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    Miete wird zum Überschuldungsrisiko

    Viele Haushalte müssen mehr als ein Drittel ihres Einkommens für Mieten und Wohnnebenkosten ausgeben. Damit wächst die Gefahr, in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Aus Sorge, ihr Zuhause zu verlieren, zahlen Schuldner ihre Miete jedoch in den meisten Fällen pünktlich – und lassen andere Gläubiger warten.

    Fünf Tage bevor seine Miete fällig wurde, griff Wolfram Falter zum Telefon. Er rief seinen Vermieter an und gestand, dass er nach der Insolvenz seines Betriebs in finanziellen Schwierigkeiten steckte und nicht werde zahlen können. Zugleich präsentierte er dem Wohnungseigentümer einen Vorschlag, wie er die Miete in den nächsten Monaten aufbringen wolle. Das beeindruckte den Vermieter. Er gewährte Aufschub und stimmte obendrein einer Ratenzahlung zu. Damit hatte Falter, der in Wirklichkeit anders heißt, die Gefahr, wegen Mietschulden gekündigt zu werden, zunächst abgewendet.

    Nach der Einschätzung von Michael Eham, Geschäftsführer der Schuldnerhilfe Köln, hat Falter genau das Richtige getan. „Wenn die Miete nicht gezahlt wird, droht der Verlust der Wohnung. Deshalb sollten Schuldner die Miete vorrangig vor allen anderen Verbindlichkeiten begleichen“, rät er.

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    Einfach umziehen, trotz bestehender Mietschulden – das funktioniere nur selten. Immobilieneigentümer können bei Neuvermietungen vor allem in Ballungsräumen aus einer Vielzahl von Bewerbern auswählen. Häufig verlangen sie eine Selbstauskunft über bestehende Mietschulden oder eine Mietzahlungsbescheinigung des vorherigen Vermieters. Wer entscheidet sich da für einen Kandidaten, der schon einmal wegen Mietschulden auffällig geworden ist?

    Die Angst, die Wohnung zu verlieren, ist auch ein Grund, warum Mietschulden in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen sind – während gleichzeitig die Zahl der überschuldeten Verbraucher weiter kontinuierlich gestiegen ist. Die etwa 3.000 im GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen organisierten Vermieter verzeichneten im Jahr 2017 Mietschulden in Höhe von 372 Millionen Euro. Das waren knapp zehn Prozent weniger als im Jahr zuvor. Gegenüber 2003 haben sich die Rückstände sogar mehr als halbiert.

    Auf der anderen Seite ist die Zahl der überschuldeten Verbraucher 2018 zum fünften Mal hintereinander gestiegen. Zum Jahresende sind in Deutschland laut SchuldnerAtlas der Creditreform Wirtschaftsforschung 6,93 Millionen Menschen über 18 Jahre überschuldet und weisen nachhaltige Zahlungsstörungen auf. Gegenüber 2017 bedeutet dies ein Plus von 0,3 Prozent.

    Überraschend ist diese Entwicklung auf den ersten Blick deshalb, weil die meisten Verbraucher von günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen profitierten. Die verfügbaren Einkommen blieben dank vergleichsweise hoher Tarifabschlüsse auch unter Berücksichtigung von Preissteigerungen stabil. Auch die Situation auf dem Arbeitsmarkt entspannte sich weiter. Im Oktober betrug die Arbeitslosenquote erstmals seit vielen Jahren weniger als fünf Prozent und auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen ging deutlich zurück.

    Neue Auslöser für Überschuldung

    Eine Erklärung liefert eine Analyse des Statistischen Bundesamts über die Hauptauslöser für Überschuldungsprozesse. Danach haben ökonomische Faktoren wie Arbeitslosigkeit oder eine gescheiterte Selbstständigkeit an Bedeutung verloren. Viel häufiger geraten Verbraucher dagegen wegen „Erkrankung, Sucht, Unfall“ oder „unwirtschaftlicher Haushaltsführung“ in finanzielle Schwierigkeiten. Auch „hohe Konsumschulden“ waren zuletzt oft ein Grund für Überschuldung. Dazu passt, dass die privaten Konsumausgaben 2017 so stark gestiegen sind wie zuletzt 1994.

