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    erfolgreich, Strategie

    Problem trifft Lösung

    Konzerne tun es schon lange. Sie nutzen Studenten als Berater, als Problemlöser für klar umrissene Aufgaben und Projekte. KMU sollten es ihnen nachtun und ihre Innovationsprojekte an die Hochschulen tragen. Einfacher kommen sie nicht an neue Ideen – und an künftige Mitarbeiter.

    Thomas de Roy hat ein kleines Imageproblem. Nicht er selbst. Aber das Unternehmen, für das er arbeitet. „Unsere grünen Lkw kennt jeder – und genau das ist der Haken“, sagt der Leiter der Duvenbeck-Akademie. Rund 1.600 Fahrzeuge verkehren für die Duvenbeck-Gruppe aus Bocholt, als Spedition ist sie wohlbekannt. „Aber viele Leute haben ein falsches Bild von der Branche. Logistik ist weitaus mehr als nur Lkw-fahren“, sagt de Roy. Mehr als 6.000 Mitarbeiter beschäftigt das inhabergeführte Unternehmen an über 35 Standorten in ganz Europa, mehr als 1.500 von ihnen in kaufmännischen Berufen, in der IT oder der Disposition. „Und genau dafür suchen wir motivierte Mitarbeiter.“ Die Duvenbeck-Akademie, die de Roy seit fünf Jahren aufbaut und leitet, arbeitet deshalb eng mit vielen Hochschulen zusammen. Sie bietet duale Studiengänge an – und sie bringt Studententeams und Mitarbeiter in konkreten Projekten zusammen.

    Gemeinsam mit Studierenden der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Olten sowie der Northeastern University in Boston hat Duvenbeck etwa jüngst ein neues Logistikkonzept für einen Großauftrag entwickelt. „Dabei liefern wir für einen Automobilhersteller vormontierte Komponenten“, erklärt Jan Hiller, Leiter der Abteilung Materialplanung bei Duvenbeck. Die Herausforderung besteht darin, dass die Einzelteile für die Vormontage wiederum von unterschiedlichen Lieferanten in ganz Europa stammen. Hinzu kommen unterschiedliche Stückzahlen und Größen. „Damit wir den Frachtraum in unseren Lkw und die Fuhren möglichst effizient planen können, haben wir die Studenten gebeten, unser Transportnetzwerk zu analysieren, Verbesserungen vorzuschlagen und das Ganze anschließend in unser ERP-System zu übertragen, um bei den Lieferanten zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Bestellmengen abzurufen“, sagt Hiller.

    Um es vorwegzunehmen: Von den Ergebnissen ist der 24-Jährige, der vor fünf Jahren selbst als dualer Student bei Duvenbeck angefangen hatte, mehr als begeistert. „Das Konzept hilft uns Kosten, CO2-Emissionen sowie Ressourcen einzusparen.“ Die Fachabteilungen bei Duvenbeck arbeiten derzeit mit Hochdruck daran, es im Unternehmen zu implementieren. „Die Qualität der Vorschläge der Studenten war wirklich sehr gut“, resümiert Hiller. „Die Teams waren hochmotiviert, auch weil ihre Arbeit für uns direkt in ihre Semesternoten mit eingeflossen ist.“

    Frischer Blick für bessere Ideen

    Der Fall zeigt: Fehlen Know-how oder Ressourcen, um ein unternehmerisches Problem zu lösen, muss der Weg nicht immer zu einer Beratung führen. Auch Unis, Hochschulen oder Forschungsinstitute sind eine gute Adresse. „Zumal wir die Erfahrung machen, dass Studenten tiefer in die Materie eintauchen als Berater. Sie sind unbelasteter, haben einen frischeren Blick – und oft die besseren Ideen“, sagt de Roy.

