Das Unternehmermagazin aus der Handelsblatt Media Group

Creditreform

© Getty Images

Die Corona-Pandemie hat unsere Umgangsformen verändert. Ein Handschlag bedeutet Risiko statt Vertrauen. Aber Begrüßungsformen sind auch in der internationalen Geschäftswelt wandelbar.

 

Angesprochen auf den Brauch des Händeschüttelns warnt der US-amerikanische Virologe Anthony Fauci: „Ich gehe nicht davon aus, dass wir uns wieder die Hände geben sollten.“

Dieser aus medizinischer Sicht sicherlich sinnvolle Rat fordert die europäische Kultur heraus. Der Handschlag ist eine Selbstverständlichkeit.

In Frankreich wird Personen die Einbürgerung verweigert, wenn sie den Beamten nicht die Hand reichen. Genauso dürfen sich Paare in Brüssel nicht trauen lassen, sollten sie sich nicht per Handschlag vom Standesbeamten gratulieren lassen.

In der Schweiz verkündete die Schulbehörde: „Lehrer haben das Recht, einen Handschlag zu verlangen.“

Äußerlich ist er eine Begrüßung unter vielen. Er unterscheidet sich nicht grundlegend von einem Lächeln, Winken oder Luftküssen. Doch kulturell ist er in der westlichen Gesellschaft unerlässlich.

Der Handschlag ist genauso eine einfache Geste bei der ersten Begegnung zweier Personen, wie er einen Milliarden-Deal zwischen Geschäftspartnern besiegelt.

Ursprünglich stammt er aus dem Mittelalter und signalisierte friedliche Absichten. Er zeigt, dass die Hände frei von Waffen sind.

Die Tatsache, dass er auf einer jahrtausendealten Tradition basiert, legt bereits nahe, dass der Handschlag nicht so einfach zu ersetzen ist. Im Geschäftsleben sei er geradezu erfolgsrelevant und entscheide über die Zusammenarbeit, heißt es nicht nur bei Vertriebstrainings.

 

Händedruck: Geste mit symbolischem Wert

Dabei muss er natürlich richtig sein, nicht zu schlaff und feucht, nicht zu grenzüberschreitend wie bei Donald Trump. Perfekt ist ein trockener, warmer Händedruck, fest, aber keinesfalls zu fest, und mit kurzem Blickkontakt.

Studien belegen, dass ein als angenehm empfundener Händedruck den gleichen Teil des Gehirns aktiviert wie die Erfahrung eines guten Essens, Trinkens oder sogar von Sex. Letztlich geht es aber um den symbolischen Wert.

Wir gehen ehrlich und vertrauensvoll miteinander um. Und mehr noch: Ich stehe zu meinem Wort.

Denn der Handschlag dient nicht nur der Begrüßung und Verabschiedung. Er besiegelt Verträge noch vor der tatsächlichen Unterschrift.

 

Viren übertragen beim Hände schütteln

Doch Corona hat die Gesellschaft verändert. Der gemeinsame Nenner bei einer Begegnung ist nicht mehr Waffenverzicht, sondern die Vermeidung von Keimen.

Wie schwer es uns fällt, trotz des Erkennens der Gefahr vom Händedruck zu lassen, zeigen Beispiele aus der Vergangenheit. Zur Zeit der Spanischen Grippe warnte das „American Journal of Nursing“ davor, dass das Händeschütteln hauptverantwortlich für die Übertragung von Bakterien sei.

Damals empfahlen Ärzte, sich dem „chinesischen Brauch anzupassen, die eigenen, aber niemals fremde Hände bei der Begrüßung zu drücken“. In einem späteren Artikel hieß es jedoch, dass dieser Rat völlig verpufft sei.

Wenige Jahre vor der Corona-Zeit hat ein Krankenhaus der kalifornischen Universität UCLA aufwendig „handshake“-freie Zonen eingerichtet.

Nach sechs Monaten ließ die Klinikleitung entsprechende Schilder wieder entfernen, da sich weder Mitarbeiter noch Patienten trotz Erinnerung, Schulungen und Verwarnungen daran hielten.

 

Vetrauen von Geschäftspartnern gewinnen

Dabei gibt es weltweit genug Begrüßungsformen, die Übertragungen vermeiden. Eine der bekanntesten ist der hinduistische Namaste-Gruß. Dabei werden die Hände gefaltet und zur Brust geführt.

In Samoa heben Personen die Augenbrauen zur Begrüßung. In muslimischen Ländern ist eine Hand über das eigene Herz gelegt eine respektvolle Art, jemanden zu begrüßen, den man nicht zu berühren gewohnt ist.

Das einfache Verbeugen, das besonders in der asiatischen Welt verbreitet ist, soll dafür verantwortlich sein, dass es in Thailand verhältnismäßig wenig Corona-Fälle gab.

Jedoch fehlt dabei etwas Entscheidendes für den Westen: die Kombination von Berührung und Blickkontakt. Beim Verbeugen schauen die Gesprächspartner nach unten.

„Allein die Tatsache, dass die einzig bekanntere Alternative der Ellenbogenstoß ist, zeigt, wie wichtig Berührungen sind“

Cristine Legare, University of Texas

Körperlicher Kontakt entscheidend

In Europa heißt es aber, dass Menschen, die einem nicht in die Augen blicken, etwas scheuen. Der Moment der körperlichen Berührung und das Blicken in die Augen lösen beim Gesprächspartner das Gefühl von Vertrauen oder eben Misstrauen aus.

Auch darum kommen westliche Gesellschaften bei Alternativen zum Händeschütteln bislang nicht um körperlichen Kontakt herum.

