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Creditreform
Porträt von Rüdiger Striemer

© TH Wildau

Zu komplex, zu unsicher, schlichtweg beängstigend. So nehmen nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Führungskräfte und Unternehmer die Corona-Krise mitunter wahr. Wie sehr diese Angst lähmen kann, weiß Rüdiger Striemer. Der frühere Co-Vorstandsvorsitzende des IT-Dienstleisters Adesso leidet unter einer Angststörung und hat ein Buch darüber geschrieben. Im Gespräch beschreibt er Wege aus der Panik.

 

Herr Striemer, wie kommt es, dass ein Topmanager wie Sie mit dem Thema einer psychischen Erkrankung an die Öffentlichkeit geht?

Die ersten Symptome meiner Angststörung waren körperlicher Art: Sie begann mit Schwindel und  Kopfdruck. Ohne zu wissen, dass ich gerade eine Angststörung aufbaue, bin ich sofort sehr offen mit der Situation umgegangen und habe im beruflichen und im privaten Umfeld kommuniziert: Mir geht es nicht gut.

 

Was geschah dann?

Das Tückische an einer Angststörung ist, dass sie sich nicht direkt in Panikattacken zeigt – sonst wäre sie leicht zu diagnostizieren. Ich habe mich anfangs von meiner Hausärztin untersuchen lassen, die körperliche Ursachen ausschloss.

Angst ist additiv, wenn man keine Phasen hat, in denen sie abgebaut wird, geht sie nicht mehr weg. Aus einer anfänglichen inneren Unruhe wurde eine so große Furcht, dass ich meine Wohnung nicht mehr verließ und meine Nachbarn mich versorgten.

 

Danach gingen Sie in eine psychosomatische Klinik …

Ja, ich verbrachte dort acht Wochen. Meine Hausärztin hatte die Angststörung bereits diagnostiziert und mir dazu geraten. Während ich noch überlegte, hatte ich eine besonders schlimme Panikattacke – mit Herzrasen und einem Puls gefühlt bei 180 lag ich schweißnass und zitternd in meinem Bett.

Meine Nachbarn riefen den Notarzt, der gab mir erst mal eine Valium. Da wurde mir klar: So geht es nicht weiter, ich muss das machen.

 

Gab es bei Ihnen damals einen Auslöser?

Ja. Als sich meine Angststörung erstmals im Jahr 2011 bemerkbar machte, expandierten wir stark. Das Unternehmen wuchs von 50 auf über 3.000 Mitarbeiter.

Mit dem daraus resultierenden Kon­trollverlust konnte ich nicht umgehen – ich bin immer dagegen angerannt, bis es nicht mehr ging. Jetzt habe ich ein besseres Gefühl, wann ich etwas akzeptieren muss, und wehre mich nicht mehr so stark dagegen.

 

Was haben Sie während des Klinikaufenthalts für sich und über sich gelernt?

Zunächst einmal: Es war schön, an einem Ort zu sein, wo ich wusste, hier geht es ausschließlich darum, dass es mir wieder besser geht. Zu lernen, ich stehe im Mittelpunkt meines Lebens.

Ich begann zu meditieren und merkte, dass mir kleine Auszeiten guttun, in denen ich mich frage, ob in meinem Leben gerade alles passt und wo ich nicht zufrieden bin. Außerdem habe ich gelernt, dass mir regelmäßige Waldspaziergänge helfen – ebenso Bewegung an sich.

Eine weitere Lehre war, zu akzeptieren, ich habe diese Krankheit. Das fällt vielen schwer, was schade ist, denn sie ist gut therapierbar.

 

Gab es Zeiten, in denen Sie Ihre Krankheit als Schwäche gesehen haben?

Nein, deshalb fiel es mir immer leicht, darüber zu reden. Ich kann schließlich nichts dafür – jemand, der viel raucht und keinen Sport treibt, ist mehr verantwortlich für seine Krebserkrankung als ich für meine Angststörung.

Natürlich habe ich damit gerechnet, nie wieder in meinen Job zurückzugehen. Es hat aber geklappt – ich habe mich langsam wieder eingewöhnt und drei Jahre lang weiter als Co-Vorstandsvorsitzender gearbeitet.

Erst dann hatte ich das Gefühl, ich möchte einen Schritt zurücktreten, das ist nicht der Job, den ich bis zur Rente machen will. Heute bin ich als CMO und Leiter International Business eine Ebene unter dem Vorstand angesiedelt.

Und wie kam es zu dem Buch?

Als ich aus der Klinik zurückkam, hatten meine Mitarbeiter viele Fragen. Ich bot an, einen Vortrag über meine Angststörung zu halten – das Interesse war so groß, dass aus den geplanten 45 Minuten zweieinhalb Stunden wurden.

Hinterher sagten sie „Das musst du aufschreiben“. Das erste Kapitel habe ich im Hotel während einer Geschäftsreise geschrieben. Danach lief es wie von selbst.

