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    Rating in China: Blick in die Blackbox

    Welche Bonität besitzt ein chinesisches Unternehmen? Diese Frage konnten vor allem ausländische Geschäftspartner lange Zeit nur sehr vage beantworten – zu ungenau waren die öffentlich zugänglichen Informationen. Jetzt hat Creditreform Rating zusammen mit 3ACredit, der Landesgesellschaft von Creditreform in China, ein auf Bilanzdaten basierendes Ratingmodell entwickelt. 

    Der Vorhang hebt sich. Langsam, aber immerhin. China ist in den vergangenen Jahren für ausländische Geschäftspartner Stück für Stück transparenter geworden. Auch sehr spezielle Informationen, etwa über den Renovierungsbedarf in öffentlichen Gebäuden oder den Investitionsstau im U-Bahn-Bau, lassen sich inzwischen vergleichsweise leicht beschaffen.

    Anders ist das jedoch auf einem Feld, das für die Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung äußerst wichtig ist: bei Insolvenzen. Unternehmen, die in China aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben müssen, sterben in den meisten Fällen einen stillen Tod. Sie stellen von jetzt auf gleich ohne großes Aufhebens ihre Aktivitäten ein und sperren die Türen zu.

    Öffentlich zugängliche Statistiken geben häufig nur unzureichend Aufschluss über Zahl und Struktur der Unternehmensaufgaben, über geschädigte Gläubiger, offene Forderungen und betroffene Mitarbeiter. „Dieser Mangel an Informationen macht es methodisch schwer, ein belastbares System zur Bonitätsbewertung von Unternehmen zu entwickeln“, sagt Michael Munsch, Vorstand der Creditreform Rating AG.

    Wer wissen will, in welcher finanziellen Verfassung sich seine chinesischen Geschäftspartner befinden, hat eine aufwendige Puzzlearbeit zu leisten: Er muss allgemein zugängliche Informationen zur Wirtschafts- und Branchenentwicklung sammeln und interpretieren. Und er muss hoffen, vielleicht doch den Jahresabschluss eines Unternehmens einsehen und analysieren zu können, das ihn interessiert. Aber auch eine solche Betrachtung bleibt ungenau, wenn sie auf Basis der gewohnten deutschen Bilanzanalyse erfolgt und die Besonderheiten der chinesischen Rechnungslegung außen vor lässt.

    Creditreform leistet Pionierarbeit

    Dies wird sich künftig ändern, denn mithilfe des von Creditreform Rating entwickelten Ratingmodells können ausländische Geschäftspartner die Bonität chinesischer Unternehmen verlässlich abschätzen. Creditreform Rating hat zusammen mit 3ACredit ein auf Bilanzdaten basierendes Ratingmodell für Mittelständler – mit einem Jahresumsatz von mindestens fünf Millionen Yuan (CNY), entsprechend knapp 720.000 Euro – entwickelt. Eine Pionierleistung.

    „Es gibt kein vergleichbares System. Deshalb sind wir überzeugt, dass unser Modell sehr schnell zum Marktstandard für eine bilanzdatenbasierte Bonitätsanalyse werden wird“, betont Munsch. Die Datenbasis lieferte die seit zehn Jahren in Shanghai etablierte und landesweit bestens vernetzte chinesische Landesgesellschaft.

    » Wir sind überzeugt, dass unser Modell sehr schnell zum Marktstandard für eine bilanzdatenbasierte Bonitätsanalyse werden wird. «
    Michael Munsch, Vorstand der Creditreform Rating AG

    Gemeinsam mit den Kollegen von Creditreform Rating nahm sie in zweijähriger Arbeit knapp 700.000 Bilanzen (schwerpunktmäßig aus den Jahren 2013 bis 2015) von etwa 300.000 repräsentativ ausgewählten Unternehmen unter die Lupe. Dabei bestand die größte Herausforderung darin, die in China üblichen „Financial Statements“ in das für derlei Reports international übliche Sprachformat XBRL (Extensible Business Reporting Language) zu übertragen. Allein diese Fleißarbeit verhilft dem Modell zu einem erheblichen Wettbewerbsvorsprung. Ein ähnlich fundiertes Bonitätssystem wird es so rasch nicht geben.

    Eine erste Analyse der neuen Datenbasis zeigt, dass gut ein Drittel der untersuchten chinesischen Mittelständler eine Bonität in der Güte eines Investment Grade aufweist. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Unternehmen innerhalb der folgenden zwölf Monate zahlungsunfähig werden, beträgt deutlich weniger als ein Prozent. Und bei rund 1,5 Prozent der Unternehmen besteht eine knapp 16-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass sie binnen eines Jahres Rechnungen nicht mehr begleichen können.

    Solche Durchschnittswerte liefern allerdings lediglich einen groben Hinweis auf die wirtschaftliche Verfassung und die finanzielle Leistungsfähigkeit des chinesischen Mittelstandes. Ein Vergleich, zum Beispiel mit Deutschland, muss immer auch die unterschiedliche Wirtschaftsstruktur dieser Länder berücksichtigen: China ist stark industriell geprägt, etwa 44 Prozent der Unternehmen sind diesem Sektor zuzurechnen. In Deutschland sind es lediglich 26 Prozent. Dagegen dominieren hierzulande Dienstleister mit einem Anteil von 40 Prozent gegenüber nur 20 Prozent in China.

    Riesiges Betätigungsfeld

    Michael Munsch ist überzeugt, dass das seit August verfügbare Ratingmodell schon in kurzer Zeit auf eine große Nachfrage stoßen wird. Zum einen in Deutschland, wo viele Unternehmen etwa aus der Fahrzeugindustrie bereits seit langem nach einer Methode zur Bonitätsprüfung von Zulieferern suchen. Zum anderen aber auch in China selbst, wo Unternehmen nun erstmals die Möglichkeit haben, Geschäftspartner auf Basis von Bilanzdaten zu beurteilen.

    „Das Reich der Mitte bietet ein riesiges Betätigungsfeld für Finanzdienstleister wie Leasing- oder Factoringunternehmen, die gerade erst beginnen, ihre Aktivitäten in China zu entfalten. Sie alle benötigen belastbare Information über die Bonität von Unternehmen und die liefert unser Modell“, sagt Munsch. Creditreform Rating stellt die entsprechenden Analysen sowohl in deutscher als auch in englischer und chinesischer Sprache zur Verfügung.

    In vielen europäischen Ländern bietet Creditreform Rating eine solche bilanzbasierte Bonitätsbewertung bereits seit längerem an. Munsch will nicht ausschließen, dass der Schritt nach China der Auftakt zu weiteren Aktivitäten außerhalb Europas sein könnte. „Wir denken über eine Transformation des Bonitätssystems im Sinne eines Mappings, also einer Übertragung von Kennzahlen auf Bilanzdaten anderer Länder, nach. Die USA wären zum Beispiel ein interessanter Markt für ein solches Modell.“


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