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Finanzierung, solvent

Revolutionäre Kettenreaktion

Die Blockchain revolutioniert die Handelsfinanzierung. Verschiedene Banken arbeiten an Lösungen, um ihre Prozesse zu optimieren. Noch in diesem Jahr gehen innovative Trade-Finance-Plattformen live. Unternehmer sollten die Entwicklung wachsam verfolgen. 

In der globalen Wirtschaft greifen viele kleine Zahnräder ineinander. Was sprichwörtlich gilt, trifft für den Maschinenbauer Kapp Niles erst recht zu. Das Unternehmen aus Coburg entwickelt Schleifmaschinen und Werkzeuge zur Bearbeitung von Verzahnungen und Profilen und verkauft seine Produkte weltweit. Rund 80 Prozent des Umsatzes mit Werkzeugmaschinen machte Kapp Niles im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre mit Auftraggebern außerhalb Deutschlands. Der Mittelständler ist Technologiepartner für Kunden der Fahrzeug-, Luftfahrt- und Kompressorindustrie bis hin zu Unternehmen aus den Bereichen Schiffsbau, Energie und Windkraft. „Ohne unseren Auslandsumsatz könnten wir heute nicht mehr überleben“, sagt Geschäftsführer Helmut Nüßle.

Um seine Auslandsgeschäfte abzusichern, vertraut Nüßle in Kooperation mit den Trade-Finance-Spezialisten der Hypovereinsbank auf Dokumentenakkreditive und Bankgarantien – und setzt damit auf klassische und häufig gewählte Instrumente. „Das läuft bei uns inzwischen sehr routiniert. Wir drucken die Verträge und Dokumente aus und prüfen sie nach den vorgesehenen Regeln“, sagt Doris Langguth, Leiterin der Finanzbuchhaltung bei Kapp Niles. „Mit dieser Abwicklung können wir gut umgehen“, ergänzt sie. Sollten sich im Zuge der Digitalisierung Abläufe ändern, wird sich das Unternehmen aber auch darauf einstellen.

Schneller und sicherer

Tatsächlich zeichnet sich eine Revolution in der Handelsfinanzierung ab, möglich gemacht durch die sogenannte Blockchain. Mit dieser Technologie, die bisher vor allem durch ihren Einsatz bei Kryptowährungen wie Bitcoin bekannt ist, sollen auch andere Prozesse schneller, einfacher, preiswerter und sicherer werden – so die Vision. Das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT entwickelte bereits vor zwei Jahren im Auftrag einer Großbank Lösungen, wie Akkreditive mit Hilfe der Blockchain und damit voll­elektronisch schneller und für alle Beteiligten simultan und einfach abgewickelt werden können.

» Geschäftsprozesse, deren Ausführung üblicherweise Tage dauert, könnten per Blockchain innerhalb von Sekunden abgewickelt werden. «
Thomas Probst, Unicredit

Zwar können Unternehmen auch heute schon Handelsdaten ihrer Auslandsgeschäfte digital übermitteln und abgleichen. Das entsprechende Instrument heißt Bank Payment Obligation (BPO). Dabei werden mit Daten des Kaufvertrags (Purchase Order) im Vorfeld die relevanten Daten des Geschäfts abgestimmt. Die Ware wird verladen. Anschließend sendet der Verkäufer die vereinbarten Handelsdaten an seine Bank, die diese dann über eine elektronische Plattform abgleicht. Im Anschluss gibt das Geldinstitut des Käufers (BPO-Obligor-Bank) der Bank des Verkäufers (BPO-Empfängerbank) das unwiderrufliche Zahlungsversprechen, bei Fälligkeit den BPO-Betrag zu überweisen.

So einfach wie Onlinebanking

Die Technik vereinfacht via Digitalisierung künftig den Prozess noch weiter. Ein Vorteil, gerade auch für kleine Unternehmen mit wenig Erfahrung im Auslandsgeschäft. Einige Firmenchefs verzichten auf Marktchancen, weil sie nicht die Zeit haben, sich detailliert mit den rechtlichen Regularien und Formalien der Außenhandelsinstrumente zu beschäftigen. Eine auf Blockchain basierende Plattform könnte das Handling erleichtern und Berührungsängste abbauen.

Um zu verstehen, warum, muss man jedoch zunächst die Technologie in ihren Grundzügen nachvollziehen: Blockchain bedeutet übersetzt so viel wie „Kette aus Datenblöcken“. In dieser Kette werden alle Transaktionen der angeschlossenen Partner in Blöcken gespeichert. Je mehr Transaktionen, desto länger die Kette. Weil jede neue Transaktion auf der gespeicherten Historie der vorangegangenen Transaktionen basiert, sieht und prüft jeder Teilnehmer im Netzwerk den kompletten und für alle identischen Datensatz. Die Technik schafft somit Transparenz – und zwar simultan – und gilt als manipulationssicher. „Eine Transaktion wie etwa die Überweisung einer Kryptowährung oder eben die Registrierung eines Dokuments wird von einem Sender erzeugt und digital signiert“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Prinz, stellvertretender Leiter des Fraunhofer FIT. Der Vorgang wird an das Netzwerk übermittelt und an die jeweiligen Rechner – im Fachjargon Knoten – verteilt. Jeder einzelne Knoten checkt anschließend nach speziellen Regeln ab, inwieweit die Transaktion gültig ist, und fügt sein Testat an die Blockchain an.