„Allein die Tatsache, dass die einzig bekanntere Alternative der Ellenbogenstoß ist, zeigt, wie wichtig Berührungen sind“, sagt Cristine Legare, Psychologieprofessorin an der University of Texas. „Diese physische Verbindung wollen wir nicht verlieren.“

 

Alternative Ellenbogenstoß?

Der Ellenbogenstoß kam während der Ebola-Pandemie als mögliche Alternative zum Händedruck auf und wurde zu Corona-Zeiten wieder aufgegriffen. Dabei stoßen zwei Personen ihre gebeugten Ellenbogen gegeneinander. Inwieweit sich dieser Gruß durchsetzen konnte und Potenzial für die Zukunft hat, wird unterschiedlich interpretiert.

„Aus kultureller Sicht erstaunlich war, wie schnell der Handschlag zum Beispiel durch den Ellenbogen ersetzt werden konnte“, sagt beispielsweise Katarina Lerch, Leiterin der Abteilung Interkulturelles Training bei den Carl Duisberg Centren, einem Dienstleistungsunternehmen auf dem Gebiet der internationalen Bildung und Qualifizierung.

„Es zeigt, dass auch kultureller Wandel ganz schnell gehen kann, wenn die Umstände es erfordern.“

Gleichzeitig wirken aber Bilder von Politikern und Sportlern, die sich am Ellenbogenstoß ausprobieren, mitunter belustigend. Und dies nicht ohne Grund, so Steven Pinker, Psychologieprofessor an der Harvard University.

 

Kein Handschlag? Verstoß gegen Höflichkeitsformen

Denn es schwinge bei derartigen Alternativen immer das Wissen darüber mit, dass sie gegen die eigentlich geltenden Normen und Höflichkeitsformen verstoßen.

Überhaupt zeige der Ellenbogenstoß, dass es zwar andere Formen gebe, diese aber keineswegs unproblematisch seien, sagt Pinker. Virensensiblere Personen niesen sich ohnehin in die Armbeuge statt in die Handflächen.

In Kindergärten und Schulen steht das Niesen in den Ellenbogen bereits auf dem Hygiene-Lehrplan. Wenn wir die Ellenbogen gegeneinander hauen, kommen wir den Viren mitunter näher als durch den Handschlag.

Hinzu kommt der symbolische Wert. Während das Schütteln der Hände etwas Einendes ist, zeugt der Ellenbogen von Rivalität.

Mit ihm setzen wir uns gegen Konkurrenten durch, er deutet auf Kraft und Konfrontation. Eine weitere Alternative bei Deutschen und US-Amerikanern ist der von Barack Obama salonfähig gemachte Faustgruß.

Dabei stoßen zwei Personen die Fäuste aufeinander. Das wirkt bei Obama cool, ist für den Geschäftsalltag aber eher unpassend.

Genauso unpassend wirken die bei Jugendlichen beliebten Fußchecks, also das Aneinanderhauen der Füße.

 

Handschlag als größtmögliche emotionale Entlastung

Händeschütteln signalisiert, dass der anderen Person so sehr vertraut wird, dass auch das Risiko eingegangen wird, Keime mit ihr zu teilen, so die Verhaltensforscherin Val Curtis von der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

Das sei der Hauptgrund, warum es gerade in der Geschäftswelt nicht wegzudenken ist. Nicht ohne Grund schüttelt allein der US-Präsident in keimfreien Zeiten schätzungsweise 65.000 Personen pro Jahr die Hand.

Psychologin Legare ergänzt – und das ist die Ironie zu Covid-19-Zeiten –, dass Menschen gerade in stressigen Zeiten von Berührung abhängig sind. Verhandlungen sind emotional anstrengend.

Auch wenn es psychologisch gesehen die entlastendste Handlung wäre: Geschäftspartner fallen sich in der Regel nicht in die Arme. Der Handschlag aber wird als größtmögliche emotionale Entlastung empfunden.

 

Bisher galt: Handschlag ist Ehrensache

Bestes Beispiel ist die Reaktion des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte auf der Pressekonferenz zu den holländischen Corona-Schutzmaßnahmen. „Man kann einen Fußkuss machen, Ellenbogen aneinanderstoßen, machen Sie, was Sie wollen“, erklärt er zunächst.

Nach seiner Ansprache rennt er jedoch sichtlich erleichtert auf Jaap van Dissel, den Leiter des niederländischen Zentrums für die Kontrolle von Infektionskrankheiten, zu, um ihm die Hände zu schütteln. Dieser lacht und sagt: „Genau dies geht gerade nicht.“

Das eigene intuitive Verhalten abzustellen, ist schwer. Gerade weil bislang galt: Der Handschlag ist Ehrensache, ihn zu verweigern eine Beleidigung.

Lassen wir aber die Intuition beiseite, würde heute fast jeder zustimmen, dass wir ihn verweigern dürfen, ohne dass das Gegenüber dies verurteilen darf. Die Zurückhaltung zeugt von gesundheitlicher (Für-)Sorge.

Was also tun? Generell hilft es, von der Verabschiedung her zu denken.

 

Neue Verabschiedunggsformel: „Bleiben Sie gesund“

Denn auch wenn die Frage nach der Begrüßung verunsichert, hat sich in der westlichen Welt durch Corona eine neue Verabschiedungsformel durchgesetzt. Statt „Mit freundlichen Grüßen“ heißt es jetzt sehr oft „Bleiben Sie gesund“.

Und tatsächlich klingt der Subtext „Ich möchte, dass du gesund bleibst“ bei einer wie auch immer aussehenden Begrüßung deutlich sympathischer als „Ich bin unbewaffnet“.