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Creditreform

Die befragten Volkswirte sind sich einig: Nach dem Miniwachstum 2013 gewinnt Deutschlands Konjunktur in diesem Jahr wieder deutlich an Fahrt. „Die Wirtschaft wartet auf den Startschuss für den Aufschwung“, sagt Dr. Andreas Bley, Chefvolkswirt beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Mehr noch: Das Wachstum dürfte 2014 „stärker ausfallen als im Trend der vergangenen Jahre“. Ein Plus von 1,8 Prozent beim preisbereinigten Bruttoinlandsprodukt (BIP) hält der Genossenschaftsbanker für möglich. Die Sparkassen sowie die staatseigene KfW Bankengruppe sind sogar noch optimistischer: Die Zeichen stünden – stimuliert auch von den niedrigen Zinsen – auf „Wachstum oberhalb des Produktionspotenzials“, sagt Dr. Holger Schulz vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Gemeinsam mit KfW-Chefvolkswirt Dr. Jörg Zeuner gibt er im Rahmen der 14. „Creditreform“-Bankenumfrage zum Jahresauftakt die höchste Wachstumsprognose im Teilnehmerumfeld ab: Zwei Prozent BIP-Steigerung halten beide Konjunkturforscher für realistisch (siehe Tabelle Seite 24). „Erstmals seit drei Jahren übertreffen wir damit wieder das Potenzialwachstum“, so Zeuner. Der Optimismus der Volkswirte basiert auf drei Prognosen: „Zum einen mehren sich die Anzeichen, dass die Unternehmen ihre seit einiger Zeit gehegte Investitionszurückhaltung allmählich aufgeben“, sagt Dr. Ralph Solveen von der Commerzbank.

Als zweite Säule des Aufschwungs hoffen die Umfrageteilnehmer auf eine erstarkende Binnennachfrage: „Angesichts weiter steigender Beschäftigung und höherer Löhne werden die privaten Konsumausgaben ebenfalls zulegen“, prognostiziert die HVB – UniCredit. KfW-Chefvolkswirt Zeuner sieht dies, zusammen mit weiter niedrigen Zinsen und Inflationsraten, als „Zutaten für die schon seit geraumer Zeit soliden Wachstumsbeiträge der Binnennachfrage“. Zumal Deutschland, anders als viele andere Euro-Länder, „keine Ungleichgewichte am Immobilien- und Arbeitsmarkt sowie bei der privaten und öffentlichen Verschuldung“ aufweise, ergänzt Commerzbanker Solveen.

Apropos Euro-Land: Selbst im krisengebeutelten Südeuropa machen die Konjunkturexperten inzwischen „ein verbessertes Umfeld“ aus: „Die Problemländer sind ihre strukturellen Defizite angegangen und haben Fortschritte beim Abbau des Leistungsbilanzdefizits und bei der Wettbewerbsfähigkeit erzielt“, sagt Dr. Carolin Vogt von der IKB Deutsche Industriebank. Einige dürften 2014 bereits einen Leistungsbilanzüberschuss erzielen. Die IKB-Volkswirtin erwartet nun einen „Wiederanstieg des privaten Verbrauchs und der Investitionen“. Die Sorge um einen Zerfall der Euro-Zone, „die ihren Höhepunkt im Juli 2012 hatte“, habe sich inzwischen „deutlich gelegt“. Alles in allem sei für den Euro-Raum 2014 „eine Erholung, aber kein markanter Aufschwung in Sicht“, relativiert Alexander Wüerst, Chef der Kreissparkasse Köln und Landesobmann der rheinischen Sparkassen. Die Krisenländer kämen mit unterschiedlichem Tempo bei der Bewältigung ihrer zahlreichen Strukturprobleme voran, der Weg zur alten Stärke sei noch lang. Dennoch sollte die deutsche Wirtschaft von der „nachlassenden Unsicherheit in Bezug auf die Schuldenkrise“ so viel profitieren können, dass die erwähnten günstigen Rahmenbedingungen in der Binnenwirtschaft 2014 wieder verstärkt zum Tragen kommen – bedingt durch eine wieder erstarkende Weltwirtschaft insgesamt. „Kräftiges Wachstum in den USA und China sowie Verbesserungen in den Schwellenländern dürften zur Erholung des deutschen Exports führen“, erwartet Stefan Schneider von Deutsche Bank Research, der bei der 14. Ausgabe unserer Umfrage erstmals auch die Volkswirte der Postbank nach deren Übernahme durch die Deutsche Bank mit vertritt.

