmarktvolumen im Jahr 2020 von 58 Milliarden Euro aus und erwartet eine Steigerung auf bis zu 148 Milliarden Euro bis 2030. Obwohl sich deutsche Finanz-Startups stark auf Firmenkunden im Mittelstand konzentrieren, machen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen von den digitalen Angeboten bisher nur wenig Gebrauch. Eine vom Bundesbildungsministerium geförderte Fintech-Initiative soll dies ändern. Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) und das Innovationsforum Fintech haben diese unter der Überschrift „Fintech-Vorteile für den Mittelstand nutzbar machen“ Ende 2017 gestartet.

Mittelstand bleibt zurückhaltend

Nick Dimler gehört zu den Experten der Mittelstandsinitiative. Er ist Professor für Entrepreneurship und Finanzen an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management sowie Partner der HLP Dimler und Karcher Unternehmensberatung. „Viele Mittelständler sind noch zurückhaltend bei der Zusammenarbeit mit Fintechs“, bestätigt er. Warum ist das so? Laut Dimler sprechen kleinere Firmen häufig nur mit der Hausbank und dem Steuerberater über Finanzfragen. Hinzu komme, dass viele Unternehmen bislang nur wenig Erfahrung in der Zusammenarbeit mit alternativen Finanzdienstleistern gemacht hätten. „Entsprechend hoch ist die Skepsis gegenüber den neuen Fintechs. In anderen Ländern haben sich solche Startups schneller etabliert, weil Unternehmen dort schon länger mit unterschiedlichen Finanzierungspartnern gearbeitet haben“, berichtet Dimler. Zugleich findet er es verständlich, dass vor allem Unternehmen, die über Generationen in Familienbesitz sind und auf langfristige Stabilität und Unabhängigkeit setzen, das Vertrauen zu neuen Marktteilnehmern wie Fintechs erst noch aufbauen müssen.

Dass die Dienste eines Startups aus der Finanzbranche mitunter Prozesse beschleunigen, kann Marco Ripanti bereits bestätigen. Der 46-Jährige ist Mitgeschäftsführer der 2012 gegründeten Brennerei St. Kilian Distillers GmbH aus dem unterfränkischen Rüdenau. Das Unternehmen, zu dem außer den drei Chefs noch neun Mitarbeiter gehören, ist nach eigenen Angaben Deutschlands größte Whiskydestillerie. Es produziert 120.000 bis 300.000 Liter im Jahr. Verkauft wird vor Ort und per Onlineshop.

Verwaltung verschlanken

Doch Marco Ripanti ist nicht nur Whiskybrenner. Er berät mit seiner zweiten Firma Unternehmen in Sachen Social Media und digitale Transformation. Vor diesem Hintergrund ist für ihn klar: „Wir müssen technische Tools nutzen, um die Prozesse bei verwaltungsintensiven Aufgaben wie Buchhaltung und Rechnungen zu verschlanken.“ Dazu hat die Destillerie das Frankfurter Startup Fastbill engagiert, das seine Dienste im webbasierten Finanzmanagement für kleinere Unternehmen und Selbstständige offeriert. Über eine Software bietet Fastbill eine Plattform zur zentralen Verwaltung von Belegen und Finanzdaten sowie Schnittstellen für den Datenaustausch mit Steuerberatern. „Durch die Automatisierung, wozu beispielsweise die Rechnungskorrespondenzen mit Kunden sowie Kontobewegungen gehören, sparen wir im Monat 30 bis 40 Arbeitsstunden“, berichtet Ripanti. Außerdem erhalte er automatisch Reports, die eine gute Übersicht über noch fehlende Belege böten.

» Wir müssen technische Tools nutzen, um die Prozesse bei verwaltungsintensiven Aufgaben wie Buchhaltung und Rechnungen zu verschlanken. « Marco Ripanti, St. Kilian Distillers

Datenschutztechnische Bedenken hat Ripanti nicht. „Zugegebenermaßen war ich anfangs etwas skeptisch, ob interne Dinge wie Rechnungen und Kontoführung nicht in falsche Hände gelangen können“, sagt er. Nach intensiver Überlegung war die Geschäftsführung jedoch davon überzeugt, dass ein Missbrauch sehr unwahrscheinlich sei, zumal auch im Alltag wichtige Daten – etwa im Online-Banking – über Smartphone und Co. durchs Netz übertragen würden. „Die Arbeitserleichterungen überwiegen in jedem Fall die Bedenken“, fasst Ripanti zusammen.

Fastbill setzt beim Automatisierungsprozess auf selbstlernende Algorithmen und intelligente Datenauswertungen. „Alle Daten werden unter hohen Sicherheitsstandards in deutschen Rechenzentren verarbeitet“, verspricht das Startup in seinem Firmenprofil. Gleichwohl müssten Fintechs „in Zukunft noch unter Beweis stellen, dass auch sie dauerhaft sichere und hochwertige Finanzdienstleistungen erbringen können“, sagt Mario Ohoven, Präsident des BVMW. Er geht davon aus, dass sich in der Fintech-Szene in den kommenden Jahren die Spreu vom Weizen trennen wird. „Inzwischen gibt es viele Fintechs mit sehr ähnlichen Geschäftsmodellen. Hier wird sich der Markt wahrscheinlich noch konsolidieren“, sagt auch Dimler. Neben den Risiken verweist der Professor aber besonders auf die Chancen für KMU: „Grundsätzlich bieten Fintechs eine sehr breite Angebotspalette und setzen dabei auf Schnelligkeit, Kundenorientierung, transparente Prozesse, moderne, digitale und oft kostengünstige Lösungen.“

 

Neue Partner für den Mittelstand

Fintechs sind überwiegend in den Bereichen Finanzierung und Geldanlage sowie im Zahlungsverkehr aktiv. Die unten stehende Auswahl von Startups aus der ­Finanzbranche konzentriert sich auf kleine und mittlere Unternehmen.