    Und genau um die geht es. Denn selbst Marktführer im Mittelstand tun sich bisweilen schwer mit ihrer Innovationskultur, wie eine aktuelle Umfrage der Unternehmensberatung Staufen zeigt. Während große Unternehmen neue Produkte, Prozesse oder Dienstleistungen aus sich heraus entwickeln, hängt der Ideenreichtum kleinerer Unternehmen meist an Einzelpersonen. Diese Erfahrung hat auch Andreas Becker gemacht. Der Ingenieur für Kunststoffverarbeitung ist ehemaliger Inhaber eines familiengeführten Werkzeugbauers und kennt die Probleme des Mittelstands. „Vielen Unternehmen fehlen schlicht die personellen Ressourcen“, sagt er. „Auf der anderen Seite gibt es gerade an Fachhochschulen ein großes Interesse an der Zusammenarbeit mit Unternehmen.“

    Seit 2010 haben sich Becker und sein Partner, Dr.-Ing. Hans-Joachim Hagebölling, als Technologiescouts in Südwestfalen darauf spezialisiert, Kontakte zwischen Unternehmen und Hochschulen zu vermitteln – kostenlos. Ihre Leistung wird unter anderem finanziert von den Industrie- und Handelskammern Arnsberg und Hagen. „Inhaltlich reicht die Bandbreite von Fragestellungen in der Logistik über Marketing bis hin zu den aktuellen Themen Digitalisierung und Industrie 4.0“, zählt Hagebölling auf. Auch die Art der Projekte variiert: vom Studenten, der für seine Bachelorarbeit die Produkte eines Herstellers von Türzargen analysiert, bis zum Semesterprojekt, in dem eine ganze Gruppe von Studenten das Produktportfolio eines Schraubenherstellers katalogisiert.

    „Ideal für die Zusammenarbeit mit Hochschulen sind Projekte, die das Unternehmen auf der einen Seite spürbar voranbringen, die andererseits aber nicht so eilig sind, dass sie morgen abgeschlossen sein müssen“, sagt Becker. Vor allem aber müsse die Chemie stimmen – zwischen dem betreuenden Professor und dem Unternehmer, aber auch zwischen den Studierenden und dem Betrieb. Die Bilanz der Technologiescouts zeigt, dass sie ein gutes Händchen als Vermittler haben: Aus mehr als 320 Projektideen sind bisher rund 160 Kooperationen zwischen Mittelständlern aus der Region sowie den südwestfälischen Hochschulen entstanden.

    Was Becker und Hagebölling regional praktizieren, fördert die Bundesregierung inzwischen auch deutschlandweit, mit einem Fokus auf Digitalisierung. Insgesamt 23 sogenannte Mittelstand-4.0-Kompetenzzentren wurden bundesweit eingerichtet, um mittelständischen Unternehmen – mit Unterstützung von Universitäten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen – unter die Arme zu greifen. „Wir wissen, dass die Idee der Digitalisierung am besten über praktische Anschauungsobjekte transportiert wird“, sagt Michael Rehe, Leiter des Kompetenzzentrums Hannover. Jede Lösung, die Professoren und Mitarbeiter der Leibniz Universität Hannover, des Instituts für integrierte Produktion Hannover, der TU Braunschweig oder des Instituts für Informatik in Oldenburg (OFFIS) gemeinsam mit Unternehmen erarbeiten, sollte deshalb Vorbildcharakter haben und als Blaupause für andere Betriebe dienen. „Jeder Partner hat andere Kompetenzen, auf die wir zielgenau zugreifen können“, sagt Rehe.

