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Creditreform

Die Europäische Union fordert von ihren Mitgliedsländern mindestens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts an Investitionen in Forschung und Entwicklung. Deutschland hat diese Hürde schon wieder gerissen. Kleine und mittlere Unternehmen haben ihre Ausgaben in diesem Bereich hingegen überdurchschnittlich gesteigert.

Wer die Wortkombination „Barcelona-Ziel“ hört, der mag im ersten Moment wohl eher an Urlaub denken – oder vielleicht an Fußball. Wahrscheinlich aber nicht an Forschung und Entwicklung. Doch genau darum geht es beim „Barcelona-Ziel“. Es beschreibt die von der Europäischen Union (EU) für Mitgliedsländer vorgegebene Forschungsquote von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Doch nur wenige Länder haben in der vergangenen Jahren dieses Ziel erreicht: darunter Finnland (3,31), Schweden (3,3) und Dänemark (3,06).

Deutschland hat Barcelona noch nie erreicht. In den aktuellsten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2013 ist die Investitionsquote für Forschung und Entwicklung sogar auf 2,85 Prozent zurückgegangen (2012: 2,88 Prozent). Im zuständigen Bundesministerium verweist man dagegen auf die auf rund 80,2 Milliarden Euro gestiegenen Ausgaben in diesem Bereich. Bei der gesunkenen Quote, die Barcelona in noch weitere Ferne rückt, handele es sich lediglich um einen statistischen Effekt. „Das BIP speist sich aus vielen verschiedenen Faktoren zusammen, die wir nun mal nicht beeinflussen können“, sagt ein Sprecher von Forschungsministerin Johanna Wanka (CDU). Die Drei-Prozent-Quote habe man aber faktisch bereits erreicht.

Familienunternehmer sehen zu wenig positve Effekte für den Mittelstand

In der freien Wirtschaft kommt diese lasche Haltung nicht so gut an. Lutz Goebel, Präsident des Verbandes „Die Familienunternehmer“, kritisiert, dass bei öffentlichen Investitionen in Forschung und Entwicklung der Transfer in die Praxis noch stärker berücksichtigt werden muss. „Sonst haben die unzähligen Initiativen keine positiven Effekte für deutsche Betriebe“, sagt Goebel.

Bereits heute sind es die Unternehmen, die den Löwenanteil an Forschungsinvestitionen tragen. 2012 kamen mit rund 52,3 Milliarden Euro knapp zwei Drittel der Ausgaben aus dem Unternehmenssektor. Tendenz steigend. Nach aktuellen Erhebungen des Stifterverbandes und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sind 2013 zudem auch bei kleinen und mittleren Unternehmen die Forschungsausgaben überdurchschnittlich um etwa 4,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen.

Familienunternehmer investierten laut Lutz Göbel entlang der Wertschöpfungskette ständig in Prozess- und Produktinnovationen und finanzierten die Investitionen in ihre Zukunftsfähigkeit häufig aus Eigenmitteln. „Eine steuerliche Gleichstellung von Fremd- und Eigenkaptalfinanzierung würde Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit viel stärker voranbringen als jede steuerliche Subventionierung von betrieblicher Forschungs- und Entwicklungs-Tätigkeit“, so der Verbandspräsident weiter.

Österreich überspringt erstmals die Drei-Prozent-Hürde

Doch ob Deutschland irgendwann doch noch die Drei-Prozent-Quote erreicht, bleibt zumindest fraglich. Aus den Nachbarländern kommen dagegen andere Nachrichten: Kürzlich konnte Österreich stolz verkünden, dass sie in diesem Jahr erstmals diese magische Grenze überschreiten wird. Nach Berechnungen von Statistik Austria wird die Alpenrepublik mit geschätzten Ausgaben von 10,1 Milliarden Euro eine Quote von 3,01 Prozent am BIP erreichen. Auch in Berlin will man sich künftig stärker auf die Hinterbeine stellen: „Wir streben natürlich weiterhin das Barcelona-Ziel an“, heißt es aus dem Bundesforschungsministerium.