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VW fordert mit Heycar die großen Gebrauchtwagenbörsen Autoscout24 und mobile.de heraus

Vor einem Jahr hat Volkswagen die Gebrauchtwagenbörse Heycar gegründet. So will sich der Konzern Marktanteile von der Internetkonkurrenz zurückholen.

Vom Eigentümer ist auf der Homepage weit und breit nichts zu sehen. Wer im Internet auf die neue Gebrauchtwagenbörse Heycar stößt, wird ausschließlich auf das Fahrzeugangebot hingewiesen. ‘Finde Top-Gebrauchtwagen mit Garantie’, ‘Fast-wie-Neuwagen’, beides steht ganz oben auf der Seite.

Wer das Angebot der etablierten Konkurrenten wie Autoscout24 und mobile.de kennt, der wird von der Ruhe und der Aufgeräumtheit auf der Heycar-Homepage überrascht. Keine aufblinkenden Banner und überhaupt keine Werbung, einfach nur ganz viele gebrauchte Autos.

Nur wer sich die oben am Seitenanfang abgebildeten Modelle sehr genau ansieht, der bekommt eine Idee, wer letztlich hinter der ganzen Sache steht. Ganz oben steht ein Skoda Kombi, etwas weiter darunter folgt ein Audi-SUV. Wer dann noch ein paar Zentimeter weiter nach unten scrollt, der stößt auf einen VW Golf.

Das ist dann tatsächlich des Rätsels Lösung: Heycar ist ein junges Tochterunternehmen von Volkswagen. Vor einem Jahr gegründet und in Berlin-Mitte zu Hause. Aktuell kommt Heycar auf 85 Mitarbeiter, nach dem Umzug in den Berliner Norden könnten es maximal 250 werden. Kein Vergleich zu den 640.000 Menschen, die weltweit im gesamten Volkswagen-Konzern arbeiten.

Mit Heycar will Volkswagen Geschäft zurückholen, das an die beiden führenden Internetbörsen für Gebrauchtfahrzeuge, Autoscout24 und mobile.de, in den zurückliegenden Jahren gegangen ist. Beide zusammen kommen im Internethandel in Deutschland auf einen Marktanteil von mehr als 80 Prozent und bilden fast so etwas wie ein Duopol.

Was früher die Lokalzeitung mit ihren Kleinanzeigen war, das sind heute die beiden großen Börsen, dann aber in ganz Deutschland. Autohändler klagen darüber, dass sie ihre Unabhängigkeit verloren haben, weil sie Gebrauchtfahrzeuge nur noch über die beiden Internetbörsen verkaufen könnten.

‘Wir haben ein neues erfolgsabhängiges Bezahlmodell eingeführt’, erläutert Heycar-Geschäftsführer Markus Kröger im Gespräch mit dem Handelsblatt. Damit sei es möglich geworden, die gesamte Seite werbefrei zu gestalten. Autohändler, die einen Gebrauchtwagen erfolgreich über Heycar verkauft haben, zahlen einen festen Prozentsatz des Verkaufspreises als Provision. Etwa 15 Prozent aller Anfragen führten am Ende tatsächlich zu einem Verkauf.

Autoscout24 und mobile.de funktionieren hingegen wie die gute alte Tageszeitung: Für jedes Auto, das dort angeboten wird, müssen die Händler eine Anzeige schalten.

Markus Kröger glaubt an den langfristigen Geschäftserfolg der Heycar-Seite. Die werbefreie, ruhige Nutzerführung komme bei den Kunden an. ‘Wir wachsen wahnsinnig schnell’, sagt der Heycar-Chef. Die Zahl der Kundenanfragen habe sich seit Mai verzehnfacht. Inzwischen würden über die Seite mehr als 300.000 Fahrzeuge angeboten, beim Start vor einem Jahr waren es gerade einmal 35.000. Ende 2019 soll Heycar bei etwa 600.000 Autos angekommen sein. Autoscout24 und mobile.de kommen auf mehr als eine Million.