Und die Risiken? „Aktuell ist die größte Gefahr, dass sich die politischen Akteure zurücklehnen, statt den Reformkurs entschlossen fortzuführen“, sagt BVR-Chefvolkswirt Bley. Die Reformagenda zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit sei in den geschwächten Euro-Ländern „noch lange nicht abgearbeitet“ – und auch hierzulande drohe „ein Rückfall in Selbstgefälligkeit“ sowie eine Schwächung der Wirtschaftskraft durch „fehlgeleitete Wirtschaftspolitik“, ergänzt er mit Blick auf den jüngst beschlossenen Mindestlohn. „Aber auch die USA könnten zum globalen Konjunkturrisiko werden, falls der Streit zwischen Demokraten und Republikanern um den Staatshaushalt und die Sozialpolitik nicht endlich beigelegt wird oder sogar weiter eskaliert“, mahnt KfW-Experte Zeuner. Das Leitzinsniveau dürfte also extrem niedrig bleiben – „für Deutschland viel zu niedrig“, wie Commerzbanker Solveen betont. Investoren müssten weiter auf längere Laufzeiten oder schwächere Bonitäten ausweichen, um negative Realrenditen zu vermeiden (mehr zum Anlageverhalten im Mittelstand unter creditreform-magazin.de/anlageverhalten). „Niedrigzinspolitik und geringe Preisentwicklung werden den Auftrieb der Renditen bis weit ins Jahr hinein bremsen“, erwartet auch der Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB).

Allerdings: Inflationsdruck erwarten die Umfrageteilnehmer für 2014 nicht. Noch nicht, sollte man vorsichtshalber formulieren – denn „langfristig“ werde sich die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank sehr wohl in höheren Inflationsraten niederschlagen, heißt es aus der Commerzbank. „Grund dazu geben die von der Krise verwundeten institutionellen Rahmenbedingungen, die geschaffene Zentralbank-Liquidität und die Staatsverschuldung“, stimmt Sparkassen-Volkswirt Schulz zu. IKB-Expertin Vogt erwartet 2014 noch keine hohe Güterpreisinflation: „Hierzu müsste die Konjunktur überaus positiv verlaufen, damit eine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt.“ Sie beobachtet sehr wohl aber eine „inflationäre Entwicklung an den Finanzmärkten“ und dort sogar „Ansätze von Blasenbildungen“. Die „überreichliche Liquiditätsausstattung“ komme im privaten Sektor nicht an, sagt auch Kreissparkassen-Chef Wüerst. Jedoch dürfte die Teuerungsrate 2014 hierzulande höher ausfallen als im Rest der Euro-Zone, da sind sich die befragten Konjunkturexperten weitestgehend einig – unter anderem wegen des Fachkräftemangels und der damit verbundenen Lohnerhöhungsspielräume, wie BVR-Chefvolkswirt Bley begründet. Das in der zweiten Jahreshälfte 2013 durch die Medien geisternde Schreckgespenst „Deflation“ haben unsere Umfrageteilnehmer übrigens noch nicht gesichtet – höchstens in den Euro-Krisenländern durch „rückläufige Kreditvergabe“ (IKB) und „fortgesetzte Deleveragings“ (DSGV). So bereitet DS-GV-Volkswirt Schulz beispielsweise die im Herbst 2013 festgestellte sehr niedrige Preissteigerungsrate in Südeuropa Kopfschmerzen. Langfristig seien „inflationäre Sorgen“ aber wahrscheinlicher.

Aussagen zur Kreditvergabe hierzulande interessieren deutsche Unternehmer besonders – gerade mit Blick auf das Regulierungswerk von Basel III, dessen erste Stufen dieses Jahr zünden (mehr auf creditreform-magazin.de/basel3). Nicht alle Statements beruhigen: „Der Zugang zu Liquidität kann für einige Unternehmen schwieriger und teurer werden, besonders im mittel- und langfristigen Bereich“, warnt etwa Lutz Diederichs, Vorstand der Unternehmer Bank bei der HypoVereinsbank. „Die Kreditvergabe wird möglicherweise stärker an die Unternehmensbonität gekoppelt.“ Basel III könnte „in der Tat tendenziell zu höheren internen Kosten bei Banken“ führen, sagt auch Commerzbanker Solveen und nennt als Beispiele „regulatorischer Aufwand, Kapitalunterlegungskosten und Risikokosten“. Allerdings seien die „Preisüberwälzungsspielräume“ an die Kunden begrenzt. Deutsche-Bank-Experte Schneider sieht das ähnlich: Die Wettbewerbsintensität, etwa durch Auslandsbanken, sei hoch und das Kundensegment „Mittelstandskunden“ begehrt, „sodass die Konditionen für Unternehmen attraktiv bleiben sollten“. Das Zinsumfeld dürfte laut DB Research unverändert bleiben – und mit ihm die „rekordniedrigen Kreditkosten für Unternehmen“. Aktuell lägen diese bei drei Prozent für Neukredite mit Volumina von weniger als einer Million Euro, rechnet Stefan Schneider vor und nennt zum Vergleich „mehr als sechs Prozent“ Ende 2008. „Auch wenn sich Unternehmen mit höheren Transparenzerfordernissen konfrontiert sehen, werden sie auch im Kreditgeschäft umworbene Bankkunden bleiben“, heißt es aus der Commerzbank.

