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    Biodynamische Beleuchtung: Überm Schreibtisch geht die Sonne auf

    Neue Lichtkonzepte tricksen die innere Uhr aus. Sogenannte biodynamische Beleuchtung simuliert dank intelligenter Lichtsteuerung und LED-Technologie den Lauf der Sonne. So macht Kunstlicht Büromenschen, die sich viel in Gebäuden aufhalten, leistungsfähiger und gesünder. 

    Corona Feederle hat für gutes Licht eine einfache Definition. „Die Beleuchtung ist dann perfekt, wenn man sie überhaupt nicht wahrnimmt.“ Die Geschäftsführerin von feco-feederle weiß, wovon sie spricht. Das Karlsruher Familienunternehmen mit 120 Mitarbeitern entwickelt und produziert Trennwandsysteme für Bürogebäude. Zudem stattet feco-feederle als Händler von Büroeinrichtungen Unternehmen entsprechend aus. „Viele Kunden fokussieren sich auf Stühle, Tische, Lounges oder Kommunikationsbereiche – wie wichtig gute Beleuchtung ist, ist den wenigsten bewusst“, stellt Feederle immer wieder fest.

    Doch die richtige Beleuchtung hilft nicht nur dabei, am Schreibtisch gut zu sehen oder im Konferenzraum eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Sie synchronisiert je nach Farbe und Intensität auch die innere Uhr des Menschen und beeinflusst so maßgeblich Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit.

    Im Winter etwa, wenn die Tage kurz sind und Sonnenlicht knapp ist, entwickeln bis zu 20 Prozent der Menschen regelrechte Mangelerscheinungen mit Symptomen wie Müdigkeit, fehlender Antriebskraft und Stimmungsschwankungen. Die meisten Deutschen halten sich immer mehr in geschlossenen Räumen auf. Teilweise mit unzureichender Beleuchtung. Im schlimmsten Fall können dadurch sogar depressionsähnliche Zustände entstehen, warnen Experten wie Herbert Plischke, Arzt und Professor für Licht und Gesundheit an der Hochschule München.

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    Warum das so ist, wird seit einigen Jahren intensiv erforscht. Erst 2002 entdeckten Wissenschaftler die sogenannten retinalen Ganglienzellen im Auge – eine wissenschaftliche Sensation, die zuvor keiner vermutet hatte. Denn diese Zellen in der Netzhaut dienen nicht dem Sehen, sondern einzig und allein der Regulation des Hormonhaushalts – abhängig vom Farbspektrum des Lichts.

    Die morgens und mittags vorherrschenden Blauanteile im Tageslicht aktivieren das Stresshormon Cortisol. Es regt an und steigert die Konzentration. Gleichzeitig wird die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin blockiert. Im Verlauf des Tages wird die Lichtfarbe gegen Abend immer wärmer – die Effekte kehren sich um.

    „Viele Anwender kennen das inzwischen von ihrem Tablet oder Smartphone“, sagt Christoph Waldmann, Produktmanager beim Leuchtenhersteller Waldmann aus Villingen-Schwenningen und Sohn des Geschäftsführers Gerhard Waldmann. Weil auch Displays ein Licht mit hohem Blauanteil ausstrahlen, verändern entsprechende Apps die Farbe gegen Abend ins rötliche Spektrum, so dass Nutzer besser einschlafen können.

    Künstliches Licht mit natürlicher Wirkung

    Genau das Gleiche machen die Stehleuchten von Waldmann, die neben vielen Schreibtischen der Mitarbeiter bei feco-feederle platziert sind. „Das Feedback, das ich von Mitarbeitern dazu bekomme, ist sehr positiv“, sagt die Geschäftsführerin. „Sie nehmen den Wechsel der Lichtfarbe zwar kaum wahr, aber empfinden die Beleuchtung als sehr angenehm.

    Waldmann gehört mit seinem Visual Timing Light (VTL) genannten System zu den Pionieren im Bereich der sogenannten biodynamischen oder biologisch wirksamen Beleuchtung. „Wir haben vor 15 Jahren begonnen, ein Konzept für Pflegeheime zu entwickeln“, sagt Christoph Waldmann.

    Im Wissen, dass etwa Demenzkranke das Gefühl für Tag und Nacht verlieren, suchten die Lichtexperten aus dem Schwarzwald nach einer Lösung, um die innere Uhr der Heimbewohner neu einzustellen. Mit Erfolg. „Wir haben Leuchtstoffröhren mit kaltweißem und warmweißem Licht kombiniert und so gesteuert, dass die Lichtfarbe der Leuchte den Tageslichtverlauf simuliert“, sagt Waldmann. Tatsächlich fanden die Bewohner damit wieder zurück in einen klareren Tag-Nacht-Rhythmus.