Heycar will vor allem mit Qualität überzeugen, bei den Preisen gebe es keine Unterschiede zu den beiden etablierten Mitbewerbern. Deshalb sollen die dort angebotenen Fahrzeuge maximal acht Jahre alt sein und dürfen höchstens 150.000 Kilometer auf dem Tacho haben.

Außerdem gibt es ein Garantieversprechen: Jedes über Heycar verkaufte Auto hat eine Garantie, für die die beteiligten Händler zu sorgen haben. Autoverkäufe von privat zu privat, die bei den anderen Internetbörsen stärker üblich sind, soll es bei Heycar nur in Ausnahmefällen geben. ‘Darauf liegt bei uns kein primärer Fokus’, so Markus Kröger.

Kröger glaubt noch aus einem anderen Grund, dass die von der VW-Tochter Financial Services gegründete Seite dauerhaft zum Erfolg werden kann. Früher hätten die Autohersteller geglaubt, dass es ausreiche, wenn sie lediglich gebrauchte Fahrzeuge ihrer eigenen Marken anböten. ‘Doch die Kunden wollen sich nicht in einer Mono-Marken-Welt bewegen, sie wollen alles sehen’, betont er. Deshalb gebe es bei Heycar eben nicht nur Modelle aus dem VW-Konzern, sondern das gesamte Fahrzeug-Spektrum. Derzeit sind mehr als 50 verschiedene Marken auf der Seite vertreten.

VW rechnet nicht mit schnellen Gewinnen

Wie bei jedem anderen Start-up kalkuliert Volkswagen auch bei Heycar mit Anfangsverlusten. Nach drei bis vier Jahren, das steht nach Angaben aus Unternehmenskreisen im Business-Plan, soll die neueste Tochter aus dem Volkswagen-Konzern die Gewinnschwelle erreicht haben.

Die gesamte Autobranche ist bereits hellhörig geworden und sieht sich das Heycar-Modell sehr genau an. Oder macht sogar noch deutlich mehr – wie der Daimler-Konzern. Die Stuttgarter haben sich vor wenigen Wochen mit 20 Prozent an Heycar beteiligt, weil sie offenbar ebenfalls von den Erfolgsaussichten der neuen Gebrauchtwagenbörse überzeugt sind und weil sie sich stärker in diesem Geschäftsfeld engagieren wollen.

Markus Kröger erwartet, dass der Daimler-Konzern nicht der einzige neue Mitanteilseigner bleibt. ‘Wir sind offen für weitere Partner’, sagt er. Am naheliegendsten wäre es wahrscheinlich, dass noch andere Autohersteller dem Beispiel Daimler folgen werden und sich an Heycar beteiligen. Der starke Anteil von VW-Händlern, die vor einem Jahr fast ausschließlich auf Heycar gebrauchte Fahrzeuge angeboten hätten, sei inzwischen auf 59 Prozent heruntergegangen. Durch den Daimler-Einstieg werde der Anteil der VW-Händler voraussichtlich noch weiter abnehmen.

Doch nicht nur Automobilhersteller interessieren sich für einen Einstieg bei Heycar. Zusätzlich sehen sich auch die Autohändler die weitere Entwicklung der neuen Gebrauchtwagenbörse sehr genau an. Größere Händlergruppen oder auch Händlerverbände könnten sich an der VW-Tochter beteiligen. Hauptmotiv: Die Händler wollen die Abhängigkeit von den beiden großen Gebrauchtwagen-Börsen im Internet deutlich verringern.

Der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeug (ZDK), die Interessenvertretung aller deutschen Autohändler, könnte genau diesen Schritt gehen. ‘Der ZDK ist weiter in Gesprächen mit Heycar’, bestätigte ein Verbandssprecher auf Anfrage. Wenn es etwas Konkretes gebe, werde der ZDK darüber informieren. 1p1p


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