    Aus dem SchuldnerAtlas geht aber auch hervor, dass immer mehr Menschen so viel Geld für Miete und Wohnnebenkosten aufbringen müssen, dass sie Gefahr laufen, in die Überschuldung zu geraten: „Die Wohnkosten liegen für viele Haushalte am oberen Rand der Mietbelastungsquote“, schreiben die Autoren. In vielen deutschen Großstädten müssten Mieter bereits mehr als die Hälfte ihres Haushaltseinkommens für das Wohnen aufbringen. Das ist kaum zu schaffen.

    Immobilienexperten und Sozialwissenschaftler halten eine Mietbelastungsquote oberhalb von 30 Prozent für problematisch, weil dann nur relativ wenig Geld zur sonstigen Lebensführung übrig bleibt, insbesondere bei Menschen mit kleineren Einkommen. Bereits im Herbst 2017 hatte eine Studie der Hans-Böckler­Stiftung aufgezeigt, dass etwa 40 Prozent der Haushalte in Deutschlands Großstädten mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens ausgeben müssen, um die Bruttokaltmiete bezahlen zu können.

    Betroffen waren etwa 5,6 Millionen Haushalte, in denen 8,6 Millionen Menschen leben. Für etwa 1,3 Millionen Haushalte in deutschen Großstädten liegt das Resteinkommen nach Abzug der Miete sogar unterhalb der Hartz-IV-Regelsätze. Die Folge ist, dass Geringverdiener und Hartz-IV-Empfänger sehr häufig bei ihrer Kommune um Unterstützung bitten, weil sie die Miete nicht aufbringen können. Mitarbeiter des Amtes für Soziales und Senioren der Stadt Köln beispielsweise bestätigen „seit Jahren konstant hohe Unterstützungszahlungen, entweder als Darlehen oder Beihilfe“.

    Die Situation ist angespannt

    Ungeachtet der hohen Belastung rangieren Mietschulden im Ranking der häufigsten Schuldenarten nur auf Rang neun der Überschuldungsstatistik. Und das, obwohl die Kosten für Wohnung, einschließlich Energie- und Nebenkosten, bei verschuldeten Personen laut SchuldnerAtlas mit durchschnittlich 482 Euro gut 38 Prozent des Einkommens aufzehren. Gemessen am ausschließlich eigenen Einkommen des Schuldners von 1.053 Euro, entfielen sogar 46 Prozent auf die Wohnkosten.

    Wer knapp bei Kasse ist, weiß jedoch, dass die Nichtzahlung der Miete harte Folgen haben kann. „Mietern, die in zwei aufeinanderfolgenden Monaten mit mehr als einer Monatsmiete im Rück­stand sind, kann der Vermieter kündigen. Deshalb ist es wichtig, Mietschulden vorrangig zu begleichen“, sagt Schuldnerberater Eham.

    Angesichts des Mangels an bezahlbarem Wohnraum vor allem in Ballungsgebieten werden viele Haushalte auch künftig einen großen Teil ihres Einkommens für Mieten und Wohnnebenkosten ausgeben müssen. Besonders angespannt ist die Situation nach Ansicht der Autoren des SchuldnerAtlas in einwohnerstarken Städten mit vielen Niedrigverdienern wie Berlin, Leipzig oder Dresden sowie in Großstädten mit besonders hohem Mietniveau wie München, Stuttgart oder Düsseldorf.

    Weil sich allmählich auch die konjunkturellen Rahmenbedingungen eintrüben, fällt der Blick in die Zukunft düster aus: „Die Überschuldungsampel bleibt auf Rot“, prognostiziert der SchuldnerAtlas.

    Der SchuldnerAtlas Deutschland

    Die jährliche Analyse der Creditreform Wirtschaftsforschung untersucht die Überschuldungslage privater Verbraucher in Deutschland sowie Trends und Gründe für Überschuldung. Weitere Ergebnisse finden Sie hier.


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