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Creditreform

Von Eva Neuthinger

Jürgen Werner, kaufmännischer Leiter der Delkeskamp Verpackungswerke GmbH, hat die Finanzierung der Vorräte und Bestände des Unternehmens für die nächsten drei Jahre gesichert: „Unsere Hausbanken bieten uns gemeinsam eine flexible Kreditlinie mit einer mittelfristigen Laufzeit zu einem relativ niedrigen Zinssatz“, sagt der Finanzchef des mittelständischen Unternehmens. Die Firma aus Nortrop mit derzeit 615 Mitarbeitern setzt auf eine sogenannte Borrowing-Base-Finanzierung. Dabei handelt es sich um eine spezielle Form eines Betriebsmittelkredits.

Das Modell funktioniert so: Das Unternehmen übereignet den Kreditinstituten sein Umlaufvermögen als Sicherheit (englisch: borrowing base), bleibt jedoch Eigentümer des Lagers. „Wir halten regelmäßig hohe Bestände an Forderungen und außerdem ein großes Lager an unseren Rohstoffen wie Papier oder Styropor sowie an fertigen Verpackungsmaterialien, die starken Preisschwankungen unterliegen“, erklärt Werner. Die Hausbanken gewähren ihm im Gegenzug, abhängig vom jeweiligen Wert der Vorräte und Waren, eine flexible, monatlich schwankende Kreditlinie. Mit dem Modell zeigt sich der Finanzchef sehr zufrieden: „Früher sicherten wir die Finanzierung unseres Umlaufvermögens über Factoring bei ausländischen Kunden.“ Das war allerdings teuer. „Mit dem Borrowing-Base-Modell stellen wir uns jetzt deutlich günstiger, da die Banken diese Kreditlinie mit weniger Eigenkapital hinterlegen müssen und diesen Zinsvorteil an uns weitergegeben haben“, sagt Werner.

Vor dem gleichen Problem wie Jürgen Werner stehen viele Unternehmer: Sie müssen einen hohen Lagerbestand halten, um just in time ihre Aufträge ausführen zu können. Doch das bindet enorm viel Kapital. Deshalb haben sie einen entsprechend hohen Kreditbedarf für ihr Working Capital. „In der Regel kommt im Mittelstand ein klassischer Betriebsmittelkredit zum Einsatz“, weiß Peter-Josef Becker, Leiter Borrowing Base Finance der Commerzbank AG in Frankfurt. Zahlreiche kleine Firmen finanzieren ihr Umlaufvermögen sogar auf Dauer über Kontokorrentkredite. Ein Instrument, das aber eigentlich dafür gedacht ist, kurzfristige Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Diese Betriebe gehen ein hohes Risiko ein: Zum einen kommt der Kontokorrent relativ teuer – die Zinssätze bewegen sich aktuell zumeist bei deutlich über sechs Prozent. Zum anderen kann es bei stark schwankendem Finanzierungsbedarf schnell passieren, dass die Unternehmen ihr Limit überziehen. In diesen Fällen kann sich das Bonitätsrating für die Kreditaufnahme verschlechtern. Demgegenüber bieten einige Banken innovative Finanzierungsformen. Es lohnt sich, diese zu prüfen.

„Atmende“ Finanzierung

Die Borrowing-Base-Variante, wie sie das Unternehmen Delkeskamp in Kooperation mit der Commerzbank nutzt, kommt in erster Linie für Unternehmen mit einem Finanzierungsvolumen von mindestens zehn Millionen Euro infrage. „Diese Untergrenze hat sich mit Blick auf den einmalig anfallenden Strukturierungsaufwand und auf das periodische Reporting an die Bank etabliert“, erläutert Experte Becker. Die Laufzeiten betragen im Durchschnitt drei Jahre. Insbesondere für Unternehmen, deren Working Capital entweder starken saisonalen Schwankungen oder deutlichen Volatilitäten der Rohstoffpreise und Energiemärkte ausgesetzt ist, eignet sich das „atmende“ Finanzierungsmodell.

