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Creditreform

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Mit dem Boom der Circular Economy entsteht ein neuer Trend: Investieren in Aktienunternehmen, die sich auf die Verwertung von Abfällen und die Nutzung erneuerbarer Ressourcen spezialisieren. Welche Möglichkeiten es gibt.

 

Es gibt keinen Abfall – nur Ressourcen. In der Natur hängt alles mit allem in Kreisläufen zusammen. Und der Mensch ist Teil davon. Aber diese Erkenntnis wurde irgendwann verdrängt. Heute denken die meisten Menschen linear; sie schauen nach vorn: Wie lässt sich mehr erwirtschaften? Der „Abfall“, der dabei anfällt, ist meist nur ein lästiges Übel.

Doch angesichts eines inzwischen bedrohlichen Ressourcenverbrauchs und einer gigantischen Verschwendung in allen Industriestaaten rückt die Idee eines ganzheitlichen Wirtschaftskonzepts wieder ins Rampenlicht: Die Kreislaufwirtschaft. Wie in der Natur soll jedes „Abfallprodukt“ zum Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung werden.

Verwerten statt verwerfen, dieses Motto verfolgen die Niederlande schon seit 2016 sehr konsequent. Die Regierung in Den Haag hat das Ziel ausgegeben, bis 2050 eine vollständige Kreislaufwirtschaft zu errichten. Eine Wirtschaft ohne Abfall, in der sich alles um wiederverwendbare Rohstoffe dreht.

 

Kreislaufwirtschaft ist politisch gewollt

Die EU-Kommission zog 2020 mit einem Aktionsplan Kreislaufwirtschaft nach. Das Ziel, eine klimaneutrale Staatengemeinschaft zu werden, sei nur durch hocheffiziente Ressourcennutzung zu erreichen. Nahezu alle Produkte auf dem EU-Markt sollen länger nutzbar sein und leichter repariert und wiederverwertet werden können.

„Es ist höchste Zeit, das Modell der Wegwerfgesellschaft ad acta zu legen“, sagte im März der Exekutiv-Vizepräsident und niederländische Politiker Frans Timmermans. Auch das Bundesumweltministerium hat inzwischen die Bedeutung des Themas erkannt – nicht zuletzt wegen der Abhängigkeit von Öl und Gas aus Russland. „Wir werden eine Kreislaufwirtschaftsstrategie erarbeiten“, sagte ein Sprecher gegenüber dem Creditreform-Magazin. Ein Zeitpunkt für die Vorstellung des Plans stehe noch nicht fest.

 

In Kreislauf-Aktien investieren

Die Initiativen auf nationaler und supranationaler Ebene belegen, dass die Kreislaufwirtschaft Fahrt aufnimmt. Anleger können diesen beginnenden Trend unterstützen, indem sie gezielt in börsennotierte Unternehmen mit zirkulärem Geschäftsmodell investieren. Das Problem: Es gibt kaum reinrassige Kreislauf-Aktien.

Eines der wenigen Beispiele ist der Umweltdienstleister Befesa. Das Unternehmen ist ein Spezialist für das Re­cycling von Reststoffen aus der Stahl- und Aluminiumindustrie. Kürzlich hat Befesa eine Stahlwerk-Staubrecyclinganlage in Jiangsu, China, in Betrieb genommen. „In China haben wir eine große Wachstumschance“, schreibt CEO Javier Molina im Geschäftsbericht 2021.

Auch in den USA ist der deutsch-spanische Konzern nach der Übernahme der American Zinc Recycling Corp. gut aufgestellt. Das Geschäftsmodell von Befesa funktioniert. Aus einem Umsatz von 822 Millionen Euro zog der Konzern 2021 ein operatives Ergebnis von 127,5 Millionen Euro, was einer Marge von 15,5 Prozent entspricht.

