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Creditreform

Seit Jahren kämpft die Europäische Zentralbank (EZB) mit unorthodoxen Mitteln gegen Deflation und lahmende Kreditvergabe. Doch was bedeutet das für unsere Preise und Kaufkraft in diesem Jahr? Deutschlands Banken geben auch hierfür Schätzungen ab – und üben Kritik an den Währungshütern.

 

Carolin Vogt © IKB

Carolin Vogt © IKB

Carolin Vogt, IKB Deutsche Industriebank
Deflationsgefahr sehe ich nicht: Noch haben die gesunkenen Ölpreise Einfluss auf die Inflationsrate – dieser Effekt wird aber im Jahresverlauf schwächer. Dass Konsumenten oder Unternehmen ihre Anschaffungen in der Hoffnung auf sinkende Preise zurückstellen, kann ich ebenfalls nicht erkennen. Die Inflationsrate dürfte sich daher bei durchschnittlich 0,9 Prozent stabilisieren. Daran, aber auch an der Abwertung des Euro, den ich bis Jahresende leicht erholt bei einem Wechselkurs von 1,10 Dollar sehe, ist der Erfolg des EZB-Aufkaufprogramms zu erkennen. Die Ausweitung der EZB-Bilanz war damit sinnvoll, um die Euro-Abwertung zu erreichen. Allerdings: Die Gefahr einer Asset-Preis-Inflation ist aufgrund des Niedrigzinsumfelds nicht zu unterschätzen. Und: Die Kreditvergabe dürfte sich durch noch niedrigere Zinsen und noch mehr Liquidität nur noch begrenzt beeinflussen lassen: Entscheidend für Investitionen und die Nachfrage nach Krediten ist vielmehr das Konsumenten- und Unternehmervertrauen.

 

Stefan Schneider © Deutsche Bank Research

Stefan Schneider © Deutsche Bank Research

Stefan Schneider, Deutsche Bank Research
Die Konjunktur in Euroland erholt sich allmählich, ebenso die Teuerung: Hierzulande rechne ich mit einer Inflationsrate von 1,25 Prozent. Preisdruck kommt aber nicht auf, da die Produktionskapazitäten weltweit bei weitem nicht ausgelastet sind. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die erneut gesunkenen Ölpreise gilt: Die EZB könnte ihre monetären Lockerungsprogramme dieses Jahr sogar ausweiten. Allerdings ist dies derzeit nicht unser Basisszenario. Mit größeren Inflationsrisiken wäre meiner Meinung nach erst dann zu rechnen, wenn die Notenbanken trotz eines deutlicher als erwarteten Anziehens der Kreditentwicklung weiter an ihrer ultraexpansiven Geldpolitik festhalten würden. Da die inzwischen auseinanderlaufenden Pfade der Geldpolitiken von Fed und EZB den Dollar stärken, rechne ich mit einem Unterschreiten der Parität und mit Wechselkursen von 0,90 bis 0,95 Dollar.

 

• Die große Bankenumfrage • Konjunkturprognosen und Mittelstandsfinanzierung
Was sind die Wachstumstreiber im neuen Jahr – und auf welche Teuerungsraten, Wechselkurse und Finanzierungsbedingungen müssen sich Unternehmer 2016 einstellen? Zum 16. Mal in Folge hat das Creditreform-Magazin die Chefvolkswirte in Deutschlands Banken befragt.
1. Wir wachsen kräftiger als Euroland
2. Niedrigzins und weicher Euro
3. Wolken am Kredithimmel

 

Andreas Rees © HVB – UniCredit

Andreas Rees © HVB – UniCredit

Andreas Rees, UniCredit Deutschland
Dieses Jahr rechne ich mit einer leicht anziehenden Teuerungsrate von 1,2 Prozent, die damit zwar weiter unter der von der EZB angestrebten Marke von zwei Prozent liegt – uns jedoch weiter weg vom Deflationsszenario trägt, gegen das die Zentralbanker kämpfen. Den Wechselkurs Euro-Dollar sehe ich zwischen 1,05 und 1,12 Dollar pendeln. Die Parität wird nicht erreicht.

 

Michael Wolgast © Deutscher Sparkassen- und Giroverband

Michael Wolgast © Deutscher Sparkassen- und Giroverband

Michael Wolgast, Deutscher Sparkassen- und Giroverband
Zum Jahresende hat die EZB noch einmal mit neuen expansiven Maßnahmen nachgelegt – ein Aktionismus, der aus meiner Sicht nicht nötig war: Die Geldpolitik sollte besser zuerst die Wirkung der bereits getroffenen vielfältigen Maßnahmen abwarten. Deflationsgefahren, die eine noch aggressivere Geldpolitik rechtfertigen würden, sehe ich nicht. Die Verbraucherpreise dürften dieses Jahr um 1,5 Prozent zulegen und bewegen sich damit auch laut EZB-Definition in die richtige Richtung. Langfristig könnte die Inflation eher überschießen, wenn es nicht gelingt, die übermäßige Liquiditätsversorgung wieder rechtzeitig aus dem Markt zu nehmen. Was den Euro-Dollar-Kurs betrifft, so ist die auseinanderlaufende Zinsentwicklung dies- und jenseits des Atlantiks schon geraume Zeit absehbar und könnte deshalb auch weitgehend eingepreist sein. Unter- halb der Parität zum Dollar sehe ich den Wechselkurs des Euro daher nicht.

 

Zum Vergrößern klicken. © Creditreform-Magazin 01/2016

Zum Vergrößern klicken. © Creditreform-Magazin 01/2016

 

Liane Buchholz © VÖB

Liane Buchholz © VÖB

Prof. Liane Buchholz, Bundesverband Öffentlicher Banken
Dass die EZB ihre Maßnahmen intensiviert, statt den Ausweg in die geldpolitische Normalität vorzubereiten, sehen wir kritisch. Je länger Mario Draghi die expansive Geldpolitik aufrechterhält, desto stärker werden die Auswirkungen eines späteren Ausstiegs spürbar. Den Märkten steht kalter Entzug bevor. Auch die möglichen Kollateralschäden werden zu wenig beachtet: etwa die Rentabilität von Banken und Versicherern – aber auch die Folgen für das Sparverhalten der Bundesbürger und ihre Altersvorsorge, was zu einem Anstieg von Altersarmut und dadurch zu höheren Staatsausgaben führen könnte. Für dieses Jahr allerdings sehe ich weder Inflations- noch Deflationsrisiken, vielmehr dürfte sich die Teuerungsrate bei 1,7 Prozent einpendeln – vornehmlich durch die Energiekosten, die langsam wieder anziehen. Der Wechselkurs des Euro zum Dollar nähert sich bis Jahresende der Parität, was ja durchaus im Interesse der EZB liegt.