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Sie haben keine pharmazeutischen Inhaltsstoffe und keine Nebenwirkungen. Dennoch lindern Schein­medikamente, sogenannte Placebos, Beschwerden bisweilen ebenso gut wie zugelassene Medikamente. Warum allein die Hoffnung auf Heilung hilft.

 

Kennen Sie das am besten untersuchte Medikament der Welt? Es ist das Placebo.

Das Scheinmedikament ohne Inhaltsstoff. Denn bei jedem Medikamententest wird in sogenannten evidenzbasierten, doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Studien ein Wirkstoff gegen das Scheinmedikament getestet.

Doppelblind bedeutet, dass nur der Studienleiter – aber weder der Arzt noch der Patient – weiß, wer das Medikament und wer das Placebo einnimmt.

 

„Große Placebos wirken besser als kleine, teure besser als billige. Rote Placebos regen an, blaue beruhigen.“

Dr. Michael Spitzbart, Sachbuchautor und Präventionsmediziner

Die Fünf-Prozent-Hürde

Die erste Hürde für das Medikament ist, dass es besser wirken muss als ein Placebo. Das ist gar nicht so einfach.

Denn das Scheinmedikament wirkt allein schon in 30 Prozent der Fälle. Also muss das Medikament signifikant besser sein. Signifikant bedeutet um mindestens fünf Prozent besser.

Eine Vielzahl der Psychopharmaka etwa schaffen kaum mehr als diese Fünf-Prozent-Hürde. Für ihre nur wenig bessere Wirkung im Vergleich zum Placebo geben deutsche Krankenkassen jährlich Milliarden Euro aus.

Ein Beispiel ist der Stimmungsaufheller Reboxetin. Er ist zugelassen zur Behandlung von Depressionen, obwohl seit Jahren von unabhängigen Wissenschaftlern unwidersprochen belegt wurde, dass hier keine Wirkung besteht.

Hand aufs Herz: Würden Sie nicht auch lieber ein nebenwirkungsfreies Placebo schlucken als eine wirkungslose Chemiekeule mit 28 bestätigten, zum Teil gravierenden Nebenwirkungen?

Es gibt viele hervorragende Medikamente, die schon Millionen Menschenleben gerettet haben. Es gibt aber auch viele schlechte Medikamente, die nur durch pharmafinanzierte Studien am Markt sind.

Das Teuerste am Medikament ist nach der Zulassung das Marketing. Zumindest der Arzt soll an die Wirksamkeit glauben.

 

Das Prinzip Hoffnung

Auch beim Placebo verdoppelt sich die Magie, wenn Arzt und Patient beide an dessen Wirkung glauben. Es reicht dann deutlich über die üblichen 30 Prozent Wirksamkeit hinaus.

Wenn ein Arzt hingegen ein wirksames Medikament mit den Worten verschreibt „Das wird Ihnen aber auch nicht sonderlich helfen …“, ist die Wirkung sofort reduziert.

Allein die Hoffnung auf Heilung regt die Selbstheilungskräfte viel besser an als viele Medikamente. Große Placebos wirken besser als kleine, teure besser als billige.

Rote Placebos regen an, blaue beruhigen. Sollte man also den Glauben nicht viel stärker in die Medizin integrieren?

Ich persönlich betrachte jeden Arztbesuch ohne die Vermittlung von Zuversicht als unterlassene Hilfeleistung.