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Creditreform

© plainpicture/Lubitz & Dorner

Die Schattenseite der in der Corona-Pandemie verteilten Hilfspakete ist ein Rückstau bei den Insolvenzen. ZEW und Creditreform zeigen in einer Studie, dass viele Unternehmen unterstützt wurden, die auch ohne Lockdown in Not geraten wären.

 

Wer den Begriff Zombie hört, denkt an Untote, an Aberglauben oder auch an Geisterbahn. Tatsächlich hat die Vokabel aber auch in der Wirtschaft ihren festen Platz – als Synonym für Unternehmen, die mit allerlei Kniffen über Wasser gehalten werden, obwohl sie bei strenger Betrachtung nicht lebensfähig sind.

Niedrige Kreditzinsen, Subventionen oder Unterstützungszahlungen zum Beispiel bescheren ihnen vorübergehend genügend Liquidität, um zumindest noch eine Weile weitermachen zu können – bis dann irgendwann die Insolvenz doch nicht mehr abzuwenden ist.

Für die Wirtschaft als Ganzes und die Geschäftspartner der Zombie-Unternehmen kann das fatale Folgen haben. Denn bevor die Untoten endgültig von der Bildfläche verschwinden, bringen sie häufig noch andere Akteure in Schwierigkeiten, etwa indem sie deren Rechnungen nicht bezahlen.

 

Konsequenzen für Gesamtwirtschaft

Deshalb ist es nach Einschätzung von Experten wichtig, finanziell angeschlagenen Unternehmen nur nach strenger Prüfung und allenfalls ausnahmsweise lebensverlängernde Mittel zu gewähren. Doch diesen Grundsatz hat die Bundesregierung nach einer gemeinsamen Untersuchung des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und des Verbandes der Vereine Creditreform in der Corona-Pandemie verletzt.

„In den Monaten nach dem ersten Lockdown erhielten auch Unternehmen staatliche Hilfe, die unter normalen wirtschaftlichen Umständen in eine existenzielle Krise gesteuert wären“, erklärt Simona Christine Murmann, Mitautorin der Studie. Auf diese Weise sei ein Rückstau von Insolvenzen entstanden, der sich voraussichtlich ab dem zweiten Halbjahr 2021 entladen werde – mit erheblichen negativen Konsequenzen für die Gesamtwirtschaft.

 

Liquiditätshilfen in Milliardenhöhe

Zu Beginn der Corona-Pandemie war vor allem für viele kleine und mittelgroße Unternehmen schnelle finanzielle Unterstützung notwendig. Sie hatten ihre Aktivitäten deutlich herunterfahren oder sogar gänzlich stoppen müssen, weil staatliche Restriktionen ihnen keine andere Wahl ließen.

In Windeseile schnürte die Bundesregierung damals Hilfspakete. Niemand, der durch die Pandemie in Not geriet, sollte etwa verpflichtet sein, unverzüglich Insolvenz anzumelden. Zudem gab es Liquiditätshilfen in Milliardenhöhe. Schließlich musste die Wirtschaft am Laufen gehalten werden.

„Aufgrund der hohen Dringlichkeit der Maßnahmen differenzierte die Politik nicht. Die Finanzhilfen wurden nach dem Gießkannenprinzip verteilt“, sagt Murmann.

Auch die KfW öffnete die Geldhähne, um möglichst vielen Unternehmen schnell und wirksam zu helfen: Mindestanforderungen an die Kreditwürdigkeit der Firmen wurden reduziert, Konditionen verbessert und die Haftungsübernahme für Kredite der Hausbanken ausgeweitet.

 

Wo die Insolvenzen ausbleiben

Die Studie von ZEW und Creditreform vergleicht die Bonität von etwa 1,5 Millionen Unternehmen im Vorkrisenzeitraum Juli 2017 bis Dezember 2019 mit den durch die Corona-Pandemie geprägten Monaten April bis einschließlich Juli 2020.

