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Creditreform

Für Firmen mit Substanz sind Mittelstandsanleihen eine lukrative Kapitalquelle. Die wichtigsten Punkte, die bei der Emission zu beachten sind.

Dass es so schnell geht, hatte sich das Management der Neue ZWL Zahnradwerk Leipzig GmbH wohl nicht träumen lassen: Als der Produzent von Motoren- und Getriebeteilen für die Automobilindustrie am 17. Februar 2014 seine Unternehmensanleihe am Frankfurter Wertpapiermarkt platzierte, war das Papier schon um zehn Uhr mehrfach überzeichnet – elf Tage vor Ablauf der geplanten Frist. „Eine so schnelle Zeichnung ist schon außergewöhnlich“, meint Dr. Michael Munsch, Vorstand der Creditreform Rating AG. 25 Millionen Euro spülte die Emission in die Kasse des Betriebs, der 2012 rund 65,5 Millionen Euro Umsatz verbuchte. Mit dem Geld soll vor allem der Produktionsstandort China ausgebaut werden, aber auch die Umstrukturierung der Passivseite der Bilanz ist vorgesehen.

Das Leipziger Unternehmen ist mit seiner Emission der erste Mittelständler, der im Jahr 2014 mit einer Anleihe Kapital aufgenommen hat. Insgesamt haben die Mittelstandsbörsen wie der Entry Standard in Frankfurt oder der Bondm in Stuttgart zwischen 2010 und 2013 106 Anleihen emittiert. Die Firmen konnten auf diesem Weg ein Finanzierungsvolumen von rund 4,92 Milliarden Euro erzielen, wie die Creditreform Rating AG in ihrer aktuellen Analyse „Mittelständische Anleihemärkte in Deutschland – 2010-2013“ feststellte. Allerdings zählten die Neusser Bewertungsspezialisten auch zwölf Ausfälle, sieben davon allein im letzten Jahr. „Diese Finanzierungsvariante ist nicht für jedes Unternehmen ideal“, sagt denn auch Tilo Kraus, Head of Financial Markets bei der IKB Deutsche Industriebank AG in Düsseldorf.

Das Unternehmermagazin Creditreform hat wichtige Fragen und Antworten zur Mittelstandsanleihe zusammengetragen:

Für wen ist die Mittelstandsanleihe als Kapitalquelle geeignet?

Grundsätzlich ist die Emission von Mittelstandsanleihen für Firmen aller Größen und aller Branchen möglich, aber nicht für jedes Unternehmen geeignet. „Der Betrieb sollte so groß sein, dass eine Verschuldung in Höhe der Emission zu seiner Gesamtfinanzierungsstruktur passt und dass die im Prospekt angekündigten Zins- und Rückzahlungen über die gesamte Laufzeit hinweg aus dem Cashflow geleistet werden können“, sagt IKB-Experte Kraus. Sein Tipp: Der Umsatz sollte im Idealfall mindestens viermal so hoch sein wie die Emissionshöhe. Ein Blick auf die Creditreform-Rating-Analyse zeigt: Rund 25 Prozent der Emittenten in den Jahren 2010 bis 2013 wiesen eine Bilanzsumme von weniger als 43 Millionen Euro auf, nahezu jeder Dritte verbuchte eine Bilanzsumme zwischen 43 und 100 Millionen Euro.

Ab welchem Volumen ist es sinnvoll, eine Anleihe zu begeben?

Aufgrund der Dokumentationspflichten und der Emissionskosten sollten mindestens 10 bis 15 Millionen Euro angestrebt werden. „Die Erfahrung zeigt sogar, dass Investoren Anleihen bevorzugen, deren Volumen 20 Millionen Euro oder mehr beträgt, da diese Papiere so liquide sind, dass sie auch am Sekundärmarkt gehandelt werden können“, sagt Dr. Anne de Boer, Rechtsanwältin und Partnerin der Kanzlei GSK Stockmann + Kollegen, Stuttgart. Und in der Tat: Mehr als die Hälfte der Emissionen (57,5 Prozent) in den Jahren 2010 bis 2013 spülte zwischen 25 und 50 Millionen Euro in die Kassen der Mittelständler, so die Creditreform-Rating-Studie.

