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Er steht seit mehr als 40 Jahren im Rampenlicht: Kabarettist, Comedian und TV-Moderator Jürgen von der Lippe über Humor, seine Motivation, das Älterwerden und den Ruhestand.

Herr von der Lippe, auch bei der Jubiläumssendung von „Geld oder Liebe“ haben Sie Ihr Hawaiihemd getragen. Gehört Ihr floraler Zauberkittel zum Standardprogramm?

Ja, das ist meine Bühnenkleidung. Das mögen die Leute. Vor einigen Jahren habe ich es einmal gewagt, das Hawaiihemd gegen ein Sweatshirt einzutauschen – das kam beim Publikum gar nicht gut an. Für mich und meine Fans hat sich das Hawaiihemd als Berufskleidung etabliert.

Sie sind seit mehr als 40 Jahren im Geschäft. Haben Sie eigentlich schon einmal an den Ruhestand gedacht?

Sie werden lachen – nach einer Schulter-OP im Sommer war ich für längere Zeit in das Haus meiner Frau eingezogen. Wir haben seit 34 Jahren getrennte Wohnungen und besuchen uns unser gesamtes Leben lang. Als ich im großen verwilderten Garten meiner Frau saß und in den Himmel guckte, dachte ich einen Moment: Das ist eigentlich schön. Glücklicherweise ist der Anfall schnell vorübergegangen.

Wie schätzen Sie das Zusammenleben ein?

Das ist für mich eher suboptimal. Wenn man in einem kreativen Beruf tätig ist, ist es wichtig, dann zu arbeiten, wenn einen die Muse küsst. Würde ich erst einmal fragen müssen, „Schatz, ist es ok, wenn ich jetzt dichte“ – dann wären die Ideen ruck, zuck weg.

25 Jahre „Geld oder Liebe“ – ein gutes Produkt kennt kein Alter?

Warten wir mal ab. Ich habe mich auf jeden Fall gefreut, dass der WDR an dieses Jubiläum gedacht hat – und auch noch drei Nachfolgesendungen im Programm hatte. Da ist der WDR meinem Rat gefolgt und hat sie mit jungen Leuten besetzt – was für alle nur Vorteile hat. Simon Beeck, Christine Henning und Lutz van der Horst haben viel Potenzial.

KARRIERE, UND KEIN ENDE

Seit mehr als 40 Jahren ist er im Showgeschäft. Sein Waschbrettbauch im Speckmantel ist genauso legendär wie sein Wortwitz und seine Vorliebe für grelle Hawaiihemden: Jürgen von der Lippe (bürgerlich: Hans-Jürgen Hubert Dohrenkamp) ist einer der renommiertesten deutschen Kabarettisten, TVModeratoren und Comedians.

Sind Sie mit der Sonderausgabe von „Geld oder Liebe“ zurück zu Ihren Wurzeln gegangen?

Der Kreis schließt sich. Nach wie vor achte ich darauf, dass mir meine Arbeit Spaß macht. Und egal, vor wie vielen Leuten ich auftrete – ich will immer mein Bestes geben, das Publikum begeistern und so für einen schönen, unterhaltsamen Abend sorgen.

Nach all den Jahren – wie motivieren Sie sich für Ihre Auftritte?

In dem Moment, in dem ich vor dem Publikum stehe oder sitze, gibt es keinen Unterschied zu früher oder heute. An meinem Arbeitsplatz, auf der Bühne, bringe ich vollen Einsatz. Das liegt zu einem sehr großen Teil daran, dass mir das, was ich da mache, großen Spaß macht und mir guttut.

Das gilt auch für „Was liest Du?“?

Das Schöne ist ja, dass mir der WDR zwei Sondersendungen mit den wunderbaren Kabarettisten Carolin Kebekus und Jochen Malmsheimer gegeben hat. Eine Sendung wie „Was liest Du?“ fordert im Gegensatz zu einer Show wie „Geld oder Liebe“ einen Moderator, der über jede Menge Erfahrung in literarischen Dingen verfügt. Man muss belesen sein, Zugang zur Sprache haben und wissen, an welcher Stelle und auf welcher Seite im Buch genau die Passage zu finden ist, über die gerade gesprochen wird.