Von der Chefetage in die Psychiatrie und wieder zurück

Rüdiger Striemer wurde 1968 in Bochum geboren und ist promovierter Informatiker. Er arbeitet seit 1999 bei dem mittelständischen Softwarehersteller Adesso, von 2001 bis 2015 war er Vorstandsmitglied. Während dieser Zeit begab er sich aufgrund einer Angststörung in eine psychosomatische Klinik und kehrte danach wieder in seinen Job zurück. In seinem Buch „Raus – Mein Weg von der Chefetage in die Psychiatrie und wieder zurück“ schildert er seine Erfahrungen. Interessiert? Hier verlost die Redaktion verlost drei Exemplare.

Reagierte Ihr Umfeld immer so begeistert?

Nein. Einer meiner Freunde fragte mich „Wie kannst du über so etwas schreiben?“. Später erfuhr ich, dass er selbst unter Depressionen litt, aber sich nicht traute, zum Arzt zu gehen. Er fing an zu trinken und ist im letzten Jahr an den Folgen gestorben.

 

Nicht jeder, der es momentan mit der Angst zu tun bekommt, leidet unter einer Angststörung. Wo liegt für Sie der Unterschied?

Eine Angststörung ist pathologisch, man bekommt einen psy­chiatrischen Befund. Sie ähnelt Depression und Sucht und äußert sich darin, dass es kein konkretes Objekt der Angst gibt. Die Angst hat sich generalisiert, der Körper stößt die ganze Zeit Adrenalin aus. Das ist sehr anstrengend.

 

Sie sprachen von Kontrollverlust und dessen Akzeptanz und sind überzeugt: Beides spielt auch in der Corona-Krise eine wichtige Rolle.

Ja, es handelt sich hier um einen gesellschaftlichen Kontrollverlust – der dem, den ich erlebt habe, wahrscheinlich sehr nahekommt. Mich persönlich belastet Corona nicht so stark, unser Geschäft wächst sogar und ich gehe weiter ins Büro.

Für Manager von anderen Unternehmen, deren Geschäft jedoch eingebrochen ist, dürfte der Kontrollverlust sehr persönlich sein – ähnlich dem, den ich erlebt habe, als ich in die Klinik ging.

Was würden Sie an deren Stelle tun?

Momentan sind Bürger und Unternehmer der Pandemie und ihren Folgen ausgeliefert. Viele fühlen Ohnmacht in dieser Situation und Ohnmacht führt zu Angst. Mir hilft es, Situationen, die diese Gefühle in mir verursachen, zu akzeptieren und nicht zu sehr zu jammern.

Auch der Austausch mit anderen Unternehmen meiner Branche würde mir guttun. Momentan sitzt man mit seinen Wettbewerbern im selben Boot.

Wenn man da nicht in der Lage ist, offen zu sprechen, wird die Last nur noch größer: Wenn ich jetzt herumlaufen muss und so tue, als sei alles in Ordnung, baut sich eine kognitive Dissonanz auf. Bricht man sie auf, wird das Leben wieder ein Stück einfacher.

 

Und wenn das nicht genügt?

Ich komme persönlich schneller „runter“, wenn ich meditiere. Ich habe das in der Klinik trainiert, und selbst wenn ich es eine Weile nicht praktiziere, kann ich dort anknüpfen, wo ich aufgehört habe.

Außerdem hilft es mir, Interessen wieder auszugraben, die der Job nicht bedient – Bücher lesen, und selber schreiben. Im vergangenen Jahr habe ich mein eigenes Haus entworfen und gebaut.

Mir geht es besser, wenn ich Eindimensionalität – und somit die Konzentration auf den einen Bereich, der gerade nicht läuft – vermeide.

 

Sie kennen sich nicht nur mit Angst bestens aus, sondern wissen auch um den Umgang mit Komplexität und Unsicherheit …

Ich lehre Wirtschaftsinformatik an der Technischen Hochschule Wildau. Dort halte ich Vorlesungen vor Wirtschaftsinformatikern zu dem Thema und bringe ihnen bei, dass der regelmäßige Wechsel zwischen der Betrachtung des Großen und Ganzen und des Einzelproblems im Umgang mit Komplexität und Unsicherheit hilft.

Ebenso der Wechsel zwischen fokussiertem Arbeiten und Gelassenheit – nur so entstehen kreative Problemlösungen.

 

Wie geht es Ihnen aktuell?

Gut. Meine Krankheit ist nicht geheilt, aber therapiert. Das bedeutet, ich habe zwar keine Symptome, rezidiv kann sie aber wieder auftreten. Heute merke ich sehr früh, wenn der Schwindel ab und zu kommt – eine gewisse Selbstwahrnehmung habe ich auch in der Therapie gelernt – und kann entgegenwirken.