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Creditreform

© Julian Rentzsch

Es beginnt mit dem Kurzzeitgedächtnis, mit Vergesslichkeit. Später sind Betroffenen sogar Personen fremd, die sie sehr gut kennen müssten. Alzheimer und Demenz sind Erkrankungen, die viele fürchten. Und wenn es einmal so weit gekommen ist, wird es fast unmöglich, die Uhr wieder zurückzustellen.

Anfangs erlöschen die Initiative und die Spontaneität, es mangelt an Kreativität und Antrieb. Später friert die Stimmung ein, Emotionen lassen nach, bis hin zur Depression. Dazu gesellt sich das schleichende Vergessen, die sogenannte Room-to-Room-Memory lässt nach. Auf dem Weg von einem Zimmer ins andere haben Demenzkranke vergessen, was sie eigentlich wollten.

Pharmafirmen haben schon Milliarden Dollar in den Sand gesetzt, auf der Suche nach einer Pille gegen das Vergessen. Über Jahrzehnte haben sie sich an der „Amyloid-Hypothese“ abgearbeitet – immer mit dem gleichen Misserfolg. Amyloide sind spezielle Proteinablagerungen im Gehirn, die den Strom der Gedanken bremsen oder ganz lähmen. Tabletten sollten diese Ablagerungen verhindern oder auflösen. Das hat nie funktioniert.

 

Fettlösliche Gifte als Ursache

Jetzt wird eine neue Theorie verfolgt. Auf die sind aber nicht die Pharmariesen, sondern Ethnologen gekommen. Ihnen war aufgefallen, dass bei dem kleinen indigenen Volk der Chamorro – das sind die Ureinwohner von Guam – Alzheimer, Parkinson und ALS (Amyotrophe Lateral­sklerose – die Krankheit an der Stephen Hawking litt) 100-mal häufiger auftraten als irgendwo sonst auf der Welt. Das hängt, wie man herausfand, mit der Leibspeise der Chamorro zusammen: in Milch gekochter Flughund. Dieser ernährt sich wiederum von den Samen einer Farnpalme, die das Nervengift BMAA enthalten. Es lagert sich im Fettgewebe der Flughunde ab.

Merke: Alle fettlöslichen Gifte wandern schnurstracks ins Gehirn. Genau diese Gifte konnte man in den Gehirnen der Chamarro nachweisen, die an Alzheimer, Parkinson oder ALS gestorben waren. Nachdem der so begehrte Flughund aufgrund von Überjagung ausgestorben war, traten keine nennenswerte Häufung neurologischer Erkrankungen mehr auf.

Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Die Wurzeln der Farnpalme reichern in besonderem Maße Cyanobakterien an. Diese gehören zu den ältesten Bakterien der Welt und kommen überall vor, allerdings in verschiedenen Konzentrationen. In jedem Boden, in jedem Ozean, See oder Bach. Sogar in den Wüsten von Quatar bis Arizona sind diese Bakterien nachweisbar – und manchmal eben in sehr ungesunden Konzentrationen. Denn Cyanobakterien produzieren genau dieses Nervengift BMAA.

 

Erdnüsse gegen BMAA

Es wird über die Nahrungskette auch von Menschen aufgenommen und schädigt die Erbinformation und die Funktion der Nervenzellen. Und jetzt kommt die eigentliche Botschaft: Die natürliche Aminosäure L-Serin scheint genau diese Schäden zu verhindern und teilweise sogar zu reparieren. Erste Versuche mit L-Serin zur Prophylaxe und Therapie gegen neurologische Erkrankungen sind vielversprechend. Affen, die mit BMAA-haltigen Bananen gefüttert wurden, hatten 80 bis 90 Prozent mehr Ablagerungen im Gehirn als Affen, die zu den gleichen BMAA-Bananen eine tägliche Dosis L-Serin erhielten. Bei Alzheimer-Patienten, denen man das für Menschen absolut sichere L-Serin (täglich 30 Gramm) zuführte, verlangsamte sich der Fortschritt der Krankheit um 85 Prozent. Bis diese Erkenntnis in Stein gemeißelt ist, wird noch viel Zeit vergehen. Hier forscht nur eine Handvoll Wissenschaftler – ohne den Rückhalt eines Pharmariesen.

Seit ich darum weiß, messe ich bei jedem meiner Patienten den natürlichen L-Serin-Spiegel im Blut. Und wenn dieser Eiweißbaustein nicht in der optimalen schützenden Konzentration vorliegt, verordne ich zusätzliches L-Serin. Es kommt übrigens in besonders hoher Konzentration im Kaviar und in Erdnüssen vor. Um die Dosierung richtig anzupassen, verordne ich L-Serin aber als Nahrungsergänzung und bei einem starken Mangel sogar als Infusion.

Zum Autor

Dr. Michael Spitzbart ist Arzt sowie Sachbuchautor und leitet ein Zentrum für ursachenbezogene Diagnostik und Therapie.