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    Finanzierung, solvent

    Ran an die Mäuse

    Die Töpfe sind voll, der Staat verteilt jährlich Fördermittel in Milliardenhöhe – und doch nutzen viele Unternehmen diese finanziellen Hilfen nicht, etwa weil komplizierte Antragsverfahren abschrecken oder die Möglichkeiten schlicht nicht bekannt sind.

    Wenn es um Fördermittel geht, zitiert Uli Kammerer gerne Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Sein Unternehmen Weber Instrumente in Baden-Württemberg beschäftigt 42 Mitarbeiter und entwickelt und produziert Operationswerkzeuge für die Chirurgie. Dabei arbeitet Kammerer eng mit Hochschulen zusammen. Über ein Förderprogramm der Europäischen Union hat seine Firma von 2012 bis 2015 einen Zuschuss von 150.000 Euro bekommen, um Personalkosten für Entwicklungsarbeiten zu finanzieren. Ihr Partner, die Hochschule Stuttgart, erhielt – wie in dem Programm vorgesehen – das Doppelte. Der Unternehmer investierte weitere 150.000 Euro, sodass beiden Parteien in Summe jeweils ein Budget von 300.000 Euro zur Verfügung stand.

    Das Ergebnis kann sich sehen lassen. „Mit dem Projekt haben wir den Einstieg in den Bereich komplexer Instrumente mit elektronischen Bauteilen geschafft“, sagt Kammerer. Darüber hinaus sei es gelungen, Partnerschaften in Produktionsbereichen aufzubauen, in denen Weber Instrumente bisher keine Erfahrungen hatte. „Dies wird nicht das letzte Projekt sein, bei dem wir Fördermittel beantragen.“ So überlegt Kammerer derzeit, weitere Projekte mit CoHMed, einer Innovationspartnerschaft der Hochschule Furtwangen, unter anderem gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, anzugehen. „Natürlich kostet es Zeit und Energie, die Förderung auf den Weg zu bringen. Zugleich lockt die Aussicht, das Geschäft weiter anzukurbeln“, sagt er. Doch Kammerer kann nicht verstehen, warum hierzulande nicht noch mehr kleine und mittlere Unternehmen Fördermittel in Anspruch nehmen.

    1.700 Förderprogramme für KMU

    Ob für die Existenzgründung, den Kauf von Maschinen und Gebäuden, die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen oder Investitionen in energiesparende Technik – es gibt viele Anlässe, für die es finanzielle Hilfe vom Staat gibt. EU, Bund und Länder verteilen jedes Jahr Milliarden an Fördermitteln. Diese gibt es entweder als Zuschüsse, also Geld, das Firmen für bestimmte Zwecke und unter bestimmten Voraussetzungen vom Staat geschenkt bekommen. Oder als Darlehen, die meist günstigere Konditionen haben als herkömmliche Kredite von der Hausbank.

    Das Spektrum an Förderungen, aus denen vor allem kleine und mittlere Unternehmen auswählen können, ist riesig: Je nach Investitionsvorhaben können Mittelständler auf mehr als 1.700 Förderprogramme zurückgreifen. Vergeben werden sie von Bund, Ländern, der Europäischen Union und Bürgschaftsbanken. Die mit Abstand größte Förderbank ist die KfW-Bankengruppe mit einem Fördervolumen von 21,9 Milliarden Euro (2017) für Unternehmen, Existenzgründer und Freiberufler auf Bundesebene. Spezialbanken wie die Landwirtschaftliche Rentenbank bieten branchenspezifische Fördermittel. Und auch auf Landesebene werden Mittelständler von Förderbanken wie beispielsweise der NRW.Bank oder der Investitionsbank Berlin mit regional ausgelegten Förderprogrammen unterstützt. Hinzu kommen Förderungen durch die Europäische Investitionsbank.

    Viele Chancen bleiben ungenutzt

    „Trotz der zahlreichen Möglichkeiten auf günstige Finanzierungen durch Förderprogramme oder gar Zuschüsse lassen viele Unternehmen diese Chancen ungenutzt an sich vorüberziehen“, sagt Nico Peters, Geschäftsführer von Compeon. Das Onlineportal für Mittelstandsfinanzierung hat in einer Studie herausgefunden, dass mehr als 60 Prozent der Unternehmen weder Fördermittel nutzen, noch diese von ihrer Bank angeboten bekommen haben. „Viele Unternehmen kennen die unterschiedlichen Förderprogramme nicht oder denken, dass ihr Vorhaben erst gar nicht förderfähig ist“, so Peters. Der Experte glaubt, dass sich der Zugang zu den Programmen für die Firmen oftmals zu kompliziert gestaltet oder das nötige Wissen über das Antragsprocedere fehlt. Zudem sei vielen Firmen gar nicht bewusst, dass ihr Vorhaben überhaupt förderfähig ist. „Falls sie nicht von ihrer Bank darauf hingewiesen werden, tragen die Unternehmen die Opportunitätskosten der verpassten Förderung.“