Seine Fernsehkarriere startete der mittlerweile 66-Jährige als Hausmeister im „WWF Club“. Es folgten Live-Auftritte mit „So isses“ und „Donnerlippchen“. Seine wohl beliebteste Show im Fernsehen war „Geld oder Liebe“. Den 25. Geburtstag des witzigen und bisweilen auch romantischen Erfolgsformats feierten Jürgen von der Lippe und sein Haussender, der WDR, im vergangenen Herbst mit einer Sonderausgabe. Die Geburtstagssause mit vielen Prominenten haben 1,52 Millionen Zuschauer gesehen, das entspricht einem Marktanteil von 4,8 Prozent.

Sehen Sie sich eigentlich als Elder Charming Boy der deutschen TV-Unterhaltung?

Ja, irgendwie schon. Ich muss nur gut aufpassen, dass ich die Grenze zum Dirty Old Man nicht überschreite. Denn in meinem Verständnis wäre das etwas sehr Unangenehmes: schmierig, übergriffig, grenzüberschreitend – das würde der Elder Charming Boy wohl nicht machen.

Welche Ihrer Figuren eignet sich besser zum Golden Ager? Hochwürden, Hubert Lippenblüter oder Kalle?

Der fiese Opa – eine neue Figur in meinem Programm und ein ganz schrecklicher Typ. Ein echter Dirty Old Man, der erfüllt ist von den Gedanken an sexuelle Aktivität. Der fiese Opa lebt im Seniorenheim und tyrannisiert dort Mitbewohner, Besucher und Pfleger. Die Figur ist grell überzeichnet und lässt auf der Bühne die Sau raus. Das Altern und wie man damit umgeht, das ist ein sehr dankbares Thema.

Dabei kann Humor Lebenshilfe sein?

Ja, natürlich. Ich finde, dass eine ironische Dis- tanz zum Thema Älterwerden immer mit Humor erfolgen sollte. Und wenn dann auch noch ein nicht mehr ganz so junger Comedian sich dieses Themas annimmt, ist das eine Geschichte, die wirklich passt. Es ist authentisch. Und für die Jungen im Publikum ist es auch interessant: Sie sehen, was sie noch vor sich haben.

In den vergangenen Jahren hat sich Jürgen von der Lippe auf den Bildschirmen rargemacht. Er ist vor allem auf Tournee – derzeit mit seinen Programmen „Wie soll ich sagen …“ und „Beim Dehnen singe ich Balladen“.

Mit 66 Jahren immer noch im Rampenlicht – stecken Sie solche Aktionen noch so gut weg wie früher?

Es ist ja sogar mehr geworden. Ich hatte im September eine 14-tägige Tour mit dem Comedy-Programm, davor hatte ich eine 14-tägige Lesereise mit dem Buch „Beim Dehnen singe ich Balladen“, das jetzt im Januar erscheint. Also 25 Shows im Monat. Das ist schon recht sportlich. In den ganz großen Hallen trete ich nicht mehr auf – irgendwie reicht dazu die Puste nicht mehr. Bei der Tour ist eine Größenordnung von um die 1.000 bis 1.500 Zuschauer für mich völlig ausreichend, beim Lesen sind es zwischen 300 und 500 Zuschauer. Ich liebe es, bei den Lesungen ohne jedes Gedöns anzureisen, mich einfach hinzusetzen und zu lesen. Zudem ist es ein großes Vergnügen für mich, aktuelle Ereignisse in die Lesungen einzubauen. Um auf dem Laufenden zu sein, gönne ich mir die Zeit, mich morgens mit vier Zeitungen zum Frühstück hinzusetzen und ganz entspannt zu lesen. Irgendwann werde ich es wie die großen alten Herren der deutschen Unterhaltung machen und nur noch bei Lesungen auftreten. Wie gesagt – irgendwann …