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Creditreform

Dank der guten Konjunktur sind 2015 in Europa erneut weniger Unternehmen in die Insolvenz geraten. Aber noch immer ist die Zahl der Pleiten in vielen Ländern sehr viel höher als vor Ausbruch der Finanzkrise.

Terroranschläge, Flüchtlingsströme aus den Bürgerkriegsländern und dazu noch die Unsicherheit über den Verbleib Großbritanniens in der EU – politisch muss Europa in diesen Monaten große Herausforderungen bewältigen. Dagegen kommt die Wirtschaft in vielen Ländern immer besser in Schwung. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind oftmals gut gefüllt und die Verbraucher befinden sich in Kauflaune. Zwei Faktoren sorgen für Rückenwind: preiswertes Öl und niedrige Zinsen.

Vier Prozent weniger Insolvenzen in Westeuropa

Die Aufwärtsentwicklung lässt sich vielerorts auch an der Entwicklung der Insolvenzen ablesen. Nach einer Analyse der Creditreform Wirtschaftsforschung ist die Zahl der Unternehmenspleiten in Westeuropa (EU-15 plus Norwegen und der Schweiz) 2015 im zweiten Jahr hintereinander deutlich zurückgegangen – um knapp 7.200 oder 3,9 Prozent auf nun 174.941 Fälle. Die Entspannung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Zahl der Firmenzusammenbrüche nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau bewegt. Vor Ausbruch der Finanzkrise hatte Creditreform in Westeuropa lediglich 155.581 Insolvenzen registriert. Und: Auch im letzten Jahr gab es immerhin noch vier Länder, in denen im Vergleich zum Vorjahr mehr Unternehmen ins Straucheln gerieten: Portugal, die Schweiz, Luxemburg und erneut Frankreich.

Bei der Bewertung der Zahlen ist zu berücksichtigen, dass das Insolvenzgeschehen meist nur einen Bruchteil aller Liquidationen von Unternehmen abbildet. In vielen Ländern werden insbesondere Kleinstunternehmen bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten oftmals ohne reguläres Insolvenzverfahren geschlossen und aus den Registern gelöscht. Im vergangenen Jahr gab es in Westeuropa etwa 1,6 Millionen solcher Schließungen. Beeinflusst wird ein internationaler Vergleich der Insolvenzentwicklung auch durch die unterschiedliche Berücksichtigung von Selbstständigen in der Statistik. Mal werden solche Fälle als Privatinsolvenz gewertet und fließen nicht in die Auflistung der Firmenzusammenbrüche ein. Ein anderes Mal werden Selbstständige nur ab einer bestimmten Größe oder Gläubigerzahl in der Insolvenzstatistik ausgewiesen.

 

Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern. © Creditreform-Magazin 06/2016

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Deutlich weniger Insolvenzen in Griechenland und Spanien

Entspannt hat sich das Geschehen zuletzt vor allem in den ehemaligen Euro-Krisenländern, ausgenommen Portugal. Griechenland (minus 29 Prozent), Spanien (minus 25,1 Prozent) und Irland (minus 9,9 Prozent) verzeichneten deutlich weniger Pleiten als im Jahr zuvor. Und auch in Italien (minus 0,5 Prozent) zeigte sich eine leichte Tendenz zum Besseren. Das Land registrierte erstmals seit langer Zeit wieder ein Wirtschaftswachstum. Gleichwohl ist der Aufschwung nach Einschätzung vieler Konjunkturbeobachter noch labil, weil die Wettbewerbsfähigkeit durch die lange Krise gelitten hat und wichtige Handelspartner des Landes schwächeln. In der Gruppe der GIIPS-Staaten, zu denen Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien gehören, gab es 2015 knapp 30.000 Firmenzusammenbrüche (minus 4,6 Prozent). Das waren immer noch doppelt so viele wie vor Ausbruch der Finanzkrise – was zeigt, dass dort der Abstieg vom Gipfel gerade erst begonnen hat.

2015 sind die Insolvenzzahlen in drei weiteren westeuropäischen Ländern in zweistelligem Tempo zurückgegangen: in den Niederlanden (minus 20,7 Prozent), wo mit 5.271 Firmenpleiten der niedrigste Stand seit 2008 registriert wurde, sowie in Finnland (minus 12,9 Prozent) und Schweden (minus 10,1 Prozent). Dort gewann die Konjunktur zuletzt deutlich an Fahrt.