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„Seit der Finanzmarktkrise ist die Nachfrage mittelständischer Unternehmen nach dieser flexiblen Finanzierungsvariante enorm gestiegen“, sagt Becker. Der Hintergrund: Die Betriebe wollen ihre Finanzierung auf sichere Füße stellen und gleichzeitig flexibel auf Schwankungen am Markt reagieren können. Viele wollen auch Liquiditätsspielräume für geplantes Wachstum absichern. Klassische Betriebsmittelkredite mit einer Laufzeit von „bis auf weiteres“ sind dabei keine zuverlässige Planungsbasis. Im Extremfall kann die Hausbank kurzfristig aussteigen, obwohl der Betrieb einen größeren Kreditrahmen benötigt. Der Unternehmer muss in diesem Fall seine Finanzierung kurzfristig neu aufstellen – ein hohes Risiko also. Die Zinssätze für strukturierte Borrowing-Base-Finanzierungen liegen zudem in der Regel niedriger als bei herkömmlichen Betriebsmittelkrediten oder einer Finanzierung über den Kontokorrent.

Zinsvorteile nutzen

Aus diesem Grund hat sich auch Unternehmer Uwe Kloska für ein ähnliches Modell entschieden. Seine Kloska-Firmengruppe in Bremen hat sich darauf spezialisiert, innerhalb kürzester Zeit große Schiffe mit Ersatzteilen zu beliefern und zu reparieren. „Unsere Stärke ist die jederzeitige Lieferfähigkeit“, so der Geschäftsführer. Das Unternehmen versteht sich als Vertragswerkstatt und Pannendienst für die Schifffahrt. Dazu hält der Firmenchef ein gigantisches Warenlager vor – Investitionssumme rund zehn Millionen Euro. Denn wird ein bestimmtes Teil gebraucht, muss es sofort verfügbar sein. „Ein Großteil unserer Liquidität ist in den Warenbeständen gebunden“, sagt Kloska. Bis vor rund zwei Jahren finanzierte der Betrieb das Warenlager kurzfristig – also über den Kontokorrentkredit. Diese Zeiten sind vorbei. Der Unternehmer hat seinen gesamten Warenlagerbestand – insgesamt rund 500.000 Einzelteile – der DAL Deutsche Anlagen-Leasing übereignet. Diese hat eigens für die Kloska-Gruppe eine Objektgesellschaft gegründet. Sie hat den Warenbestand erworben und hält den gesamten Warenbestand einschließlich Zu- und Abgängen über die Vertragslaufzeit. Im Gegenzug zahlte die Leasinggesellschaft auf einen Schlag mehrere Millionen Euro, „die wir jetzt weiterem Unternehmenswachstum zuführen können“, so Kloska.

Der Firmenchef verfügt dennoch weiter frei über seine Bestände. Für die Kapitalleistung fallen Zinsen und eine Managementgebühr an – grundsätzlich abhängig von der Bonität des jeweiligen Unternehmens. Nach Ende der Laufzeit kauft Kloska das Warenlager entweder wieder zurück oder er verlängert seine strukturierte Finanzierung. Der positive Effekt: Der Unternehmer erzielt einen deutlichen Zinsvorteil. Denn die Kapitalleistung wirkte sich positiv auf sein Eigenkapital aus, womit sich das Rating für Folgefinanzierungen verbessert hat. Außerdem hat Kloska für die gesamte Laufzeit Planungssicherheit. Die DAL bietet die strukturierte Finanzierung Firmen mit einem Finanzierungsbedarf von mindestens fünf Millionen Euro. „Wie viel der Unternehmer für sein Umlaufvermögen erhält, richtet sich jeweils nach der Bewertung in der aktuellen Bilanz“, erklärt Kai Eberhard, Geschäftsführer der DAL. Das Angebot können grundsätzlich Betriebe jeder Branche nutzen. „Wichtig für uns ist es allerdings, dass es sich um ein möglichst homogenes Warenlager handelt“, kommentiert Eberhard. Die 500.000 Einzelteile bei Koska stammen zum Beispiel aus nur vier verschiedenen Produktgruppen. Außerdem erwarten die Finanzierungspartner, dass sich der Lagerbestand in einem festen Zeitraum erneuert. „Es soll sichergestellt sein, dass der Bestand nicht veraltet und damit unverkäuflich ist“, so Eberhard.

Umlaufvermögen So finanzieren Sie günstig

Das Lager bindet Kapital. Umso wichtiger ist es, die richtige Finanzierungsform zu wählen. Darauf achten clevere Firmenchefs:

– Goldene Finanzierungsregel: Langfristige Investitionen sind mit langfristigen Krediten zu finanzieren. Kurzfristiger Kapitalbedarf entsprechend über Finanzmittel mit kurzen Laufzeiten. Das ist eine Grundregel der Finanzierung.

