Christoph Leichtweiß ist geschäftsführender Gesellschafter von zwei Unternehmen der YPOS-Gruppe. 
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Mittelstandsbotschafter

Keine Hoffnung auf steigende Zinsen

Angesichts der zuletzt schwachen Konjunkturdaten schreckt die EZB vor einem Ausstieg, der vor allem in Deutschland umstrittenen, Anleihekäufe zurück. Sollte das Wirtschaftswachstum abnehmen, dürfte die angestrebte Kurswende der europäischen Geldpolitik schwierig werden. Zuletzt wurden die Erwartungen deutlich unterschritten. “Wenn wir eine Anhebung der Zölle haben, eine Zunahme des Protektionismus, könnte es direkte Auswirkungen geben”, sagte Mario Draghi mit Blick auf die Wirtschaft.

Aktuell kauft die Europäische Zentralbank (EZB) monatlich Wertpapiere im Volumen von 30 Milliarden Euro. Das Programm ist insgesamt auf 2,55 Billionen Euro angelegt. Die Käufe sollen noch bis mindestens Ende September fortgesetzt werden, wie die EZB bekräftigt hat.  Unklar ist, wie es ab Oktober 2018 weitergeht.

Wir gehen davon aus, dass die EZB sehr behutsam vorgehen wird. Ein abruptes Ende der Anleihekäufe ab Oktober sehen wir als unwahrscheinlich an. Vielmehr wird die EZB die Ankäufe nochmals reduzieren und höchstwahrscheinlich im Verlauf des ersten Quartals 2019 auslaufen lassen. Die nächsten Zinssitzungen finden am 14. Juni in Riga und am 26. Juli in Frankfurt statt.  Die Ankündigung über Veränderungen des Ankaufprogrammes sollte bis spätestens Juli getroffen werden.

Doch selbst wenn die Anleihekäufe beendet werden ist nicht unmittelbar mit Zinsanhebungen zu rechnen. Die ersten Zinsanhebungen erwarten die meisten Experten frühestens im zweiten Quartal 2019. Spannend ist das insbesondere für den Rentenmarkt. Die Liquiditätsschwemme der Notenbank hat hier wahrscheinlich zu Renditen geführt, die nicht den Risiken entsprechen. Auch die massive Zunahme von passiven Anlagestrategien ist ein Thema. Hier wird sich noch zeigen, ob ein massiver Abbau von Positionen und Fondsrückgaben gemanagt werden kann.

In der Zwickmühle

Die EZB hat sich selbst in eine Zwickmühle manövriert. Sollte es zu einer konjunkturellen Schwäche kommen, die im schlimmsten Fall sogar zu einer tiefen Rezession führt, hätte die EZB wenig Spielraum um zu agieren. Es scheint schon heute, als hätte die EZB (genau wie die US-Notenbank!) den optimalen Zeitpunkt für einen Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik verpasst. Allerdings haben die Stimmungsindikatoren für den Euro-Raum zuletzt ein nicht mehr ganz so positives Bild wie noch zum Jahreswechsel aufgezeigt. Zudem lag die Inflation mit 1,3 Prozent im März deutlich von der EZB-Zielmarke von knapp zwei Prozent entfernt. Auch die erwartete Inflationsrate liegt noch unterhalb der Zielgröße der Notenbank.

Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass der Anstieg des Ölpreises eher von der Angebotsseite kommt. Hier stellt sich die Frage der Nachhaltigkeit. Ein sinkender Ölpreis dämpft die Inflation. In Kombination mit einer schwächeren wirtschaftlichen Aktivität ergibt sich ein Cocktail der den Spielraum der Notenbank stark beschränkt. Auch die Abwärts-Risiken für die europäische Konjunktur sind durch einen möglicherweise eskalierenden Handelsstreit größer geworden.

Der Anlagenotstand bleibt uns erhalten

Die Lage bleibt also wie sie ist. Der Anlagenostand bleibt uns erhalten. So weisen Unternehmensanleihen erst ab einer Restlaufzeit von 6 Jahren und einem Rating von BBB (=“Durchschnittlich gute Anlage. Bei Verschlechterung der Gesamtwirtschaft ist aber mit Problemen zu rechnen.“) eine Verzinsung von 1 Prozent (vor Kosten, Steuern und Inflation) aus.

Schlussfolgerungen und Leitfaden für Anleger

Das Zinsniveau sollte keinesfalls zu unüberlegten Anlageentscheidungen führen. Sinnvollerweise sollte die aktuelle Phase für den kritischen Umgang mit der eigenen Vermögensstruktur genutzt werden. Ein Leitfaden kann wie folgt aussehen:

  1. Definition der Verteilung auf Rücklage und Kapitalanlage
  2. Ermittlung der finanziellen Risikobereitschaft
  3. Festlegung der gewünschten Vermögensstruktur
  4. Schrittweise und regelgebundene Umsetzung der notwendigen Schritt zur Erreichung der Zielstruktur

Schlussfolgerungen für die Altersvorsorge

Besonders bei langen Anlagezeiträumen wirkt sich der (fehlende!) Zinseszinseffekt massiv aus. Auch wenn man häufig von der kapitalgedeckten Altersvorsorge spricht, handelt es sich doch in den meisten Fällen um eine zinsbasierte Altersvorsorge. Die kann ohne Zinsen nicht funktionieren. Dementsprechend sind auch die Erfahrungen der letzten 40 Jahre nicht für die Zukunft anwendbar. Eine Auseindersetzung mit den Fakten und Einflussfaktoren ist zwingend vorzunehmen.

Eine Einführung bietet dieses Video:

http://www.ypos-fp.de/alle_publikationen/video-ruhestandscheck-einfuehrung-in-die-altersvorsorge-13233/

 

 


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