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Nachwuchs im Handwerk dringend gesucht

Die Auftragsbücher sind gut gefüllt, die Kunden akzeptieren höhere Preise und zahlen pünktlich – dennoch plagen das Handwerk Sorgen, wie eine Untersuchung von Creditreform zeigt. Viele Betriebe finden keine Fachkräfte. Die Hoffnungen ruhen auf einer möglichen Gesetzesänderung.

Klaus Finger hatte schon vor Jahren erkannt, dass es eines Tages schwierig werden würde, junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk zu gewinnen. Also ließ sich der Gründer und Geschäftsführer der Elektro-Breitling GmbH aus Holzgerlingen bei Stuttgart etwas einfallen.

Er entwickelte einen „Masterplan“, um sein Unternehmen als starke Arbeitgebermarke in der Region zu positionieren und die Vielfalt des Handwerks zu verdeutlichen.

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Eine seiner Ideen: Patenschaften mit Schulen im Umland. Seitdem packen Auszubildende seines Unternehmens und Schüler in verschiedenen Projekten gemeinsam an.

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Sie bauen Solarlampen für Kinder in Afrika oder experimentieren mit neuen Technologien. Schüler, die unsicher sind, welcher Beruf für sie infrage kommt, können sich im firmeneigenen Ausbildungszentrum orientieren und beraten lassen.

So viel Engagement bei der Nachwuchsgewinnung war dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) im vergangenen Jahr eine Auszeichnung wert. Finger erhielt den „Heribert-Späth-Preis“ für besondere Ausbildungsleistungen im Handwerk.

Lehrlinge sind Mangelware

Nicht jeder Ausbildungsbetrieb ist so findig und hat solche Möglichkeiten wie Elektro-Breitling mit seinen mehr als 150 Mitarbeitern. Aber alle Handwerksbetriebe müssen sich Gedanken machen, wie sie qualifizierten Nachwuchs gewinnen können, denn der Arbeitsmarkt für Fachkräfte ist leer gefegt. „Die stark gesunkenen Lehrlingszahlen der vergangenen Jahre machen sich auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar“, analysiert die Creditreform Wirtschaftsforschung in einer Untersuchung zur Situation im Handwerk.

Mehr als jeder vierte Betrieb sei auf der Suche nach personeller Verstärkung. Und auch Unternehmen, die ihre Kapazitäten lediglich halten wollten, suchten Ersatz für Mitarbeiter, die in Rente gehen oder durch Krankheiten ausfallen.

Holger Schwannecke, Generalsekretär des ZDH, hat für den Nachwuchsmangel vor allem eine Erklärung: die Abschaffung der Meisterpflicht für 53 der 94 Handwerksberufe zum 1. Januar 2004. „Diese Reform hat spürbare Folgen in den betroffenen Gewerken hinterlassen“, stellt er fest.

Das zeigt sich zum Beispiel bei Fliesenlegern. Nach Zahlen des Verbandes gab es 2004 bundesweit etwa 25.500 Fliesenleger-Betriebe mit 3.000 Auszubildenden. 2016 waren es 69.700, aber nur noch 2.200 Lehrlinge. Oder auch bei Raumausstattern: 2004 zählte der ZDH 11.000 Betriebe und 3.100 Auszubildende.

Zwölf Jahre später hatte sich die Zahl der Betriebe auf 28.500 mehr als verdoppelt. Sie bildeten aber nur noch 1.800 junge Menschen aus. Diese Entwicklung erklärt sich damit, dass viele der neuen Betriebsinhaber sogenannte Solo-Selbstständige ohne Angestellte sind.

Schwannecke sieht das kritisch: „Viele Solo-Selbstständige verschwinden schnell wieder vom Markt, im Bereich Bau- und Ausbau oft schon innerhalb der fünfjährigen Gewährleistungsfrist.“

Den Meister wieder stärken

Die Politik hat dieses Problem erkannt und will dem Meisterbrief, der zur Ausbildung berechtigt, wieder mehr Bedeutung beimessen. Erst kürzlich hat sich der Bundesrat dafür ausgesprochen, die Ausübung eines selbstständigen Handwerks wieder stärker an den Meister zu knüpfen.

Eine längst überfällige Einsicht, findet Schwannecke: „Das Meisterbrief-Erfordernis ist Garant für erfolgreiches Unternehmertum und nachhaltige Fachkräftesicherung. Jetzt ist die Bundesregierung gefordert, möglichst bald einen Gesetzesentwurf vorzulegen.“

Bereits Ende vergangenen Jahres hatte die Politik ein neues Gesetz beschlossen, das dem Handwerk helfen soll, mehr qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen: das Fachkräftezuwanderungsgesetz. Damit sinken die Hürden für die Einwanderung von qualifizierten Arbeitnehmern aus dem Nicht-EU-Ausland.

Der Creditreform-Untersuchung zufolge beschäftigen gut 20 Prozent der Handwerksbetriebe derzeit Migranten. Viele Unternehmen würden gerne mehr einstellen, finden jedoch oft keine Bewerber oder fürchten sprachliche beziehungsweise kulturelle Barrieren.

Spielraum für Preiserhöhungen

Gäbe es keinen Nachwuchsmangel, so wäre das Handwerk derzeit nahezu sorgenfrei. Denn die Auftragsbücher der meisten Betriebe sind randvoll und die Perspektiven bleiben dank niedriger Zinsen und steigender Haushaltseinkommen günstig.

In der Creditreform-Umfrage bewerteten 77,5 Prozent ihre Geschäftslage mit „sehr gut“ oder „gut“. Vor allem das Bau- und Ausbaugewerbe vergibt Bestnoten.

In einer solchen Situation besteht Spielraum für Preiserhöhungen – und davon machen viele Betriebe Gebrauch. Gut 60 Prozent der Befragten gaben an, im vergangenen Jahr mehr für ihre Leistungen verlangt zu haben. Zwei von drei Betrieben wollen die Preise 2019 erhöhen.

Die Zahlungsmoral der Kunden ist in den meisten Fällen vorbildlich. Privatkunden zahlen ihre Rechnungen in 93,7 Prozent aller Fälle innerhalb von 30 Tagen. Die öffentliche Hand lässt sich meist etwas mehr Zeit. 77,8 Prozent der Handwerker erhalten ihr Geld innerhalb eines Monats.

Viele Jahre guter Konjunktur haben dazu geführt, dass das Handwerk an finanzieller Stabilität gewonnen hat. Der Anteil der Betriebe, deren Eigenkapital weniger als zehn Prozent der Bilanzsumme ausmacht, hat sich im vergangenen Jahr noch einmal leicht auf nunmehr 31,7 Prozent verringert.

2018 hatte diese Quote 38,7 Prozent betragen. Damit schrumpft auch das Insolvenzrisiko. 2018 mussten lediglich 4.120 Betriebe aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben – ein Minus von 2,4 Prozent gegenüber dem Jahr zuvor.

Ist das Handwerk immun gegen die zunehmende Eintrübung der allgemeinen Konjunktur? „Bisher haben sich die Betriebe davon nicht anstecken lassen“, heißt es in der Untersuchung der Creditreform Wirtschaftsforschung.

Die Tatsache, dass in allen Handwerksbereichen mehr Betriebe mit sinkenden Erträgen rechnen, werten die Autoren jedoch als mögliches erstes Anzeichen für eine Abkühlung. Insbesondere im Metallgewerbe und im Kfz-Gewerbe hat die Zahl der Skeptiker zuletzt deutlich zugenommen.


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