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Was das EU-Verbot für die Plastik-Hersteller bedeutet

Die EU verbietet künftig viele Wegwerfprodukte aus Plastik. Die Produzenten setzen nun auf Alternativen – sie müssen jedoch die Gastronomen überzeugen.

Matthias Petruschat ist an diesem Morgen entspannter, als es zu erwarten wäre. ‘Ja, Plastik wird verschwinden’, sagt der 38-Jährige mit großer Ruhe. ‘Aber Trinkhalme werden sicher nie komplett vom Markt gehen.’ Petruschat hat seine Existenz auf Trinkhalme aufgebaut.

Doch am Mittwochmorgen einigten sich die EU-Staaten in Brüssel auf eine Richtlinie, die einige Plastikprodukte verbieten wird. Neben Haltern für Luftballons betrifft das Einmal-Plastikgeschirr – und eben Trinkhalme.

Weitere Produkte werden stärker reguliert. Deckel von Wegwerf-Plastikflaschen etwa müssen künftig fest mit der Flasche verbunden sein. Das soll einige Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen verhindern und wohl auch ein Signal in die Welt senden.

Petruschat verkauft im Jahr nach eigenen Angaben 300 Millionen Halme. Seine Trinkhalm-Union mit Sitz in Hamburg produziert selbst mit einem Partner und 25 Mitarbeitern in Tschechien, außerdem in Florida. Vor knapp elf Jahren hat er als Versender für Servietten und Plastikgeschirr angefangen, sich dann auf den Bestseller Trinkhalme konzentriert und eigene Produktionsmaschinen angeschafft.

Dass der Kaufmann nun nicht in Panik ausbricht, hat einen Grund: Er kann die Produktion schlichtweg so umstellen, dass sie nicht mehr unter die Regulierung fällt. Statt herkömmliches Polypropylen-Plastik, das als Granulat auf dem Weltmarkt erhältlich ist – meist von billigen Anbietern aus Fernost – setzt er künftig Polyactide (PLA) ein.

Der biologisch abbaubare Kunststoff rieche bei der Verarbeitung zwar ein wenig nach Maggi, sagt Petruschat, habe aber ansonsten fast gleiche Eigenschaften. Das Granulat muss nicht ganz so hoch erhitzt werden, das ist ein Vorteil. Zwei Nachteile gibt es auch: Noch sind nur die Farben grün, weiß und schwarz verfügbar – und das Granulat ist fast sechsmal teurer.

Eine Herausforderung für Petruschat ist das vor allem in der Gastronomie. Für eine Schachtel mit 10.000 Jumbo-Halmen zahlen Wirte bislang 51 Euro, demnächst sind es 110 Euro. Einige der 8000 kleinen Kunden von Petruschat, die meist über den Online-Shop bestellen, bleiben daher bereits aus.

Sie folgen etwa dem Beispiel der Kneipenkette Sausalitos, die werbewirksam Makkaroni-Nudeln statt Plastikhalme einsetzt. Andere wie der Spirituosen-Konzern Diageo haben einen Komplettverzicht auf Trinkhalme angekündigt.

Europäischer Marktführer arbeitet seit 2013 an Alternativen

Das muss jedoch nicht sein: Das Berliner Start-up Halm vermarktet Alternativen wie einen bruchsicheren Glasstromhalm, der gespült werden kann. Gründer Sebastian Müller sieht die EU-Regulierung als Chance. ‘Das ist im Grunde ein Konjunkturprogramm für alle Unternehmen, die sich mit nachhaltigen Alternativen zu Plastik beschäftigen’, sagte er kürzlich dem Handelsblatt.

Der europäische Trinkhalm-Marktführer Matrix Pack mit Sitz in Athen arbeitet schon seit 2013 an der Einführung von Trinkhalmen aus Bio-Plastik. Er stellt stolze 35 Millionen Halme her – täglich.

650 Lastwagenladungen gehen im Jahr an Großkunden wie McDonald’s, Aldi, Coca-Cola und Starbucks. 270 Mitarbeiter produzieren für 35 Länder. Um die Zukunft zu sichern, investieren die Griechen derzeit in eine zusätzliche Fertigung für Papier-Halme.

Das beschäftigt auch Petruschat, der auf kleinerem Niveau produziert, dafür aber individueller, etwa mit Werbeaufdrucken. Vier Mitarbeiter arbeiten derzeit für ihn im spanischen Ferienort Denia an einer Anlage für Papier-Halme. Er will die neue EU-Regulierung ebenfalls als Chance nutzen – auch wenn er bereits einen Umsatzrückgang von rund zehn Prozent spürt. Bei nur rund einer Million Euro Gesamtumsatz ist das kein Pappenstiel.

Daher setzt er darauf, die Gastronomen mit einem ökonomischen Argument zu überzeugen: So wie einige große Ketten sollen sie explizit damit werben, dass die Trinkhalme nun umweltfreundlich sind. ‘Die Kosten steigen pro Cocktail vielleicht um ein bis zwei Cent, aber die Kneipengänger sind sicherlich bereit, für den Umweltschutz auch mal fünf Cent mehr zu zahlen’, meint Petruschat.

Damit hätten Gastronomen ein Argument in der Hand, die Preise moderat anzuheben. Insofern wäre die EU-Regulierung auch für sie ein Gewinn – nicht nur für den Ozean.1p1p


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