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Eine Lotsin geht von Bord – und redet ihrer Partei ins Gewissen

Fast zehn Minuten Applaus erhält Angela Merkel auf ihrer letzten Rede als CDU-Vorsitzende. Zum Abschied ruft sie die Partei zur Einigkeit auf.

Angela Merkels Rede riss die 1001 Delegierten zu Begeisterungsstürmen hin. Auf dem CDU-Parteitag in Hamburg musste die Kanzlerin und Noch-CDU-Vorsitzende die Standing Ovations stoppen, ging nochmal ans Rednerpult und sagte: ‘Wir haben noch viel zu tun’. Ihre Partei interessierte das wenig, die Delegierten applaudierten weiter. Sie verneigten sich in diesem Moment vor der Leistung Merkels, die 18 Jahre an der Spitze der Partei stand. Viele hielten Schilder mit der Aufschrift ‘Danke Chefin’ hoch.

Fast alle Christdemokraten schien in diesem Moment folgende Erkenntnis zu einen: Die Lotsin geht von Bord. Zumindest teilweise. Merkel hatte zuvor ihre Bereitschaft signalisiert, als Kanzlerin weiterzumachen. Nimmt man den Applaus in Hamburg als Gradmesser, sieht das auch die CDU so. Es war auch ein Fingerzeig an den oder die möglichen Nachfolger, an dieser Konstellation nichts zu ändern.

In den Kampf um das Kandidatenrennen zwischen Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn griff sie nur kurz indirekt ein. Applaus kam auf, als sie den Wahlerfolg von Kramp-Karrenbauer im Saarland erwähnte. Merkel nannte aber auch die Wahlsiege in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen.

Humor bewies Merkel auch nach dieser für sie sicher nicht einfachen Rede. Als sie Parteivize Volker Bouffier kurz danach bat, sie solle sich neben ihn ans Rednerpult stellen – er wolle ihr etwas zeigen – sagte sie: ‘Damit habe ich schlechte Erfahrungen’ und spielte damit auf die Situation mit Horst Seehofer auf dem CSU-Parteitag in Nürnberg an. Merkel hatte die Lacher auf ihrer Seite.

Bouffier überreichte ihr dann aber ein Geschenk – einen Original-Taktstock des Dirigenten Kent Nagano, mit dem dieser Beethovens Neunte in der Elbphilharmonie dirigiert hatte.

Appell an die Einigkeit der Partei

In ihrer Rede rief Merkel die CDU angesichts der heftigen Debatten über den künftigen Parteivorsitzenden zur Einigkeit auf. Die Zeiten für das Land seien fordernd – für die Volksparteien, aber auch mit der AfD als einer Partei ‘rechts von uns’. Merkel verwies auf das Motto des Parteitages ‘Zusammenführen. Und zusammen führen.’ Dies sei Aufgabe der CDU als Volkspartei. Sie betonte, CDU und CSU hätten bitter erfahren, wohin ‘nicht enden wollender Streit’ führen könne.

Merkel wurde auch persönlich. Sie siezte die Delegierten nicht, sondern duzte sie. ‘Wir haben uns gegenseitig etwas zugemutet. Ich Euch. Und ich erlaube mir zu sagen, dass es – ganz selten – auch andersherum war’, sagte sie. Die Seele der Partei streichelte sie, als sie daran erinnerte, was immer der Erfolg der CDU gewesen sei: ‘Weil wir immer wussten, dass konservativ nicht von Konserve kommt’. Vielmehr bedeute konservativ, ‘zu bewahren, was uns stark macht und zu verändern, was uns hindert’, sagte Merkel.

Merkel blickte auch auf den Beginn ihrer Amtszeit vor 18 Jahren zurück: Die Bewältigung der Spendenaffäre im Jahr 2000 sei eine ‘Schicksalsstunde der CDU’ gewesen. Die Partei habe ‘politisch, moralisch und finanziell vor dem Aus’ gestanden. Nicht wenige hätten der CDU einen Niedergang vorausgesagt. ‘Doch wir haben nicht klein beigegeben, einen kühlen Kopf bewahrt. Wir haben es allen gezeigt, alle Folgen der Spendenaffäre überwunden.’

Als Vermächtnis gab sie den Delegierten fünf Ratschläge mit auf den Weg: ‘Wir Christdemokraten streiten, aber niemals hetzen wir. Wir Christdemokraten machen keine Unterschiede bei der Würde des Menschen. Wir spielen niemanden gegeneinander aus. Wir Christdemokraten dienen den Menschen.’ Gut gestalten könne man die Zukunft nur ohne Missmut, sagte sie. Wichtig sei es, sich ‘mit Fröhlichkeit im Herzen an die Arbeit zu machen’. ‘Es ist diese Fröhlichkeit im Herzen, die ich meiner Partei wünsche’, sagte Merkel.

Merkel sprach auch über ihren zurückhaltenden Führungsstil. Wo die Partei manchmal einen scharfen und deftigen Angriff gegen den politischen Gegner erwartet habe, habe sie lieber mit dem Florett gekämpft oder geschwiegen. ‘Ich weiß, dass ich eure Nerven auf die Probe gestellt habe’, gab die Kanzlerin zu.

Merkel beendete ihre Rede mit den Worten: ‘Es war mir eine Ehre’. Es sei nun aber Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Das war der zweite Gänsehautmoment an diesem Tag. Schon zu Beginn der Rede Merkel erhoben sich die Delegierten zum Applaus. Am Ende wollte er nicht aufhören.1p1p


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