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Creditreform

© Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.

Der russische Überfall auf die Ukraine hat nach den Verwerfungen in der Covid-Pandemie einmal mehr deutlich gemacht, dass unser Land in erheblichem Maße von globalen Strukturen, Wirtschaftsräumen und spezifischen Ressourcen abhängig ist. Auch bei unterschiedlichen Bewertungen der Globalisierung taugt Autarkie aber nicht als Antwort.

 Ob russisches Gas und Öl oder chinesische Microchips: Mehr Unabhängigkeit von globalen Lieferketten erscheint attraktiv, und der Ruf nach Autarkie wird laut. Man müsse sich entkoppeln von den internationalen Bedingungen, lautet eine Conclusio. Oder zumindest sollten globale Lieferketten resilienter und die Beschaffung diverser gestaltet werden.

 

Resilienz und Moral

Überlagert werden die ökonomischen Motive von moralischen Appellen, sich nicht zu engagieren in Staaten, in denen gegen internationale Menschenrechtsstandards verstoßen wird. Unternehmen sollen, so wird gefordert, jederzeit und überall im Falle politischer Neubewertungen anpassungsfähig sein, um diesem politischen Willen nachzukommen.

 

Abhängigkeit aus unternehmerischer und volkswirtschaftlicher Sicht

Dabei muss geklärt werden, was außenwirtschaftliche Abhängigkeit meint. In der ökonomischen Literatur findet sich dazu wenig. Generell muss man zwischen einzelwirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Abhängigkeit unterscheiden. Unternehmen gestalten ihre Lieferketten sowie die Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten nach betriebswirtschaftlicher Abwägung der Kosten und Risiken. Die Verlässlichkeit der Lieferbeziehungen hängt von den vertraglichen Bedingungen ab, die das Unternehmen aufgrund der Marktsituation und seiner Verhandlungsmacht erzielen kann. Zudem sind Auslandsinvestitionen zu betrachten, etwa mit Blick auf den Investitionsschutz.

Prof. Dr. Michael Hüther leitet seit 2004 als Direktor und Mitglied des Präsidiums das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Zuvor war er ab 1991 wissenschaftlicher Mitarbeiter und 1995 Generalsekretär des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. 1999 wechselte er als Chefvolkswirt zur DekaBank und wurde dort 2001 zum Bereichsleiter Volkswirtschaft und Kommunikation ernannt.

Im volkswirtschaftlichen Aggregat bündeln sich die Kalküle der Firmen. Darin spiegeln sich die politischen Rahmenbedingungen, die sich aus Freihandels- und Investitionsabkommen, ebenso aus spezifischen Absicherungsangeboten für Auslandsinvestitionen ergeben. Das gesamte Netz der globalen Lieferketten einer Volkswirtschaft ist aber nicht nur Ausdruck der betriebswirtschaftlichen Optimierung, sondern der Spezialisierungsvorteile der beteiligten Ökonomien und damit der jeweiligen Standortbedingungen sowie der internationalen Regeln.

 

China als „Elefant im Raum“

Mit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001 haben sich die Bedingungen verändert. Die Unternehmen haben reagiert und China hat nicht nur als Absatzmarkt und Rohstofflieferant massiv an Bedeutung gewonnen, sondern ebenso als Investitionsstandort. Dieser wachsenden Bedeutung Chinas ist politisch mit einer Akzentverschiebung geantwortet worden: von der Forderung nach vergleichbaren Bedingungen für Unternehmen hin zur Forderung der Reziprozität der Möglichkeiten.

Dennoch bleibt jede betriebswirtschaftliche Entscheidung ein unternehmerisches Risiko. Der sorgsame Kapitaleinsatz erfordert, dass bei der Beschaffung und Standortwahl zur Vermeidung von Klumpenrisiken diversifiziert wird. Volkswirtschaftlich müsste man sich Sorgen machen, gebe es – wie an den Finanzmärkten – erkennbar ein Herdenverhalten und wäre die Länderallokation mit Blick auf die ökonomischen Fakten verzerrt. Dafür spricht aber wenig.

 

Unternehmensstrategien sind kein Ersatz für die Außenwirtschaftspolitik

Eine außenwirtschaftliche Abhängigkeit kann aus den unternehmerischen Positionen dann resultieren, wenn die politische Bewertung sich ändert. Vor allem führen die politische Ächtung eines Landes und die Verhängung von Sanktionen dazu, etwa im Falle Russlands. Nun wird von den Unternehmen auch in China erwartet, dass sie Standorte meiden oder schließen, deren Bedingungen nicht unseren Moralvorstellungen entsprechen. Doch Unternehmen können nicht „Ausputzer“ der Politik sein. Die Politik muss den Mut aufbringen, Menschenrechtsverstöße direkt und deutlich auch dort zu adressieren, wo es heikel ist. Unternehmensstrategien sind kein Ersatz für mutige Außen(wirtschafts)politik.

Unternehmen sind für ihre Ergebnisse ebenso verantwortlich wie für ihre Reputation. Kunden, Mitarbeiter und Anteilseigner sind die wesentlichen Akteure, die Änderungen hervorbringen. Darauf sollte man setzen. Wandel durch Handel mag vielfach gescheitert sein, Wandel ohne Handel ist aber erst recht unwahrscheinlich. Mit allgegenwärtigen Sanktionsdrohungen schafft die Politik erst außenwirtschaftliche Abhängigkeiten, die unternehmerisch nur durch eine breite Streuung und Eigenkapitalstärke – im Sinne einer Versicherungsprämie – aufzufangen sind.