    Lernen im echten Leben

    Duvenbeck wiederum hat seine Hochschulpartner über Telanto gefunden. Das Startup mit Sitz in Barcelona ist ebenfalls angetreten, um eine Brücke zwischen Betrieben und Forschungseinrichtungen zu schlagen. Auf der Telanto-Website können Unternehmen ihre Projekte als „Challenges“ vorstellen. Studierende von Partnerhochschulen – unter anderem die HTW Berlin, die Frankfurt School of Finance and Management, die Hochschule Fresenius und die Uni Potsdam – bewerben sich für die Challenges und versuchen, die Aufgabenstellung in einem kleinen Team und innerhalb von 90 Tagen zu lösen. „Action Learning“ nennen die Gründer Christian Acosta-Flamma und Timo Kerzel, zwei ehemalige SAP-Manager, ihr Konzept. Was so viel bedeutet wie: Wenn Studierende sich an echten Projekten in echten Unternehmen die Zähne ausbeißen, lernen sie am besten – und im Idealfall sogar einen künftigen Arbeitgeber kennen. Und das nicht nur in Bereichen wie den Wirtschaftswissenschaften, dem Maschinenbau oder der IT. Zur Auswahl stehen bei Telanto auch Challenges wie die Entwicklung eines Marketingkonzepts für ein Startup, der Entwurf einer digitalen Strategie für einen deutschen Mittelständler oder Empfehlungen für die künftige Büro- und Arbeitswelt eines Unternehmens. Pro Jahr zahlen Unternehmen dort einen Mitglieds­beitrag von 999 Euro oder mehr – je nach Umfang der zusätzlich in Anspruch genommenen Dienstleistungen wie etwa Projektcoachings.

    Für Duvenbeck hat sich die Investition gelohnt. Zwar sei beim abgeschlossenen Projekt keiner der Studenten direkt beim Unternehmen hängengeblieben, „aber vor dem Hintergrund, dass wir international wachsen, haben wir gute Werbung in eigener Sache gemacht“, sagt Jan Hiller. Gemeinsam mit Thomas de Roy überlegt er bereits, welche Nuss Duvenbeck dem nächsten Studententeam zu knacken gibt.

     

    Studentenberatung

    Hier finden Unternehmen die passenden Hochschulpartner:

    Mittelstand digital
    Bundesweit bieten insgesamt 23 Kompetenzzentren ihre Unterstützung zu allen Fragen und Projekten rund um die Digitalisierung an. Ziel ist es, Kontakte zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen herzustellen und gemeinsam Leuchtturmprojekte zu realisieren, aus denen auch an­dere Unternehmen lernen und eigene Digitalisierungsvorhaben umsetzen können.
    mittelstand-digital.de

    Technologiescouts Südwestfalen
    Begrenzt auf die Region Südwestfalen beraten Andreas Becker und Hans-Joachim Hagebölling als Technologiescouts kleine und mittlere Unternehmen bei Hochschulkooperationen. Das Projekt wird finanziert von den Industrie- und Handelskammern Arnsberg und Hagen, den Wirtschaftsförderungsgesellschaften der Kreise Soest, Hochsauerland und des Märkischen Kreises sowie der Fachhochschule Südwestfalen und der Hochschule Hamm-Lippstadt.
    transferverbund.de

    Telanto
    Das Startup setzt auf die Vernetzung via Internet. Auf dem Telanto-Portal können Unternehmen auf der einen Seite ihre Probleme als sogenannte „Challenge“ veröffentlichen, auf der anderen Seite stellen Universitäten und Hochschulen ihre Kompetenzen vor. Kommt ein Projekt zustande, stellt Telanto eine cloudbasierte Arbeitsumgebung für den Austausch zur Verfügung. Für den Service des Startups zahlen Unternehmen eine jährliche Mitgliedsgebühr.
    telanto.com

    Oscar
    Dass das Modell „Student berät Unternehmen“ weder neu noch eine Eintagsfliege ist, beweist die Oscar GmbH. Die Kölner Unternehmensberatung bezeichnet sich selbst als größte von Jungabsolventen und Studenten geführte Beratung in Europa. Wer bei Oscar anfangen möchte, muss mindestens vier Semester studiert haben. Ein Nebenjob ist die Beratung für die Studierenden allerdings nicht. Sie unterbrechen ihr Studium, nutzen ein Praxissemester oder eine Lücke zwischen Bachelorabschluss und Masterstudium.
    oscar.de

     


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