Welche Laufzeiten und Zinskonditionen sind üblich?

Mittelstandsanleihen weisen in der Regel Laufzeiten zwischen fünf und sieben Jahren auf. Laut Creditreform Rating betrug die durchschnittliche Kuponhöhe im letzten Jahr 7,5 Prozent – so wie beim Automobilzulieferer Neue Zahnradwerk Leipzig.

Welchen Einfluss hat der Minibonds auf die Firmenstruktur?

Firmen, die ein solches Papier begeben wollen, müssen weder ihre Rechtsform verändern noch gesellschaftsrechtliche Umstrukturierungen vornehmen. Es kommt auch nicht zu Neuerungen in der Beteiligungsstruktur oder der Stimmrechtsverhältnisse.

Welche Kosten sind mit der Emission verbunden?

Ein Prospekt will erstellt und genehmigt werden. Zudem müssen mögliche Investoren über das Unternehmen und sein Entwicklungspotenzial aufgeklärt sowie Anwälte und Berater hinzugezogen werden. „Bei einem Emissionsvolumen von 50 Millionen ist insgesamt mit Kosten von 3,5 bis vier Prozent dieser Summe zu rechnen“, sagt Tilo Kraus von der IKB. Sein Tipp: Vor der Emission sollte die Tragfähigkeit von Zins und Tilgung unter verschiedenen Annahmen evaluiert werden.

Wie wichtig ist ein Rating?

Es ist zwar nicht Pflicht, aber dringend zu empfehlen und wird von vielen Börsenplätzen auch verlangt. Die Anleihe der Neue Zahnradwerk Leipzig etwa hat das Creditreform-Rating BB- erhalten und belegt damit einen Platz im Mittelfeld des Bewertungsspektrums. „Das ist ein gutes Beispiel für ein typisch mittelständisches Unternehmen“, so Ratingexperte Munsch. Rechtsanwältin de Boer weiß: „Viele institutionelle Investoren setzen ein Rating voraus, verlangen teilweise sogar eine Ratingnote mit Investmentgrade BBB und besser, damit die Anleihe überhaupt für ein Engagement in Betracht gezogen wird.“ Neben den betriebswirtschaftlichen Kennzahlen sind dabei die rechtlichen und finanztechnischen Risiken, das Know-how des Managements, die Branche und die Sicherheiten Faktoren, die das Ergebnis beeinflussen. Das Rating sollte jährlich aktualisiert werden.

Ist eine Besicherung notwendig?

Im Unterschied zum Bankkredit oder zum Schuldscheindarlehen werden viele Minibonds ohne Sicherheiten begeben. De Boer: „Sie werden aber typischerweise bei Immobilien- und Projektanleihen gestellt, um die Anleger besserzustellen, das Rating zu verbessern und damit den Zinssatz zu senken.“

Welche Pflichten geht die Firma mit der Emission ein?

Wer eine Anleihe platziert, steht unter der Beobachtung institutioneller Investoren – und diese wollen stets auf dem Laufenden gehalten werden. Die Vorlage von Halbjahres- und Jahresabschlüssen ist Pflicht, zudem muss das Management über wesentliche Veränderungen zeitnah informieren. Ferner sollte eine Bank oder ein Brokerhaus damit beauftragt werden, die Käufe und Verkäufe am Sekundärmarkt abzuwickeln.

 

Die Creditreform-Rating-Analyse „Mittelständische Anleihemärkte in Deutschland – 2010-2013“ finden Sie in der Creditreform-App -oder schreiben Sie uns eine E-Mail an creditreform-service@corps-verlag.de (Betreff: Anleihen).