    Denn als Anstalten öffentlichen Rechts verhalten sich Banken wie die KfW oder die NRW.Bank wettbewerbsneutral. Es gilt das Durchleitungsprinzip: Wenn Firmen einen Förderkredit in Anspruch nehmen wollen, führt der Weg zunächst zu einer Geschäftsbank. Diese fungiert als Mittler und prüft die Förderfähigkeit des Unternehmens. Ist sie erfüllt, wird der Antrag an die entsprechende Förderbank weitergereicht. Bei positivem Entscheid durch die Förderbank ist die Geschäftsbank weiterhin als Mediator tätig, der die günstigen Konditionen an die Unternehmen weiterreicht. Voraussetzung ist aber häufig, dass die Hausbank ihren Kunden auf eine Fördermöglichkeit aufmerksam macht oder ein Unternehmer die Bank konkret darauf anspricht.

    Für Compeon-Geschäftsführer Peters bietet daher die Digitalisierung bei der Unternehmensfinanzierung eine Lösung: „Onlineplattformen erreichen durch die direkte Verbindung zu Förderbanken auf Landes- und Bundesebene und die automatische Prüfung jeder Anfrage auf Förderfähigkeit, dass Unternehmen keine Förderung verpassen.“

    Komplexes Antragsprozedere

    Auch Till Karrer, Partner bei der Beratungsgesellschaft KPMG, hat beobachtet, dass die aktive Nachfrage nach Fördermitteln häufig gar nicht genutzt wird. „Viele Förderprogramme sind komplex und werden daher nicht als erster Weg wahrgenommen. Mittelständler sollten sich hier mit Branchenkennern austauschen, die bereits Erfahrung damit gemacht haben und so ein Programm schon einmal verhandelt haben“, empfiehlt er. Bei der Auswahl des richtigen Förderprogramms sollten Unternehmen seiner Ansicht nach auch im Blick haben, dass die Kreditbedingungen im Zusammenspiel mit anderen, bestehenden Kreditgebern passen.

    Etwa die Hälfte der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Deutschland finanziert sich aus eigenen Mitteln. Die andere Hälfte ist auf Banken, Investoren, Finanzierungsplattformen, Beteiligungskapital und auch auf Fördermittel angewiesen. „Dabei erleben wir den deutschen Mittelstand häufig immer noch als treuen Kunden einer einzigen Hausbank. Zu wenige kleine Unternehmen machen von der Möglichkeit Gebrauch, Fördermittel und Zuschüsse von Förderbanken zu beantragen“, gibt Mario Ohoven zu bedenken. Für den Präsidenten des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) ist dies verständlich: „Man denke nur an das komplexe Antragsprozedere. Wir fordern hier deutlich mehr Transparenz und weniger Bürokratie“, sagt er. Neben der technischen Förderung durch das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) oder dem ERP-Digitalisierungs- und Innovationskredit der KfW spricht sich der Verband vor allem für eine stärkere Förderung digitaler Ideen und Dienstleistungen aus.

    Beim Programm ZIM erhalten Unternehmen einen Zuschuss von bis zu 380.000 Euro für Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die zu neuen Produkten, technischen Dienstleistungen oder besseren Produktionsverfahren führen. Den ERP-Digitalisierungs- und Innovationskredit zur Finanzierung von Digitalisierungs- und Innovationsvorhaben hat die KfW im Juni 2017 aufgelegt. Er fördert die Digitalisierung von Produkten, Produktionsprozessen und Verfahren. Dafür wurden 2017 rund 1,5 Milliarden Euro vergeben.

    Kristina Borrmann, die Unternehmen beim Liquiditätsmanagement und in der Finanzkommunikation berät, macht immer wieder die Erfahrung, dass insbesondere kleinere Mittelstandsunternehmen im Alltag aufgrund anderer Prioritäten keine zeitlichen Kapazitäten haben, die unterschiedlichen Fördermöglichkeiten zu entdecken und zu nutzen. Die Hausbanken wiederum bieten eher ihre eigenen Finanzierungsprogramme proaktiv an, die nicht mit einer Förderung verbunden sind.

