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Creditreform

Nach wie vor nutzen nur wenige Familienunternehmen den Finanzmarkt als Kapitalquelle. Zu viele Pflichten, zu viele Einschränkungen und zu viele Alternativen, die jeweils mit derzeit unschlagbar günstigen Konditionen locken. Eine Bestandsaufnahme.

Was war das zu Jahresbeginn in Finanzkreisen für eine Euphorie: 2014, so prophezeiten damals viele Analysten, werde das Geschäft mit Börsengängen wieder richtig Fahrt aufnehmen. Endlich, denn in den Jahren zuvor waren jeweils nur gut eine Handvoll neuer Namen in den Handelslisten aufgetaucht. Mal war es die volatile Konjunktur, die den Unternehmen die Lust auf einen Gang aufs Parkett nahm. Mal machte das hektische Auf und Ab der Notierungen die Preisfindung zu einer Mission Impossible. Und mitunter verhagelten auch politische Störfeuer möglichen Going-Public-Kandidaten die Stimmung.

Das sollte in diesem Jahr anders werden. Erst recht, als sich im Sommer abzeichnete, dass mit dem Onlinewarenhaus Zalando ein Schwergewicht an die Börse kommen würde. Im Fahrwasser eines solchen Eisbrechers würden auch viele kleinere Kandidaten Mut fassen für eine Notierung. So weit die Hoffnung – aber es ist anders gekommen. Der Blick auf den Kurszettel zeigt wenig neue Namen, Emittenten sind nach wie vor dringend gesucht.

Rare Kandidaten

Was aber ist mit den Familienunternehmen? Den großen mittelständischen Firmen, die zuvor in Scharen aufs Parkett gestürmt waren. Wie etwa der Fertighausbauer Kampa, der Gerüstbauer Plettac, der Modehersteller Hirsch, die Pharmagruppe Schwarz, der Badarmaturenhersteller Grohe – die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Doch heute? Der Verlag Bastei Lübbe war in den vergangenen zwei Jahren das einzige echte Familienunternehmen, das Aktien ausgegeben hat. Der Börsengang spülte dem Kölner Medienhaus, das mit Roman- und Rätselheften groß wurde, mehr als 20 Millionen Euro in die Kasse (Creditreform-Magazin berichtete in der Ausgabe 5/2014). Weitere Familienbetriebe wagten sich nicht aufs Parkett. Dabei besitzen nach Einschätzung von Kapitalmarktexperten viele die Qualität für eine Notierung an der Börse: Ihre Zahlen stimmen, sie weisen eine interessante Story auf und verfügen oft über einen bekannten Namen.

Ernüchternd war für Börsenbeobachter zuletzt auch, dass mancher Familienunternehmer, dessen Aktien bereits lange notiert waren, zum Rückzug blies. Wie die Familie Kreke mit ihremDouglas-Konzern. Sie musste mit ansehen, wie ein ungeliebter Großaktionär in dem von ihr groß gemachten Handelsunternehmen Einfluss gewann. Der Drogerieunternehmer Erwin Müller hatte sich Stück für Stück bei der Gruppe aus Hagen eingekauft und begonnen, dem Management öffentlich Ratschläge zu erteilen. Da war den Krekes klar geworden, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Douglas trotz seiner Börsennotierung von der Gründerfamilie gesteuert werden kann. So reifte der Entschluss, einen Finanzinvestor an Bord zu nehmen und die freien Aktionäre abzufinden. Als es im Sommer 2013 so weit war, atmete Miteigentümer und Vorstandschef Henning Kreke auf: „Endlich müssen wir uns nicht ständig bei Analysten rechtfertigen und Quartalsberichte schreiben.“