Eine interessante Einzelaktie ist auch Waste Management. Obwohl weltweit die Indizes der großen Aktienbörsen deutlich gefallen sind, notierten die Titel des US-Unternehmens weiterhin in einem Aufwärtstrend. Neben Recyclinganlagen betreibt der Konzern allerdings auch zahlreiche Deponien. Immerhin: Das dort entstehende Methangas wird zur Stromerzeugung und als Ersatzbrennstoff vermarktet.

 

Indizes für Circular Economy

Anhaltspunkte für weitere Zielunternehmen gibt ein Blick auf den ECPI ­Circular Economy Leaders Equity Index. Er umfasst aktuell 50 Gesellschaften, die sich zumindest teilweise in der Kreislaufwirtschaft engagieren. Mit von der Partie ist zum Beispiel AutoZone.

Eigenen Angaben zufolge führte der US-amerikanische Händler von Kfz-Ersatzteilen im Jahr 2020 rund 50 Millionen Tonnen Öl, 412.000 Tonnen Batterien und weitere Teile der Wiederverwertung zu. Bei einem Umsatz von 14,6 Milliarden Euro kam der Konzern 2021 auf eine operative Gewinnmarge von rund 20 Prozent.

Statt einzelne Aktien aus dem Index auszusuchen, können Anleger auch einen börsengehandelten Indexfonds (ETF) auf den ECPI Circular Economy Leaders Index kaufen. So vermeiden sie das Problem der Einzeltitelauswahl und das damit immer verbundene Klumpenrisiko. Der ETF mit dem Namen BNP Paribas Easy ECPI Circular Economy Leaders (ISIN: LU1953136527) bildet den ECPI-Index nach.

So ist ein Anleger ­automatisch an den 50 Unternehmen beteiligt. Dass diese Firmen bisher fast ­alle nur am Rande im Bereich Kreislaufwirtschaft tätig sind, ist der Kompromiss, den Anleger eingehen müssen, die sehr früh in das Thema investieren möchten. Der ETF ist selbst wie eine Aktie handelbar.

Weil es kein Fondsmanagement gibt, ist das Anlagevehikel günstig. Die jährliche Gebühr beträgt 0,3 Prozent des Vermögens, das ein ­Anleger in den Fonds investiert hat. Über die vergangenen drei Jahre hat der Fonds eine Rendite von 14,5 Prozent pro Jahr erzielt. Zuletzt litt aber auch dieser ETF unter der allgemeinen Börsenschwäche: Seit Januar beträgt das Minus 13 Prozent.

Erst im Mai gestartet ist der Recycling Decarbonisation UCITS ETF (ISIN: IE000LG4J7E7) von Wisdom Tree. Grundlage dieses Börsenindexfonds ist der Tortoise Recycling Decarbonisation UCITS Index. Unter den größten Positionen findet sich erneut Waste Management sowie zum Beispiel Neste Oyj, ein Mineralölunternehmen und Hersteller von erneuerbaren Kraftstoffen aus Finnland, oder Darling Ingredients, ein Wiederverwerter von Lebensmittelabfällen und tierischen Nebenprodukten, um daraus unter anderem Bioenergie und Tierfutter herzustellen.

Die Auflage solcher Themen-ETFs zeigt, dass die Kreislaufwirtschaft sich zu einem Megatrend entwickelt – und sich auch unter Anlegern die Erkenntnis verbreitet: Es gibt keinen Abfall, nur Ressourcen und Rendite.

Potenziale der Kreislaufwirtschaft

Mehr als 100 Milliarden Tonnen Rohstoffe werden jährlich weltweit verarbeitet.

Nur 8,6 Prozent von ihnen werden recycelt und wiederverwertet.

Weltweit könnte die Kreislaufwirtschaft die Wertschöpfung bis 2030 um 4,5 Billionen Dollar steigern – etwa durch die Reduktion von Abfall, durch Innovationen und neue Jobs.

In Deutschland sehen Experten bis 2030 das Potenzial für:

  • 12 Milliarden Euro mehr Bruttowertschöpfung pro Jahr
  • 177.000 mehr Arbeitsplätze
  • 5,5 Millionen Tonnen weniger CO2-Emissionen pro Jahr

Quellen: World Resources Institute, Deloitte