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Gewinne und Bewertungen sind das Salz in der Suppe für Börsianer. Doch sie sind immer nur ein Blick in die Vergangenheit. Worauf Anleger dabei achten müssen.

 

Börsianer sind Zahlenfreaks. Nichts lässt die Herzen höherschlagen als steigende Gewinne oder vermeintlich günstige Bewertungen von Aktien. Dabei geht es meist um den Gewinn im abgelaufenen Quartal oder Jahr. Und wie teuer eine Aktie ist, wird gemessen am Verhältnis vom Kurs zum Gewinn.

So einfach und verständlich diese Kennzahlen auch sind, können sie aber auch problematisch sein: „Kennzahlen bedeuten immer einen Blick in den Rückspiegel und die Vergangenheit.

Dabei ist der Wert einer Aktie nichts anderes als der Gegenwartswert der zukünftigen Erträge“, erklärt Thomas Lehr, Kapitalmarktstratege bei der Fondsgesellschaft Flossbach von Storch. Denn die Börse handelt immer die Zukunft.

Das zeigt sich eindrücklich an der aktuellen Lage: Obwohl die Coronakrise Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Atem hält, notieren die Aktienmärkte auf Rekordständen.

Sie preisen ein Ende der Pandemie schon in den Kursen ein. Gegenwärtig sind sie besonders optimistisch für konjunkturabhängige Unternehmen. Dabei lassen sich deren zukünftige Erträge kaum berechnen und vorhersagen.

 

Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV): Vorsicht vor Trugschlüssen

Viele Anleger vertrauen lieber dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das bei Unternehmen wie der Lufthansa derzeit günstig ist.

Die strukturellen Probleme der Branche, der stark zyklische Geschäftsverlauf und die Risiken der Corona-Pandemie sind kaum abzusehen. „Finanzkennzahlen können zu einer falschen Entscheidung verleiten und Anleger in risikoreiche Branchen führen“, sagt Thomas Lehr.

Das gilt nicht nur bei Aktien, sondern auch bei Immobilien. Im Zuge des anhaltenden Zinstiefs und der großen Nachfrage haben Immobilien in Toplagen stark zugelegt.

So kosten Wohnimmobilien in München etwa das 40-Fache der Jahresmiete, während sie im Vogtland nur gut das 15-Fache kosten. Wer rein auf die Bewertung achtet, würde sich für die vermeintlich günstige Immobilie im Vogtland entscheiden.

Ein Trugschluss: Weil das Interesse an Wohnimmobilien im Vogtland niedriger ist, ist auch die Bewertung niedriger.

 

Vorsicht vor zyklischen Branchen

„Deutsche Anleger sind häufig Fans von Unternehmen mit niedrigen Bewertungen. Sie landen dann ironischerweise in den Geschäftsmodellen, die starken Schwankungen unterliegen oder an Bedeutung verloren haben“, erklärt Thomas Lehr. Gerade europäische Aktienindizes stecken voller Unternehmen aus zyklischen Branchen mit hohen Schwankungen.

Daher sind europäische Aktien günstiger bewertet, haben also permanent die oberflächlich betrachtet „besseren“ Kennzahlen als US-Werte.

„Der ökonomische Erfolg ist schlechter, die Gewinndynamik weniger stark ausgeprägt, die Erträge weniger resilient und weniger gut prognostizierbar, weil die Aktien sehr viel zyklischer sind“, erklärt Lehr. In den USA gibt es dagegen häufiger Unternehmen mit hohem Wachstum, die auch an den Börsen höher bewertet werden.

Das zeigt ein Vergleich des europäischen Aktienindex Stoxx 600 mit dem US-Leitindex S&P 500. 2010 lag der Wert der Unternehmen in den beiden Aktienindizes bei jeweils rund zehn Billionen Dollar.

Doch die Schere ging danach weit auseinander. Während die Marktkapitalisierung der 600 europäischen Werte auf 13,4 Billionen Dollar stieg, legte der Marktwert der 500 größten US-Aktien auf 32,2 Billionen Dollar zu.

Zwischen 2010 und 2019 lagen die Gewinne der US-Unternehmen aggregiert bei 1,3 Billionen Dollar, beim Stoxx 600 stiegen die Gewinne nur um 709 Milliarden Dollar.

Das KGV von US-Aktien ist von 2010 bis Ende 2019 von 15,5 auf 22,4 gestiegen. Ein anderes Bild zeigt sich dagegen in Europa. Dort ist das KGV lediglich von 17,0 auf 18,7 gestiegen.

Die unterschiedlichen Bewertungen sind vor allem im Branchenmix begründet. Anleger halten die Geschäftsmodelle einiger der im US-Index hoch gewichteten Unternehmen offensichtlich für zukunftsträchtiger.

 

Aktien: Attraktive Werte finden

Doch welche Unternehmen bieten Wachstum und stabile Erträge? „Um diese Fragen zu beantworten, hilft Schubladendenken nicht weiter“, sagt Thomas Lehr und ergänzt: „Attraktiv bewertete Unternehmen findet man unabhängig vom Firmensitz und der Branchenzugehörigkeit.“

Nur weil ein Unternehmen seinen Hauptsitz in Europa und ein KGV von 11 hat, muss es nicht günstig sein. Und nur weil ein amerikanisches Technologieunternehmen ein KGV von 28 hat, muss es nicht automatisch zu teuer sein.

Je stärker die Geschäftsentwicklung an die Wirtschaftsentwicklung gekoppelt ist, desto schwieriger wird eine belastbare Wertermittlung.“ Und auf die komme es an, sagt Lehr, denn „der Preis, den ein Investor zahlt, sollte niedriger sein als der Wert, den er dafür bekommt“. Genau das sei Value Investing im eigentlichen Sinne.

Anleger sollten Finanzkennzahlen also kritisch hinterfragen – und dabei bisweilen an Albert Einstein denken: „Nicht alles, was zählt, kann gezählt werden, und nicht alles, was gezählt werden kann, zählt.“