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Creditreform

Jahrelang haben Inflationssorgen vielen Vermögensklassen Auftrieb gegeben. Doch wie sollten Anleger nun umschichten, falls stattdessen Deflation droht? Welche Aktien könnten auch in diesem Szenario stabil bleiben? Und aus Sicht von uns Verbrauchern: Was wäre an sinkenden Preisen überhaupt verkehrt?

Auf breiter Front sinkende Preise sind schlecht für die Wirtschaft. Und genau diese Entwicklung droht der Eurozone. Warum, lesen Sie << hier >> in einer aktuellen Warnung der Kollegen von handelsblatt.com

Bei Deflation dachten Anleger viele Jahre lang zunächst an Japan. Denn während in Deutschland die Sorge vor (Hyper-) Inflation tief verwurzelt ist, kämpft das Land der aufgehenden Sonne seit dem Platzen seiner Immobilienblase zu Beginn der 1990er Jahre gegen eine hartnäckige und tiefgreifende Deflation, von der es sich bis heute nicht erholt hat. Weder die extrem niedrigen Zinsen noch Interventionen am Devisenmarkt scheinen zu helfen. Auch Hongkong nach der Asienkrise 1997 oder Lettland 2008 gelten als Beispiele für Deflation – verblassen jedoch im Vergleich zur Großen Depression nach 1929, die als Mutter aller Deflationen gilt und von den USA aus die ganze Welt befiel.

„Als wichtigster Faktor für die Übertragung der Krise galt der Goldstandard“, schreiben die beiden Wirtschaftsjournalisten Michael Rasch und Michael Ferber in ihrem Buch „Die heimliche Enteignung“ (siehe „Investieren bei Deflation“). Nach dessen Beseitigung sei im Papiergeldsystem die Gefahr von Deflation weltweit rückläufig. Meist konnte sie durch expansive geldpolitische Maßnahmen noch rechtzeitig eingedämmt werden. Gleichwohl warnen die Autoren: „Dies heißt nicht, dass Deflationen nun für immer besiegt sind.“ Gegenmaßnahmen seitens der Zentralbank dürften nicht zu spät ergriffen werden, sonst drohe schnell Gefahr.

Dafür sorgen, dass „es“ hier nicht passiert?

In dieser Lage sehen sich inzwischen die Beteiligten der Eurozone: „Die Zeit zum Handeln wird knapp“, warnt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Denn habe sich eine Deflation erst einmal etabliert, komme die Hilfe von der Notenbank oft zu spät. Nicht umsonst heißt wohl ein Buch des ehemaligen US-Notenbankchefs Ben Bernanke „Deflation: Dafür sorgen, dass ‚es‘ hier nicht passiert.“

Doch was wäre an sinkenden Preisen überhaupt verkehrt? Aus Sicht der Verbraucher zunächst einmal nichts – solange sie ihren Job behalten, was in einem Deflationsszenario nicht selbstverständlich ist. Doch zunächst einmal gilt klarzustellen: Preisrückgänge sind lediglich eine Folge von Deflation, nicht gleichbedeutend mit ihr. Roland Baader definiert sie in seinem Buch „Geldsozialismus“ als Schrumpfen der Geldmenge beziehungsweise als Sinken des Angebots an Geld. Sollte ein Kaufkraftgewinn des Gelds durch höhere Produktivität zustande kommen, gäbe es also sogar eine „gute“ Deflation, in der sich die Bürger über mehr Kaufkraft freuen könnten, ohne Nachteile befürchten zu müssen. „Während echtes, durch Gold oder Silber gedecktes Geld die gute Form der Preisdeflation schafft, birgt ungedecktes Papiergeld gemäß Baader die Gefahr einer bösen Deflation“, machen Rasch und Ferber diese Hoffnung zunichte.