    „Es wäre wünschenswert, dass die Banken, wenn sie den Bedarf des Unternehmens kennen, hier häufiger konkrete Vorschläge zu gegebenen Fördermöglichkeiten machen, wie es im Bereich der Existenzgründungsfinanzierung praktiziert wird“, sagt sie. Hintergrund dürfte sein, dass die Banken aufgrund interner umfangreicher Umstrukturierungen häufig stark mit sich selbst beschäftigt sind. „Es fehlen häufig schlicht die Kapazitäten zur intensiven Beratung. Und so positiv das umfangreiche Förderangebot ist, so undurchsichtig ist der Dschungel für die Mittelständler.“ Ein weiterer Grund seien häufig die umfangreichen Prüfverfahren, die mit geförderten Finanzierungen einhergehen. Der schnelle, verwaltungsarme Weg wird dann bevorzugt und es wird eher das Angebot der Bank ohne Förderung gewählt.

    Das Kleingedruckte beachten

    Unternehmen, die eine Förderung beantragen, müssen vorab einige Dinge beachten. „Bei Fördermitteln ist es – wie bei jedem anderen Vertrag auch – unheimlich wichtig, das Kleingedruckte zu lesen und sich über die Konditionen und Bedingungen im Klaren zu sein, beispielsweise, wie viele Arbeitsplätze geschaffen und für wie lange gehalten werden müssen“, weiß Michael Sörgel, Rechtsanwalt bei der Sozietät Heuking Kühn Lüer Wojtek. Wer sich nicht umfassend informiert, läuft Gefahr, bereits über die ersten Hürden zu stolpern.

    So gilt grundsätzlich: Erst die Förderung beantragen, dann investieren. Haben Firmen ihr Vorhaben bereits in die Tat umgesetzt, wird in der Regel keine Förderung mehr zugesagt. Laut der NRW.Bank können bei den meisten Anträgen die Haus- und die Förderbank innerhalb kurzer Zeit nach Eingang entscheiden. Wenn die Unterlagen nicht vollständig oder nicht plausibel sind, kann es zu Verzögerungen durch Rückfragen kommen. Um das zu vermeiden, ist es wichtig, alle erforderlichen Dokumente mit dem Antrag einzureichen. Welche Unterlagen das sind, erfahren Unternehmen bei ihrer Hausbank oder auf den Internetseiten der Förderbanken.

    Schritt für Schritt zur Förderung

    Recherche . Das Bundeswirtschaftsministerium gibt einen umfassenden und aktuellen Überblick über die Förderprogramme des Bundes, der Länder und der Europäischen Union. Auf www.foerderdatenbank.de finden Unternehmer die für sie passenden Angebote. Die Suche erfolgt anhand von Kriterien – zum Beispiel der Art des Investitionsvorhabens, dem Finanzierungsbedarf, der Region oder der Unternehmensphase und -größe. Persönliche Beratungen bieten die Industrie- und Handelskammern (IHK) sowie die Handwerkskammern der Bundesländer an.

    Kredit oder Zuschuss? Fördermittel gibt es als Zuschüsse oder als Darlehen. Der Unterschied: Zuschüsse müssen nicht zurückgezahlt werden, sind aber oft an komplexere Bedingungen geknüpft. Darlehen haben meist günstigere Konditionen als Kredite von der Hausbank.

    Ansprechpartner. Zuschüsse werden direkt beim Zuschussgeber beantragt. Weil Förderbanken kein eigenes Filialnetz besitzen, ist für ein Förderdarlehen aber der Weg über die Hausbank nötig. Sie prüft den Antrag, leitet die Fördermittel durch und trägt gegebenenfalls auch einen Teil des Risikos mit. Weil die Banken daran interessiert sind, eigene Produkte zu verkaufen, sollten Unternehmer ihre Berater aktiv auf Fördermittel ansprechen.

    Antrag und Prüfung. Soll eine Förderung beantragt werden, reicht der Antragsteller alle erforderlichen Unterlagen ein, etwa eine Projektbeschrei- bung inklusive Darstellung der förderfähigen Aspekte wie Umweltschutz, Energieeinsparung, Innovation oder Digitalisierung. Das Prozedere ist komplex, spezialisierte Förderberater können helfen.

    Auszahlung . Vom Antrag bis zur Auszahlung kann mitunter einige Zeit vergehen. Das sollten Unternehmer berücksichtigen, um bereits getätigte Investitionen nicht teuer zwischenfinanzieren zu müssen. Ohnehin gibt es bei vielen Förderkrediten die Bedingung, dass mit dem geförderten Projekt noch nicht begonnen werden darf, solange das Darlehen nicht ausgezahlt wurde.

    Tilgung . Viele Förderdarlehen bieten neben der Zinsvergünstigung auch Erleichterungen bei der Tilgung, etwa eine tilgungsfreie Anlaufzeit, in der nur die Zinsen gezahlt werden müssen. In einigen Programmen können auch Zuschüsse zur Tilgung beantragt werden.


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