Auffällig ist, dass in den besonders von der Krise betroffenen Branchen, etwa in der Gastronomie oder bei anderen Dienstleistern, zuletzt weniger als halb so viele Unternehmen den Gang zum Insolvenzgericht antraten, als auf Basis der Daten der Vorjahre zu erwarten gewesen wäre.

„Besonders ausgeprägt ist dieser Unterschied bei kleinen Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern. Mit steigender Unternehmensgröße nimmt er immer mehr ab“, so die Mitautorin der Untersuchung.

Was hätte die Bundesregierung besser machen können? Wie hätte sie ihre Hilfspakete passgenauer adressieren können? „Eine detaillierte Prüfung der Antragsteller war in der Kürze der Zeit und angesichts begrenzter Kapazitäten wahrscheinlich kaum möglich“, räumt Murmann ein.

 

Reinigende Wirkung außer Kraft

Den ZEW-Ökonomen ist wichtig, dass sich zu den direkten Kosten der Corona-Pandemie weitere Belastungen addieren – eben weil die üblicherweise reinigende Wirkung einer Krise in diesem Fall außer Kraft gesetzt wurde. „Insolvenzen führen dazu, dass sich die betroffenen Mitarbeiter anderen, effizienter und kreativer arbeitenden Unternehmen zuwenden.

Kapital fließt weg von insolventen hin zu wirtschaftlich stabilen Firmen. Dieser Prozess stärkt auch die gesamtwirtschaftliche Produktivität und Innovationskraft“, schreiben sie.

In die pandemiebedingte Unternehmensschließungsbilanz müssen auch die vielen Unternehmen eingerechnet werden, die seit Ausbruch der Krise freiwillig ihren Betrieb eingestellt haben – und deren Zahl noch keine Studie ermittelt hat.

Aber nahezu jeder Steuerberater und Insolvenzexperte kennt aus der Praxis Fälle, in denen Firmeninhaber eine in wenigen Jahren ohnehin anstehende Schließung infolge von Covid 19 vorgezogen haben. Sei es aus Altersgründen oder infolge mangelnder Profitabilität. „Geschäftsaufgabe wegen Corona“ – das sagt sich allemal leichter als zuzugeben, dass die eigene Firma schon lange nicht mehr gut lief.

 

Insolvenz: anmelden oder nicht?

Niemand, der infolge der Corona-Pandemie zahlungsunfähig oder überschuldet ist, war verpflichtet, einen Insolvenzantrag zu stellen – so glaubten viele Unternehmen auch noch in den vergangenen Wochen und Monaten. Ein Irrtum.

 

Denn das Covid-19-Insolvenzaussetzungsgesetz, kurz COV­InsAG, gewährte bis 30. April 2021 nur denjenigen pandemiebedingt in Not geratenen Firmen Schutz, die auf staatliche Hilfen aus dem Notprogramm hoffen konnten. Diese Unterstützung musste zudem ausreichen, um vorhandene Finanzlücken zu schließen.

 

„Das trifft jedoch auf den überwiegenden Teil der finanziell angeschlagenen Unternehmen nicht zu. Geschätzt, waren allenfalls 20 Prozent der Betroffenen tatsächlich berechtigt, die Antragspflicht auszusetzen“, betont Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Vor allem in gefährdeten Branchen wie der Gastronomie und Hotellerie hätten nach seiner Einschätzung zuletzt deutlich mehr Betriebe Insolvenz anmelden müssen als tatsächlich geschehen.

 

„Damit sind viele Geschäftsführer ein hohes Risiko eingegangen“, sagt Christoph Niering, Vorsitzender des Verbands der Insolvenzverwalter in Deutschland (VID). Auch wenn die Regierung die geltenden Bestimmungen nicht immer transparent kommuniziert habe, besitze jede Geschäftsleitung die Pflicht, sich zu informieren.

 

Bei einer vorsätzlichen Insolvenzverschleppung drohen nach §15a Insolvenzordnung bis zu drei Jahre Gefängnis oder eine Geldstrafe. Wer verurteilt wird, darf fünf Jahre lang nicht mehr als Vorstand oder Geschäftsführer tätig sein.