Auch in Deutschland gerieten zuletzt erneut weniger Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Die Zahl der Firmenpleiten ging um 3,5 Prozent zurück, was in etwa dem Tempo des europäischen Durchschnitts entsprach. Der Blick in die Historie zeigt jedoch, dass sich das Insolvenzgeschehen hierzulande auf einem komfortableren Niveau bewegt als in anderen Ländern: 23.180 Pleitefälle bedeuteten den niedrigsten Stand seit 1999.

 

Klicken Sie auf die Tabelle, um sie zu vergrößern. © Creditreform-Magazin 06/2016

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Insolvenzen: Gegenläufige Entwicklungen in Europa

Bemerkenswert ist der Trend bei zwei anderen wirtschaftlichen Schwergewichten Westeuropas: Großbritannien verzeichnete 2015 erneut weniger Insolvenzen als noch im Jahr zuvor (minus 9,7 Prozent auf 15.952). Gegenüber dem bisherigen Rekordstand (2009: 25.288 Fälle) ist die Zahl der Pleiten folglich um mehr als ein Drittel zurückgegangen. Hier spiegelt sich die gute Konjunkturentwicklung wider, die zuletzt von einer Belebung des privaten Konsums profitierte, obwohl die privaten Haushalte in Großbritannien hoch verschuldet sind. Ganz anders sieht das Bild dagegen in Frankreich aus: Dort sorgte die anhaltende Wirtschaftsschwäche für mehr Zusammenbrüche (plus 0,9 Prozent auf 61.379) – gut ein Drittel aller Unternehmen, die im vergangenen Jahr in die Insolvenz rutschten, stammte aus Frankreich.

Ob Verarbeitendes Gewerbe, Bau, Handel oder Dienstleistungen: In allen vier Hauptwirtschaftsbereichen gab es in Westeuropa zuletzt weniger Insolvenzen. Am stärksten fiel der Rückgang im Verarbeitenden Gewerbe aus (minus 8,7 Prozent), mäßig war dagegen die Besserung im Handel (inklusive Gastgewerbe) mit einem Minus von nur 1,9 Prozent. Aufgrund der unterschiedlichen Wirtschaftsstruktur ist der Anteil der einzelnen Branchen an den Pleiten oft unterschiedlich. So entfiel in Luxemburg, den Niederlanden und der Schweiz jeweils deutlich mehr als die Hälfte aller Insolvenzen auf Unternehmen aus dem Dienstleistungsgewerbe. In Belgien, Portugal, Frankreich, Schweden und Österreich betraf dagegen mehr als jeder dritte Firmenzusammenbruch einen Händler oder einen Unternehmer aus dem Gastgewerbe.

Positive Wirkung auf Firmengewinne

Die gute wirtschaftliche Entwicklung in Westeuropa hinterlässt Spuren in den Bilanzen der etwa 3,1 Millionen Unternehmen, die Creditreform analysiert hat. Gut die Hälfte der Firmen verbesserte ihre Gewinnmarge. Auch hat sich die Zahl der Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von komfortablen 50 Prozent und mehr weiter erhöht. Allerdings gilt nach wie vor jede vierte Firma als unterkapitalisiert, da die eigenen Mittel weniger als ein Zehntel der Bilanzsumme ausmachen.

Auch in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas hat die Wirtschaft Tritt gefasst. Das Russland-Embargo hat an Bedeutung verloren. Zudem beflügelt die starke Konjunktur im Westen auch die Entwicklung vieler Betriebe im Osten, die als Zulieferer tätig sind. Insgesamt ging die Zahl der Insolvenzen in dieser Region im vergangenen Jahr um 11,4 Prozent auf 101.707 Fälle zurück. Dabei verlief die Entwicklung sehr unterschiedlich. Während acht Länder einen Rückgang der Schieflagen verzeichneten (allen voran Polen, Ungarn und Tschechien), gab es in Kroatien und Litauen deutlich mehr Firmenpleiten. Grund dafür könnte jedoch in beiden Fällen eine Änderung des Insolvenzrechts sein. So wird inzwischen in Kroatien gegen notleidende Unternehmen faktisch von Amts wegen ein Insolvenzverfahren eingeleitet. In Russland verharrte die Zahl der registrierten Fälle 2015 auf hohem Niveau, weil vor allem Tourismus- und Kfz-Branche mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Weiterhin tief in der Krise befindet sich die Ukraine: Mit dem drastischen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts stieg auch die Zahl der Insolvenzen an.