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In Zeiten von Corona und Homeoffice erlebt der Spaziergang ein Comeback. Gut so, finden Ärzte und Wissenschaftler. Denn: Spazieren fördert nicht nur die Gesundheit, sondern auch Konzentration und Kreativität.

 

„Die ganze Welt geht denken“, beobachtet der Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar. In der Corona-Krise spazieren so viele Menschen wie sonst nur selten. Weil es nicht viel zu unternehmen gibt – und um den Kopf freizukriegen: „Fast alle, die draußen unterwegs sind, denken über irgendetwas nach.

Über Politik, die Gesundheit oder die wirtschaftlichen Probleme, vor die uns diese Krise stellt“, sagt Weisshaar, der über das sogenannte „Denkengehen“ ein Buch verfasst hat. „Schon die alten Griechen haben im Gehen philosophiert.“

Die Liste berühmter Flaneure ist lang. Um Gedanken unterwegs notieren zu können, ließ sich der Philosoph Thomas Hobbes einen Spazierstock anfertigen, dessen Knauf Tintenfass und Federhalter enthielt.

„Nur die ergangenen Gedanken haben Wert“, schrieb Friedrich Nietzsche in seiner „Götzen-Dämmerung“. Und dem Mathematiker William Rowan Hamilton soll auf einem Spaziergang die fundamentale Formel für Quaternionenmultiplikation eingefallen sein, nach der er jahrelang gesucht hatte.

 

Kreativität wird gefördert

Diese oft berichtete Erfahrung, dass beim Gehen die Gedanken in Bewegung kommen, ist heute wissenschaftlich belegt: Forscher der Universität Stanford fanden heraus, dass ein Spaziergang die Kreativität eines Menschen um bis zu 60 Prozent steigern kann. Entsprechend förderlich ist das Gehen für Prozesse, die frische Ideen und Perspektivwechsel verlangen.

Ratsam wäre deshalb, Spaziergänge auch nach Corona in den Berufsalltag zu integrieren. „Zum Beispiel, indem Meetings hin und wieder nach draußen verlagert werden“, sagt Weisshaar.

In den USA sind diese sogenannten Walking Meetings weit verbreitet. Von Mark Zuckerberg und Barack Obama ist bekannt, dass sie Besprechungen lieber gehend führen.

Ebenfalls spazierend beseitigten Helmut Kohl und Michail Gorbatschow die letzten Hürden auf dem Weg zur deutschen Einheit. „Meetings im Freien lockern hierarchische Strukturen. Dadurch sind sie weniger verkrampft“, sagt Weisshaar.

Ein weiterer Tipp lautet, das Auto 500 Meter weiter weg vom Arbeitsort zu parken oder eine Straßenbahnstation eher auszusteigen. „Macht für Hin- und Rückweg schon rund 1.400 Schritte.“

Auf dem Weg vom Auto zum Büro bliebe dann genug Zeit, um den Verkehrsstress hinter sich zu lassen und konzentriert an die Arbeit zu gehen. „Körper und Geist kommen gleichzeitig an.“

Zusätzliche Spaziergänge in der Mittagspause helfen dabei, die Gedanken neu zu ordnen und erholt an den Schreibtisch zurückzukehren.

 

Ideen werden geordnet

Selbst eine kleine Runde im Büro zu drehen, sei besser, als nur vor dem Bildschirm zu sitzen, schreibt der irische Neurowissenschaftler Shane O’Mara in seinem Buch „Das Glück des Gehens“:

„Ein simpler Nebeneffekt des Aufstehens und Gehens besteht darin, dass sich die Aktivität über weit auseinanderliegende Gehirnregionen ausbreitet – was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Halb-Gedanken und Viertel-Ideen unterhalb der Bewusstseinsebene sich zu neuen Kombinationen zusammenschließen können.“

Laut einer Studie der Universität Stanford kommen Deutsche im Schnitt auf nur 5.200 Schritte pro Tag. Das ist knapp mehr als die Hälfte der empfohlenen täglichen Bewegungsdosis von 10.000 Schritten.

Bertram Weisshaar versucht, in seinem Alltag dieser Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation nachzukommen. „Spazieren hilft nicht nur, Volkskrankheiten wie Diabetes vorzubeugen.

Es lindert auch nachweislich Symptome psychischer Krankheiten und reduziert Stresshormone im Körper.“ In psychiatrischen Kliniken seien Spaziergänge deshalb eine verbreitete Form der Therapie.

 

Stress wird reduziert

Schon eine halbe Stunde Gehen reiche aus, um das Stresslevel zu senken und die Stimmung zu heben. Wer alleine geht, kann sich intensiver mit seinen Eindrücken beschäftigen, in Gesellschaft ist meist das Gespräch im Vordergrund. „Dadurch muss das eine nicht schlechter sein als das andere“, sagt Weisshaar.

Auch wo der Weg entlangführt, sei unerheblich. Zwar stelle sich der Entspannungseffekt bei einem Spaziergang in der Natur schneller ein. „Aber grundsätzlich eignet sich das Gewerbegebiet genauso wie der Stadtpark.“

Spaziergänger, die beim Gehen bewusst auf Podcasts und Musik verzichten, sind empfänglicher für das, was um sie herum passiert. Positiver Nebeneffekt: „Die eventuell auftretende Langeweile auszuhalten, führt im besten Fall zu mehr Geduld.“

Denjenigen, die auf Unterhaltung nicht verzichten möchten, empfiehlt Weisshaar sogenannte Audio-Walks, die inzwischen für viele deutsche Städte erhältlich sind. Einige hat Weisshaar selbst entwickelt.

„Der Hörer bekommt Informationen zu der Umgebung geliefert, in der er sich bewegt. Vergleichbar mit den Audio-Guides im Museum.“

Weisshaar glaubt, dass der coronabedingte Trend zum Spazierengehen auch nach der Krise anhalten wird, weil viele Menschen in diesen Tagen die positive Erfahrung des „einfach Drauflosgehens“ gemacht haben.

„Spazieren braucht weder teures Equipment noch Ausbildung. Was man dabei falsch machen kann, ist nur, es nicht zu tun.“

 

Zur Person

Bertram Weisshaar, Jahrgang 1962, hat in Kassel Landschaftsplanung studiert. Der Promenadologe lebt in Leipzig, entwickelt Hörspaziergänge und ist Autor. Zuletzt erschienen ist sein Buch „Einfach losgehen – Vom Spazieren, Streunen, Wandern und vom Denkengehen“ im Eichborn-Verlag. Interessiert? Das Creditreform-Magazin verlost drei Exemplare. Zum Gewinnspiel gelangen Sie hier.