© Creditreform-Magazin 12/2014

© Creditreform-Magazin 12/2014

Hat der Aktienmarkt für große Familienunternehmen an Attraktivität verloren? Für Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Münchner Stiftung Familienunternehmen, ist der Fall klar: „Momentan ist ein Börsengang zumindest für sie weder notwendig noch in jedem Fall eine attraktive Option.“ Ein Grund dafür ist Heidbreder zufolge die gute Finanzausstattung der Firmen. Sie können ihre Investitionen aus eigener Kraft finanzieren. Nach Zahlen der Stiftung verfügen die 500 größten Familienunternehmen über eine Eigenkapitalquote von durchschnittlich 40 Prozent. Das ist weit mehr, als alle deutschen Firmen im Mittel auf die Waage bringen (27,5 Prozent) und auch mehr als die Quote der im Dax gelisteten Konzerne (34 Prozent). „Zudem können sich große Familienunternehmen wegen ihrer meist guten Bonität und des Niedrigzinsumfelds bei Banken zu attraktiven Konditionen refinanzieren“, so Heidbreder.

Hinzu kommt: Mittelständlern stehen heute andere Finanzierungsmöglichkeiten offen. Sie können etwa Schuldscheindarlehen ausgeben oder Private-Equity-Partner aufnehmen. Oder sich über die Ausgabe von Anleihen finanzieren. So haben es unter anderem der Süßwarenhersteller Katjes, der Likörproduzent Underberg und die Modefirma Seidensticker gemacht. Auch wenn diese Art der Kapitalbeschaffung nicht billig ist. „Die Differenzierung nach der Unternehmensgröße zeigt signifikante Unterschiede in der Entwicklung der Nominalverzinsung der emittierten Unternehmensanleihen“, stellt Benjamin Mohr, Chefvolkswirt der Creditreform Rating AG, fest. „Während der durchschnittliche Kupon mittelständischer Anleihen zwischen 2009 und 2013 in einer Spanne von 6 und 7,25 Prozent schwankte, ist die Höhe des Kupons der von Großunternehmen begebenen Anleihen spürbar gesunken – von durchschnittlich 5,25 Prozent in 2009 auf 2,875 Prozent im Jahr 2013.“ Diese Zinsversprechen wollen erst einmal verdient werden. Mancher hat das nicht geschafft. So haben in den vergangenen zwei Jahren eine Reihe von Emittenten Insolvenz anmelden müssen, darunter auch prominente Familienunternehmen wie der Nahrungsmittelhersteller Zamek.

Entscheidungsbefugnisse erhalten

Gleichwohl hat die Kapitalbeschaffung über Anleihen für viele Familienunternehmer vor allem einen Vorteil gegenüber der Emission von Aktien: Sie bleiben Herr im eigenen Haus, kein Externer redet ihnen rein. Sie müssen sich auch nicht gegenüber Analysten und Miteigentümern erklären. Und sie sind nicht einer so strengen Regulierung ausgesetzt, wie dies bei einer Aktiennotierung der Fall ist. Das betrifft beispielsweise die strengen Publizitätspflichten – ein Graus für viele Familienunternehmer, die es gewohnt sind, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Oder die gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote von mindestens 30 Prozent für Aufsichtsräte in börsennotierten AGs – sofern sie der Mitbestimmung unterliegen. „Für Familienunternehmen wäre dies der Zwang, den Aufsichtsrat mit familienfremden Personen und unabhängig von der Qualifikation nur nach Geschlecht zu besetzen“, meint Stiftungs-Geschäftsführer Heidbreder.

Und dann die Kosten. Mittelständler, die es gewohnt sind, mit spitzem Bleistift zu rechnen, müssen plötzlich Rechnungen in Millionenhöhe abzeichnen – für die Erstellung von Wertpapierprospekten, für Anwälte, Kommunikationsagenturen und Roadshows. „Das ist eine ganz andere Welt, in der sich Familienunternehmer klassischer Prägung einfach schwertun. Zumal sie nicht absehen können, was sie als Gegenleistung erhalten“, sagt der Inhaber eines großen mittelständischen Betriebs, der nicht genannt werden möchte. Sicher sei dagegen nur eins: Mit dem Börsengang gebe der Unternehmer ein Stück seiner Unabhängigkeit preis. Und das bleibe eine Überwindung: „Denn Unabhängigkeit ist der höchste Wert für Familienunternehmer.“

© Caiaimage – Getty Images

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