Um die Gefahr einer Kreditklemme nicht nur von Banken kommentieren zu lassen, wurden flankierend zur Bankenumfrage auch bankunabhängige Experten um ihre Einschätzung gebeten: „Derzeit ist tatsächlich kein Engpass in Sicht“, beruhigt Frank Wallau, Professor für Mittelstandspolitik an der Fachhochschule der Wirtschaft Paderborn/Bielefeld. Zwar werfe Basel III seine Schatten voraus – doch die Unternehmen hätten ihre Hausaufgaben gemacht und etwa eine deutlich höhere Eigenkapitalquote aufgebaut. „Die Kreditinstitute werden in unterschiedlicher Weise auf Basel III reagieren – mit der Tendenz, mögliche Risiken aus Kreditanfragen noch stärker in den Blick zu nehmen“, befürchtet indes Carl-Dietrich Sander, Vorstand im Verband „Die KMU-Berater“. Diese Unterschiedlichkeit werde abhängen von der jeweiligen Basel-III-Betroffenheit – „erfüllt eine Bank oder Sparkasse schon heute die Eigenkapitalanforderungen aus Basel III oder muss sie noch – und wenn ja in welchem Umfang – zusätzliches Eigenkapital aufbauen?“ -, der eigenen Eigenkapitalstärke (stille Reserven) sowie der persönlichen Risikoneigung der obersten Führungsebene. „Daher werden negative Wirkungen auch nicht in der gesamten Volkswirtschaft, sondern vermutlich eher regional bei den kleinen Firmen und dem Mittelstand ankommen“, vermutet Sander. Ähnlich äußert sich auch sein Verbandskollege Georg Gerdes, der bereits jetzt eine restriktivere Kreditvergabepolitik bei den Instituten beobachtet: Die Liquidität im Markt sei ohne Zweifel vorhanden – aber die Bereitschaft, Risiken mitzutragen, nehme bei den Banken rapide ab: „Die Anforderungen an mittelständische Unternehmen, insbesondere bei der Sicherheitenbereitstellung, steigen.“

Die meisten befragten Banker raten wie erwartet zum offenen Dialog mit dem Firmenkundenberater. „Im gemeinsamen Gespräch gilt es, aus den individuellen Anforderungen und Bedürfnissen eine einzelfallbezogene Finanzierungsstrategie zu entwickeln“, sagt Alexander Wüerst. Zudem sollten Marktveränderungen wie kürzere Produktlebenszyklen oder fortschreitendes Wachstum des Versandhandels laufend beobachtet und ein sich hieraus abzeichnender Anpassungsbedarf am eigenen Wertstellungsprozess – gemeinsam mit der Hausbank – in die Finanzierungsstrategie integriert werden. „Grundsätzlich sollten auch anfallende Ersatzinvestitionen nicht zurückgestellt, sondern umgesetzt werden, um auch in Zukunft mit dem technologischen Fortschritt mitzuhalten“, so Wüerst. Derweil raten Zeuner von der KfW und Vogt von der IKB unisono zur Pflege der Eigenkapitalstruktur. Die Deutsche Bank appelliert zudem, die Finanzierungsstruktur weiter zu differenzieren und sich Zugang zum Kapitalmarkt zu verschaffen. Und die Commerzbank bringt mit Blick auf das niedrige Zinsniveau Forward-Darlehen für Neufinanzierungen und Prolongationen ins Gespräch, um die Kreditkosten zu drücken. „Aus kaufmännischer Vorsicht sind ein ausgewogener Finanzierungsmix mit angemessener Eigenkapitalausstattung sowie die Einbeziehung öffentlicher Fördermittel anzuraten“, sagt Solveen. „Neben Schuldscheindarlehen sind die derzeit historisch günstigen Fördermittel tatsächlich eine gute Wahl“, stimmt auch Diederichs von der HypoVereinsbank zu. Er sieht sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene „sehr interessante Programme“ für die mittelständischen Betriebe.