Abwicklung in Sekunden

„Die Technik ermöglicht, pauschal gesagt, ein elektronisches Register digitaler Datensätze, Ereignisse oder Transaktionen, die durch die Teilnehmer eines verteilten Rechnernetzes verwaltet werden“, sagt Thomas Probst, Head of Trade Finance & Working Capital Products Germany bei der Unicredit. „Geschäftsprozesse, deren Ausführung üblicherweise Tage dauert, könnten so innerhalb von Sekunden abgewickelt werden“, prognostiziert er. „Und zwar ohne besonders große technische Vorkenntnisse.“ Zum Beispiel können sich die Teilnehmer vorgeschriebene Kontrollen sparen, weil sie ohnehin mit einem Klick jeden Schritt einsehen und verfolgen können. Bei Akkreditiven etwa müssen die Dokumente von den Geschäftspartnern überprüft werden. Das entfällt.

In einem Konsortium aus neun europäischen Banken, darunter die Deutsche Bank, HSBC, KBC und Société Générale haben Unicredit/Hypovereinsbank die Blockchain-Plattform für die Handelsfinanzierung we.trade entwickelt, die kurz vor der Markteinführung steht. „Wir befinden uns in der finalen Testphase“, sagt Probst. Ein ähnliches Konzept verfolgt die Commerzbank mit fünf Banken wie der spanischen Caixa Bank, der kanadischen Bank of Montreal oder der österreichischen Erste Group unter dem Projektnamen „Batavia“. Auch ihre Plattform ist noch nicht live, aber ebenfalls in einer fortgeschrittenen Entwicklungsphase. Zugang sollen weltweit Unternehmen jeglicher Größe haben, um Handelsfinanzierungen aller Art durchzuführen. In einem weiteren Schritt könnten an den Trade-Finance-Plattformen nicht nur Ex- und Importeure sowie deren Banken, sondern auch Zoll- und Steuerbehörden bis hin zu Versicherungsgesellschaften beteiligt sein.

Probieren geht über Studieren

Thomas Probst glaubt an den Erfolg von we.trade. „Die Blockchain-Lösung bietet eine äußerst sichere, schnelle und transparente Alternative zu den herkömmlichen Abrechnungs- und Finanzierungsformen“, sagt er. Der Experte sieht aber noch eine weitere Zielgruppe für das neue Angebot. Firmen können die Blockchain-Technologie in der Praxis testen, ohne selbst zu investieren. Sie verschaffen sich Einblick in die innovative Technik, um dann zu entscheiden, inwieweit sie in anderen Unternehmensbereichen eingesetzt werden kann. Ein Internetzugang reicht dafür aus. Es bedarf für die Teilnahme keiner Verknüpfung mit dem eigenen IT-System, „wobei dies abhängig vom Handelsvolumen später sicher weitere Vorteile bieten kann“, prognostiziert Probst. Das dient dann der Prozessoptimierung im eigenen Unternehmen, weil die Daten so intern elektronisch weiterverarbeitet werden können.

Experten gehen davon aus, dass sich die Blockchain-Technologie im Bereich der Handelsfinanzierungen aufgrund ihrer Vorteile etabliert. Welche der neuen Plattformen am Ende schließlich führend sein wird, lässt sich aber noch nicht voraussehen. „Unternehmen sollten die Entwicklung weiter verfolgen, die eigenen Geschäftsprozesse auf eine Blockchain-Relevanz und den Mehrwert prüfen“, empfiehlt IT-Spezialist Prinz.

 

INTERVIEW

»Explosionsartige Entwicklung«

Wolfgang Prinz ist stellvertretender Leiter des Fraun­hofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT und Professor an der RWTH Aachen. Er entwickelt im Auftrag von Firmen Konzepte und Anwendungen für die Blockchain.

Kryptowährungen wie Bitcoin basieren auf der Blockchain. Die Technologie kann aber in verschiedensten Unternehmensbereichen eingesetzt werden? Wie schnell rechnen Sie mit weiteren Anwendungen?

Prinz: Wir prognostizieren, dass sich die Blockchain recht schnell etabliert. Vermutlich schon in ein bis zwei Jahren dürfte sie vielfältig Anwendung finden. Wir vergleichen dies mit der Entwicklung des World Wide Web. Erst waren es nur wenige Seiten, bis innerhalb von kurzer Zeit die Technik explodiert ist.

Wie sollten Unternehmen jetzt auf die Blockchain reagieren?

Prinz: Sie sollten sie im Auge behalten. Wer sich frühzeitig vorbereitet, kann sich möglicherweise Vorteile im Wettbewerb verschaffen. Wir raten dazu, sich mit der Technik zu beschäftigen. Unternehmer sollten an Workshops teilnehmen, in denen die Blockchain und ihre Leistungsfähigkeit erklärt werden. Verbände organisieren Vorträge. Auch Fach- und Branchenzeitschriften erläutern den aktuellen Stand der Technik. Im Prinzip wird es wichtig sein, hier am Ball zu bleiben.

Und wann wird die Blockchain fürs Geschäft interessant?

Prinz: Der Firmenchef sollte sich zuerst fragen, in welchen Netzwerken er aktiv ist – in welchen Bereichen die Firma also Teil einer Blockchain werden könnte. Der Außenhandel ist hier nur ein Beispiel. Die Blockchain ist darüber hinaus interessant, wenn innerhalb eines Netzwerkes Dokumente ausgetauscht werden. Und drittens, falls automatisiert Zahlungen ausgelöst werden könnten. Bisher sind in vielen derartigen Prozessen Vermittler eingeschaltet, die mit der Einführung der Blockchain überflüssig würden.

 


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