1. Finanzierung
Compeon ist ein Finanzierungsportal für den Mittelstand und richtet sich an Unternehmen und ihre Berater, Freiberufler und Selbstständige. Das Unternehmen arbeitet mit mehr als 220 etablierten Banken, Sparkassen und alternativen Finanzpartnern zusammen.

Fincompare ist eine Finanzierungsplattform für kleine und mittlere Unternehmen mit einem Finanzierungsbedarf ab 20.000 Euro. Über das Portal erreichen Firmen mehr als 200 Banken, Leasinggesellschaften, Factoringgesellschaften und Finanzierungspartner.

Kapilendo ist eine Online-Plattform im Bereich der Unternehmensfinanzierung. Etablierte Wachstumsunternehmen und kleine mittelständische Firmen erhalten Zugang zu Nachrangkapital und klassischen Krediten durch private Anleger und Investoren.

2. Geldanlage
Scalable Capital ist ein Online-Vermögensverwalter. Das Unternehmen erstellt und verwaltet für Klienten global diversifizierte Indexfonds-Portfolios für den systematischen Vermögensaufbau und setzt auf eine eigens entwickelte Risikomanagement-Technologie.

Das Zinsportal Weltsparen bietet Privatpersonen und Unternehmen in ganz Europa Zugang zu Sparprodukten aus einer Hand. Derzeit offerieren 40 Banken Sparprodukte, die von flexiblen Tagesgeldern bis hin zu langfristigen Spareinlagen reichen.

Auf der Social-Trading-Plattform Wikifolio können Anleger und Unternehmen Investmentstrategien von erfolgreichen Anlegern verfolgen und mit Wikifolio-Zertifikaten nachbilden.

3. Zahlungs- und Rechnungsverkehr
Fastbill bezeichnet sich selbst als Pionier im webbasierten Finanzmanagement kleiner Unternehmen und Selbstständiger. Das Unternehmen, zu dem 45 Mitarbeiter gehören, bietet eine Plattform an, über die Firmen Verwaltungsprozesse – wie Rechnungen versenden und erhalten sowie Konto­buchungen – beschleunigen können.

CrefoPay ist eine für Onlinehändler entwickelte Komplettlösung zur Zahlungsabwicklung im In- und Ausland. Sie hilft entscheidend, Kaufabbrüche und Zahlungsausfälle zu verringern und Kosten zu reduzieren. Bei jedem Online-Kauf bewertet CrefoPay im Hintergund das Risiko der Transaktion. Je nach Ergebnis wird dem Käufer anschließend eine dynamische Bezahlseite mit den für den ihn einfachsten und für den Händler risiko­ärmsten Zahlungsarten angeboten.

 


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Kommentare

  1. “Fintech trifft Firma”

    Klassische Kreditinstitute sind bei der Finanzierung von gewerblichen Vorhaben generell vorsichtiger geworden. Der Bericht zeigt sehr gelungen auf, wie wichtig es ist, dass sich sowohl KMUs als auch klassische Kreditinstitute den neuen und innovativen Finanzierungsmöglichkeiten gegenüber aufgeschlossen zeigen. Hier steckt ein großes Potenzial sowohl für Unternehmen mit Kapitalbedarf, Banken und Sparkassen als auch für Kapitalanleger. Mein Credo:
    Die Gewerbe- und Firmenkundenberater/innen sollten bei jedem Beratungsgespräch zur Finanzierung eines gewerblichen Vorhabens (Wachstums-/Produkt-/Projektfinanzierung) die alternative Finanzierungsmöglichkeit Crowdfunding (Crowdlending | Crowdinvesting) als zusätzlichen Baustein einer gelungenen “Mix-Finanzierung” einbeziehen.

    Mit der im Bericht erwähnten Fintech-Plattform kapilendo arbeite ich seit etwa eineinhalb Jahren partnerschaftlich zusammen. Gleich das erste Projekt wurde sehr erfolgreich in nur drei Tagen realisiert; siehe u. a.:
    http://www.hf-unternehmensfinanzierung.de/p_stehr.html
    https://www.kapilendo.de/projekte/1fdb0471-f6c8-442b-8bf6-c1d938544d6d

    Auch mit den übrigen in diesem Artikel aufgeführten “Partnern für den Mittelstand”, die im Bereich der Finanzierung erwähnt sind (Compeon, Fincompare), habe ich Kooperations-/Partnervereinbarungen. Für die Märzausgabe des Newsletter von FinCompare habe ich den Gastbeitrag geschrieben:
    https://fincompare.de/finanzmagazin/alternative-finanzierungsformen-und-ein-unabhangiger-konditionenvergleich-im-spannungsfeld-sich-wandelnder-kreditvergaberichtlinien/?utm_source=mnl3&utm_medium=mail&utm_campaign=Multiplier+Newsletter+#3

    Herzlich, Ihr Holger Feick
    Geschäftsführer HF Finanzconsulting GmbH

    http://www.hf-finanzconsulting.de

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