Was droht, ist eine Wirtschaftsflaute mit folgenden Symptomen:

• Überkapazitäten und Kostendruck in den Firmen, der zu Stellenabbau führt,
• Preisverfall bei Vermögenswerten, es kommt zu Notverkäufen von Anlagegütern,
• Sparzwang der öffentlichen Hand – mit entsprechenden Folgen für subventionsverwöhnte Firmen,
• wachsende Risikoscheu und zögerliche Kreditvergabe bei den Banken und
• die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes verlangsamt sich, eine Abwärtsspirale droht.

Während erste Anzeichen der drei letztgenannten Symptome in Europa bereits zu sehen sind, zeigen sich die Vermögenspreise bislang resistent – sie scheinen eher inflationäre Entwicklungen einzupreisen. Das Problem mit den beiden unterschiedlichen Szenarien – Inflation und Deflation – ist: Die hierzu jeweils passenden Depots weisen so gut wie keine Überschneidungen auf. Grundsätzlich sollte ein gutes Deflationsdepot deutlich weniger breit gestreut sein als ein Inflationsdepot, da viele Assetklassen tendenziell eher verlieren (siehe Tabelle). Zunächst gilt es in der Deflation, die Dauer der Aufwertung einzuschätzen: „Wenn das Geld über einen längeren Zeitraum an Wert gewinnt, sollten Anleger möglichst lang laufende und sichere Staatsanleihen kaufen“, rät Claus Vogt von Aequitas Capital Partners. Und natürlich bietet die Finanzindustrie inzwischen genug Produkte, mit denen Anleger in jeder Assetklasse selbst in fallenden Märkten Geld verdienen, solange der Emittent nicht ausfällt.

Welche Aktien aussichtsreich bleiben

Am Aktienmarkt muss es aber gar nicht so weit kommen, beruhigt Martin Hüfner. Der Chefökonom des Fondsanbieters Assenagon nennt historische Beispiele dafür, wie Kurse zumindest temporärer Deflation erfolgreich trotzten: „Als die Preise in den Jahren 1949/50 oder 1954/55 zurückgingen, stiegen die Aktienkurse innerhalb von zwölf Monaten um 27 beziehungsweise 30 Prozent. Ein ähnliches Ergebnis gab es erst vor kurzem in der Krise 2009.“ Auch dass in der Deflation der Konsum einbreche, hält Hüfner längst nicht für ausgemacht: „Wenn ein neues iPhone auf den Markt kam, standen die Leute Schlange – obwohl jeder wusste, dass sie die Geräte ein paar Monate später billiger bekommen.“

Generell raten Experten in Deflationszeiten zu Aktien aus Branchen, auf deren Erzeugnisse auch in schlechten Zeiten nicht verzichtet werden kann, etwa Lebensmittelhändler oder die Pharmaziebranche. Sollten die Staaten weitere Konjunkturprogramme anschieben, dürfte auch der Infrastruktursektor überproportional profitieren. Und: Auf Lotto und Spielen generell wird selbst in Krisen kaum verzichtet – auch das zeigt Japan.

INVESTIEREN BEI DEFLATION

Vermögensklasse / Chance und Risiko bei Deflation

Aktien / riskant, da Konsum, Investitionen und damit die Gewinne sinken. Japans Leitindex Nikkei 225 fiel während der jahrzehntelangen Deflation von 38.916 Punkten auf zeitweilig 8.160 Punkte.

Anleihen / stabil, doch auf die Qualität der Schuldner achten: Firmen- und Staatspleiten drohen.

Gold und andere Edelmetalle / stabil, da innewohnender, realer Wert. Doch: Preis sehr volatil, Goldverbot droht. Silber, Platin und Palladium sind sehr konjunkturanfällig.

Immobilien / riskant, da Preise, Mieten und Löhne sinken, während Schulden real aufwerten.

Spar-, Tages- und Festgeld / stabil, da selbst niedrige Zinsen real höhere Renditen bringen. Aber: Die Bank könnte ausfallen.