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In Deutschland sind jedes Jahr rund 5,3 Millionen Erwachsene an einer Depression erkrankt. Wird die Erkrankung als solche erkannt, lässt sie sich – trotz ihrer Schwere – gut behandeln, weiß Psychiater Ulrich Hegerl. Im Interview erklärt er, was ­Arbeitgeber für betroffene Mitarbeiter tun können.

 

Psychische Erkrankungen sind inzwischen der zweithäufigste Grund für Krankschreibungen. Warum werden sie in der gesellschaftlichen Wahrnehmung aber immer noch nicht genauso ernst genommen wie physische Erkrankungen?

Von Laien, aber auch unerfahrenen Ärzten und Psychologen werden Depressionen vor allem als Reaktion auf die Bitternisse des Lebens aufgefasst, und nicht als eigenständige Erkrankung, die sie in Wirklichkeit sind.

 

Allgemeinhin wird Depression häufig mit einem Stimmungstief gleichgesetzt …

Sie sind weit mehr als Reaktionen auf schwierige Lebensumstände. Depressionen sind keine Befindlichkeitsstörungen, sondern schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankungen, die typischerweise in Phasen verlaufen.

Wer eine depressive Phase erlitten hat, die unbehandelt oft ein halbes Jahr und länger anhält, hat eine Veranlagung zu Depressionen und deshalb ein hohes Risiko, im Leben weitere Phasen zu erleiden.

Durch Antidepressiva und Psychotherapie lassen sich sowohl die Phasen abkürzen als auch das Risiko von Rückfällen deutlich senken. Formal spricht man von einer Depression, wenn mehrere Krankheitszeichen über mindestens zwei Wochen vorliegen.

 

Welche Krankheitszeichen sind das?

Etwa, wenn jemand nicht in der Lage ist, Gefühle zu empfinden, auch keine negativen, sondern sich wie abgestorben fühlt. Hinzu kommt permanente Erschöpfung bei innerer Daueranspannung.

Alltägliche Dinge, wie morgens aus dem Bett aufzustehen, fallen schwer. Betroffene haben oft keinen Appetit, verlieren Gewicht und schlafen schlecht ein, obwohl sie sich erschöpft fühlen.

Sie neigen außerdem zu Schuldgefühlen, nehmen sich selbst als Last für ihr privates und berufliches Umfeld wahr.

 

Und wie entsteht eine Depression?

Die Veranlagung ist entscheidend. Wer Verwandte hat, die an Depression erkrankt sind, trägt ein deutlich höheres Risiko, selbst an einer Depression zu erkranken.

Die Veranlagung kann aber auch erworben sein, zum Beispiel durch Traumata und Missbrauchs­erfahrung in der Kindheit. Was depressive Krankheitsphasen auslöst, ist oft schwer zu sagen.

Die Betroffenen haben oft den Eindruck, die Ursache zu kennen. Die Depression findet in jedem etwas Negatives, vergrößert es und rückt es als vermeintlichen Auslöser ins Zentrum des Erlebens.

 

Inwiefern?

In der Depression fühlt sich beispielsweise jeder durch die Arbeit überfordert. Wenn nun fälschlicherweise Arbeitsstress als Ursache angesehen wird, dann kann in der Krankheitsphase die Fehlentscheidung getroffen werden, zu kündigen.

Die meisten depressiv erkrankten Arbeitstätigen werden jedoch nicht wegen der Arbeit depressiv.

Manche Betroffene büßen viel Lebenszeit und -qualität ein, bis sie begreifen, dass diese Faktoren eine deutlich geringere Rolle spielen, als sie zu Anfang gedacht haben, und dass die Depression als schwere Erkrankung an sich konsequent behandelt werden muss.

Das ist auch wegen damit einhergehender Suizidgefährdung wichtig. Depression ist der häufigste Grund für die jährlich knapp 9.400 Suizide in Deutschland.

 

Was können Arbeitgeber tun, die bemerken, dass ein Mitarbeiter depressiv sein könnte?

Bemerkt eine Führungskraft, dass ein Mitarbeiter sich verändert, sollte diese in der Lage sein, ein Gespräch mit dem betroffenen Mitarbeiter zu führen.

Das kann zum Beispiel mit den Worten eingeleitet werden: „Sie machen auf mich einen sehr bedrückten Eindruck, ich mache mir Sorgen um Sie.“ Ziel ist, herauszufinden, was los ist und ob professionelle Abklärung und eventuell Behandlung sinnvoll erscheinen.

Ist dies der Fall, kann der Mitarbeiter ermutigt und dabei unterstützt werden, sich rasch professionelle Hilfe zu holen.

Anlaufstellen hierfür sind die Fachärzte für psychische Erkrankungen, also Psychiater und Nervenärzte, zudem Psychologische Psychotherapeuten – das heißt Psychologen mit Spezialausbildung, die wie die Ärzte über die Kasse abrechnen können – und schließlich die Hausärzte, die den Großteil der Betroffenen behandeln.

 

Und was raten Sie Führungskräften, denen ein solches Gespräch schwerfällt?

Mit Fürsorge, Mitmenschlichkeit und etwas Basiswissen kann jeder so ein Gespräch führen. Es besteht kein Grund das zu umgehen, etwa aus Unsicherheit oder der Angst, etwas falsch zu machen.

Diese Handlungskompetenz sollte in Unternehmen vorhanden sein, so wie es auch bei Alkoholproblemen Handlungsleitfäden gibt.

 

Wenn ein Mitarbeiter aufgrund einer Depression arbeitsunfähig ist, fällt er längere Zeit aus. Das belastet den Betrieb und andere Mitarbeiter. Wie sollten Unternehmen damit umgehen?

Hier gilt das Gleiche wie für alle Erkrankungen. Je rascher mit einer Behandlung begonnen wird, desto besser.

Das Wissen darum, dass Depression eine Erkrankung ist wie andere auch sowie ein offenes, nicht stigmatisierendes Betriebsklima erleichtern Betroffenen oft den raschen Weg in eine professionelle Behandlung.

Den Weg zurück erleichtern Wiedereingliederungsmaßnahmen.

 

Ist Burnout auch eine Form von Depression?

Es gibt keine Diagnose „Burnout“. Viele Menschen, die unter diesem Label eine längere Auszeit vom Job nehmen, leiden in Wahrheit an einer depressiven Erkrankung.

Der Begriff Burnout ist sehr gefährlich, weil er Überforderung als Ursache suggeriert. Vermeintliche Bewältigungsstrategien wie mehr Schlaf oder Urlaub helfen nicht.

Die Unfähigkeit, Freude zu empfinden, wirkt in fremder Umgebung umso bedrückender und mehr Schlaf kann die Depression sogar verschlimmern.

Schlafentzug ist zur großen Überraschung vieler Betroffener sogar eine bestens belegte Behandlung von Depression, die in vielen Kliniken routinemäßig angeboten wird.

 

Das können Führungskräfte tun


1. Basiswissen schaffen: Was ist Depression? Welche Symptome gibt es? Wer ist für die Diagnose und Behandlung zuständig?

2. Initiative ergreifen und betroffene Mitarbeiter offen ansprechen.

3. Betroffene Mitarbeiter motivieren und eventuell dabei unterstützen, sich professionelle Hilfe zu holen. Erste Ansprechpartner sind der Haus- oder der Facharzt (Psychiater oder Nervenarzt).

4. Nicht-stigmatisierendes Arbeitsklima schaffen.

5. Informationen und Adressen rund um das Thema Depression gibt es auf: deutsche-depressionshilfe.de