– Förderung: Die KfW bietet spezielle Programme zur Finanzierung des Umlaufvermögens. Die Zinssätze liegen oftmals niedriger – mitunter bei unter zwei Prozent Effektivzins je nach Laufzeit – als bei der klassischen reinen Bankfinanzierung. Infrage kommt zum Beispiel der KfW-Unternehmerkredit. Weitere Informationen unter www.kfw-unternehmerkredit.de oderwww.foerderdatenbank.de

– Strukturierte Finanzierung: Ausgewählte Banken bieten vielfach sogenannte strukturierte Finanzierungen – etwa die Borrowing-Base-Variante. Der Unternehmer übereignet seinen Lagerbestand, tritt die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen an die Bank ab (Borrowing Base) und erhält im Gegenzug eine Kreditlinie, die monatlich an die Wertveränderungen angepasst werden kann. Damit ist die Firma gegen Preisschwankungen bei der Beschaffung abgesichert. Die Laufzeiten bewegen sich bei zwei bis vier Jahren. Diese Finanzierung bietet sich zumeist für größere Mittelständler an, da zusätzlicher Aufwand für das Borrowing-Base-Reporting anfällt. Die Banken achten darauf, dass die Vorräte im Ernstfall verwertet werden können. Entsprechend bewerten die Geldinstitute das Lager mit einem Abschlag. Immerhin dient es als Sicherheit, was bei herkömmlichen Betriebsmittelkrediten nicht der Fall ist. Die Commerzbank zum Beispiel stellt diese Variante zumeist gemeinsam mit einem ausgewählten Kreis anderer Institute unter ihrer Führung bereit.

Checkliste: In vier Schritten zur Borrowing Base

Das Grundprinzip der Borrowing-Base-Finanzierung ist einfach, versichert Dirk Elsner, Seniorberater bei der Innovecs GmbH: Der Kreditnehmer vereinbart eine Kreditlinie mit Obergrenze. Die Inanspruchnahme dieser Linie ist abhängig von einem Pool an Sicherheiten aus dem Umlaufvermögen, etwa Warenbestände und Forderungen. Die jeweilige Kreditlinie atmet mit dem Sicherheitenpool bis zu der vereinbarten Obergrenze. Im Detail wird es dann komplizierter, räumt Elsner ein. Kreditnehmer und Bank sollten die folgenden Schritte gehen:

1. Identifizierung passender Vermögensgegenstände
Banken sehen nur solche Vermögensgegenstände als geeignet an, an denen sie ein erstrangiges Sicherungsrecht erhalten. Mitunter würden nur Güter akzeptiert, für die ein Börsen- oder Marktpreis erhältlich ist. Zudem kämen Forderungen als Sicherheiten in Frage, wobei Banken hier ebenfalls Anforderungen an deren Bonität stellen.

2. Festlegung der Beleihungsgrenzen
Die Kanzlei Norton Rose Fulbright macht zur Berechnung der Borrowing Base folgende Rechnung auf:
Lagerbestand/Vorräte minus vereinbarte Abschläge
+ Forderung aus Lieferung und Leistung minus vereinbarte Abschläge
+ andere Forderungen minus Abschläge – Verbindlichkeiten aus Lieferung und Leistung
– andere kurzfristige Verbindlichkeiten
= Borrowing Base
Dabei gilt es zu beachten: Die Banken akzeptieren laut Innovecs so gut wie nie den bilanzierten Wert des Umlaufvermögens als Sicherheit, sondern rechnen mit „oft unangemessen hohen“ Sicherheitsabschlägen.

3. Prüfung auf Abtretbarkeit
Ist man sich über die Bewertung einig, bleibt noch zu prüfen, ob die jeweiligen Sicherungsgüter überhaupt abtretbar sind: Banken akzeptierten nur Sicherheiten, auf die sie das erste Zugriffsrecht hätten. Dazu müsse sichergestellt werden, dass keine vorrangige Sicherheiten bestehen – etwa Eigentumsvorbehalten für gelieferte Waren. Insolvenzfeste Vereinbarungen müssen es sein, stellt Elsner klar.

4. Regelmäßiges Reporting:
Die flexible Borrowing-Base-Finanzierung muss dokumentiert und zeitnah der Bank gemeldet werden. Diese will sich außerdem regelmäßig davon überzeugen, dass die Sicherheiten in dem gemeldeten Umfang bestehen.