    Das Prinzip ist bis heute das Gleiche – bis auf den Unterschied, dass das Licht inzwischen aus effizienten und noch besser steuerbaren LEDs stammt. Und nicht nur Waldmann setzt auf biodynamisches Licht, sondern die gesamte Branche. Trilux aus Arnsberg promoted die Technologie unter dem Begriff „Human Centric Lighting“, den auch die internationale Wissenschaft häufig benutzt. Bei Zumtobel heißt sie „Active Light“ und die Schweizer Regent Gruppe nennt ihr Produkt „My Lights Tunable“.

    Allen gemein ist, dass die Leuchten ihre Lichtfarbe im Bereich zwischen 3.000 und 6.500 Kelvin verändern können. Einige Hersteller bieten die Möglichkeit, die Lichtfarbe über Wandpanels oder Voreinstellungen wie „Konzentrieren“, „Aktivieren“ oder „Beruhigen“ manuell zu steuern. Andere, wie Waldmann, unterlassen dies bewusst und geben über die Steuerung ihrer Leuchten eine feste Farbverlaufskurve vor.

    Um sicherzustellen, dass ihre Beleuchtungssysteme gesundheitlich optimal sind, sitzen bei dem Schwarzwälder Familienunternehmen auch Arbeitsmediziner mit am Tisch. „Wir möchten nicht, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter am Nachmittag mit blauem Licht noch mal aufputschen“, sagt Christoph Waldmann. „Das wäre auf lange Sicht kontraproduktiv. Denn wer abends Licht mit hohem Blauanteil ausgesetzt wird, kann schlecht einschlafen und ist am nächsten Morgen nicht fit.“

    Risiken und Nebenwirkungen?

    Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) warnt, dass biologisch wirksame Beleuchtung zwar viele Chancen böte. Ihnen gegenüber stünden aber noch zahlreiche offene Forschungsfragen zu möglichen Gesundheitsbeschwerden, wie etwa Schlafstörungen, und ethische Fragestellungen.

    In einer Studie stellt die BAuA allerdings fest, dass Risiken vor allem bei Menschen bestünden, die in der Nacht falschem Licht ausgesetzt seien. Bei ihnen kann die sogenannte circadiane Rhythmik gestört werden, also der reguläre Wechsel von Cortisol- und Melatoninproduktion. Die Folge sind Schlafstörungen, aber auch Magen-Darm-, Herz-Kreislauf- und weite Erkrankungen.

    Bei Waldmann ist man sich der Problematik durchaus bewusst. Die Ingenieure des Unternehmens entwickeln bereits Lösungen für Industriehallen. „Unser Ziel ist es, dass die Mitarbeiter nach Schichtende gut schlafen können – wir versuchen, den Anteil von kaltweißem Licht zu reduzieren. Gleichzeitig steht über allem die Arbeitssicherheit. Das Licht darf also auch nicht zu dunkel sein“, sagt Christoph Waldmann. Um einen guten Kompromiss zu finden, führt das Unternehmen aktuell eine eigene Studie mit Mitarbeitern ausgewählter Unternehmen durch.

    Berücksichtigt werden in der Entwicklung außerdem unterschiedliche menschliche Bedürfnisse. „Die Augen älterer Menschen ab 40 Jahren etwa benötigen höhere Beleuchtungsstärken und größere Kontraste, sind aber empfindlicher für Blendungen“, sagt Waldmann. Ebenso gebe es die zwei verschiedenen Chronotypen, die sogenannten Lerchen, also Menschen, die früh am Tag ihre größte Leistungsfähigkeit entfalten, und die Eulen, die morgens schwer in die Gänge kommen aber am Nachmittag und abends ihr Leistungshoch haben. Auch für sie denken die Entwickler über individuelle Anpassungsmöglichkeiten nach.

    Wissenschaftler wie Herbert Plischke sind überzeugt, dass Industrie und Anwender beim Einsatz von biologisch wirksamer Beleuchtung noch immer am Anfang stehen. Doch gerade an Arbeitsplätzen für Tagarbeit sind Effekte sichtbar, die Menschen fühlen sich wohler und empfinden weniger psychische Belastungen. Damit sich HCL durchsetzt und möglicherweise sogar Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements wird, ist aber noch sehr viel Aufklärungsarbeit notwendig.

    Biodynamisches Bildschirmlicht

    Wer seine Arbeitsumgebung mit ersten, einfachen Mitteln verbessern möchte, kann dies mit der kostenlosen Software f.lux tun. Die Freeware ändert im Tagesverlauf automatisch die Farbeinstellungen des PC-Monitors – passend zum Sonnenstand am jeweiligen Standort. Die Entwickler versprechen ein dadurch entspannteres Arbeiten am Bildschirm.

    Ein gutes Feature ist auch die Whitelist. Wer – etwa bei Grafikarbeiten – auf eine exakte Farbwiedergabe an­gewiesen ist, kann darüber Programme und Apps definieren, bei denen f.lux automatisch pausiert, solange sie ­aktiv sind.

     


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