„Alternative Finanzierungsinstrumente werden zwar immer häufiger genannt, sind für die Mehrheit der Mittelständler aber noch wenig von Interesse“, sagt Prof. Wallau mit Blick auf die Ergebnisse des frisch veröffentlichten BDI-Mittelstandspanels. „Finanzierung im kleineren Mittelstand – das sind vor allem Eigenmittel und Bankkredite, ergänzt um Leasing.“ Die Volksund Raiffeisenbanken rechnen derweil damit, dass das Firmenkreditvolumen über alle Bankengruppen hinweg bis Jahresende um drei Prozent ansteigt, um die eingangs angesprochene Investitionsoffensive zu finanzieren. Der Startschuss für den Aufschwung wäre dann längst gefallen.

Ingo Schenk

Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe, über die Wachstumsperspektiven der deutschen Wirtschaft für 2014 und die Finanzierungsbedingungen im Mittelstand.

Herr Dr. Zeuner, wie charakterisieren Sie den Zustand der deutschen Volkswirtschaft zum Jahreswechsel?

Als durchaus gut: Die Auslastung der Industriekapazitäten bewegt sich seit Sommer 2013 wieder in der Nähe des langfristigen Durchschnitts, die Arbeitslosenquote tendiert auf niedrigem Niveau seitwärts, die Erwerbstätigkeit ist historisch hoch und zieht, auch dank arbeitsmarktgetriebener Zuwanderung aus Europa, weiter an. Die Reallöhne steigen, gleichzeitig bleiben Zinsen und Inflationsrate niedrig. Das sind die Zutaten für die schon seit geraumer Zeit soliden Wachstumsbeiträge der Binnennachfrage, besonders von Konsum und Wohnbauten. Daran wird sich auch in diesem Jahr nichts Grundlegendes ändern.

Hinzu kommt nun aber eine Aufhellung des internationalen Umfeldes, wie es sich bereits in trendmäßig steigenden Stimmungsindikatoren und anziehenden Auftragseingängen andeutet.

Es ist aber doch nicht alles eitel Sonnenschein. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Risiken?

Das größte Risiko liegt in einem unerwarteten, aber noch immer möglichen Rückschlag in Europa, wo die weitere Erholung etwa von Finanzierungsengpässen in den gestressten Ländern gebremst werden könnte. Aber auch die USA könnten zum globalen Konjunkturrisiko werden, falls der tiefgreifende Streit zwischen Demokraten und Republikanern um den Staatshaushalt und die Sozialpolitik 2014 nicht endlich beigelegt wird oder er sogar noch weiter eskaliert.

Die Staatsschuldenkrise, die Antworten der Politik darauf sowie die Umsetzung von Basel III führen zu Kreditsorgen unter Unternehmern. Zu Unrecht?

Der Zugang zu Krediten bleibt für den Mittelstand auch mit Basel III erhalten. Die momentan historisch guten Konditionen für Bankkredite an Mittelständler könnten sich durch Basel III leicht verschlechtern, was in diesem Fall vor allem die schwächeren Bonitäten zu spüren bekommen würden. In jedem Fall erwarten wir, dass das historisch niedrige Zinsniveau noch einige Zeit erhalten bleibt. Derzeit ist auch die Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe sehr hoch – gemessen unter anderem an der ifo-Kredithürde. Das sollte noch einige Zeit so bleiben. Die Konkurrenz im Markt insbesondere für Kreditfinanzierungen an kleinere und mittlere Unternehmen hat in den vergangenen Jahren zugenommen, was sich meiner Meinung nach ebenfalls positiv auf den Kreditzugang der Unternehmen auswirken dürfte.

Welche Empfehlungen geben Sie Unternehmern denn mit auf den Weg für ihre Finanzierungsstrategie in diesem Jahr?

Die Unternehmen sollten in jedem Fall frühzeitig den offenen Dialog mit ihrer Hausbank suchen. Außerdem müssen besonders die sehr kleinen KMU weiter an sich arbeiten und zum Beispiel ihr Eigenkapital weiter ausbauen, während die größeren KMU ihre im letzten Jahrzehnt aufgebaute Eigenkapitalquote – im Schnitt immerhin 30 Prozent – erhalten sollten.

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