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Creditreform

Kreditinstitute bewerten die Kreditwürdigkeit ihrer Unternehmenskunden mit dem „Rating“. Es beurteilt die Zahlen der Vergangenheit, die Kontoführung, die kaufmännische Unternehmensführung und die zu erwartende zukünftige Entwicklung. Dieser Blick wird jetzt und künftig verstärkt ergänzt werden um das Thema „Nachhaltigkeit“. Auch wenn Fragen dazu noch nicht in die Ratingsysteme integriert sind, sollten sich Unternehmen darauf einstellen.

 

Carl-Dietrich Sander

Carl-Dietrich Sander berät seit mehr als 20 Jahren Unternehmen in Finanzierungsfragen. © privat

Die Vorgaben kommen von der Bankenaufsicht

Die entscheidenden Impulse zum Thema Nachhaltigkeit und Kreditentscheidung kommen von den Bankaufsichtsbehörden. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat bereits im Dezember 2019 ihr „Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken“ veröffentlicht. Dieses „Merkblatt“ ist noch keine Verordnung, die alle Kreditinstitute einzuhalten haben. Aber es zeichnet den Weg vor.

Ergänzend gibt es von der europäischen Bankenaufsichtsbehörde sogenannte „EBA-Guidelines“ – so u.a. die „EBA/GL/2020/06“: EBA-Leitlinien für die Kreditvergabe und Überwachung. Dort sind bereits Anforderungen formuliert, wie Nachhaltigkeitsrisiken z.B. bei Kreditentscheidungen und Kreditüberwachung und Sicherheitenbewertung berücksichtigt werden sollen.

Die EBA-Guidelines gelten im ersten Schritt nur für die großen von der EZB direkt beaufsichtigten Institute. Es zeigt sich aber immer wieder, dass diese Vorgaben im Laufe der Zeit auch von den nationalen Aufsichtsbehörden weitestgehend übernommen werden und dann für alle Kreditinstitute gelten. Außerdem ist an dieser Stelle die EU-Taxonomie zur Nachhaltigkeit zu berücksichtigen.

Ob es volkswirtschaftlich sinnvoll ist, dass Kreditinstitute in die Steuerung des Klimawandels durch solche aufsichtlichen Vorgaben eingreifen, mag bezweifelt werden. Wenn diese Vorgaben allerdings bestehen, müssen sich kreditnehmende Unternehmen darauf einstellen.

Zum Autor:

Carl-Dietrich Sander kennt beide Seiten des Besprechungstisches in Finanzierungsfragen: 20 Jahre war er in der Firmenkundenbetreuung von Banken tätig, zuletzt neun Jahres als Vorstandsmitglied der Volksbank Neuss. Seit 1998 ist er selbstständig als freiberuflicher UnternehmerBerater: Trainer, Berater, Fachautor rund um die Themen Liquidität, Finanzierung, Rating, Bankenkommunikation. Sein Buch aus dem NWB-Verlag „Mit Kreditgebern auf Augenhöhe verhandeln“ ist eines der umfassenden Arbeitsbücher für Unternehmer und Berater zu seinem Themenkreis. Im Bundesverband „Die KMU-Berater“ ist er Mitglied der Fachgruppe Finanzierung-Rating.
http://www.cd-sander.de

Um dieses Risiko geht es

Die Bankenaufsicht formuliert in ihrem Merkblatt vom Dezember 2019: „Nachhaltigkeitsrisiken im Sinne dieses Merkblatts sind Ereignisse oder Bedingungen aus den Bereichen Umwelt, Soziales oder Unternehmensführung, deren Eintreten tatsächlich oder potenziell negative Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage sowie auf die Reputation eines beaufsichtigten Unternehmens haben können“.

Damit wird auf die Situation der Kreditinstitute selber abgestellt. Deren Geschäft ist aber stark vom Kreditgeschäft bestimmt – und damit sind wir dann bei den kreditnehmenden Unternehmen. Wenn bei diesen durch Nachhaltigkeitsrisiken negative Entwicklungen auftreten, die die pünktliche und vollständige Zahlung von Zins und Tilgung an die Bank in Frage stellen, schlägt das eben als Kreditrisiko auf die wirtschaftliche Situation der Bank durch. Und das gilt es aus Bankensicht zu vermeiden.

Die BaFin beschreibt in ihrem Merkblatt zwei Gruppen von Risiken für die Bereiche Klima und Umwelt:

Physische Risiken

  • Schäden durch Extremwetterereignisse und deren Folgen
  • langfristige Veränderungen klimatischer und ökologischer Bedingungen (z.B. Niederschlagsmengen, Meeresspiegelanstieg, Durchschnittstemperatur-Anstieg)
  • Indirekte Folgen (z.B. Zusammenbruch von Lieferketten)
  • Staatliche oder gerichtliche Konsequenzen aus verursachten Klimaschäden

 

Transitionsrisiken:

  • Entstehen im Zusammenhang mit der Umstellung auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft
  • Verteuerung von Rohstoffen z.B. durch Emissionszertifikate oder Steuern
  • Investitionskosten z.B. Gebäudedämmung, E-Mobilität, Umstellung Produktionsverfahren
  • Veränderte Erwartungen von Geschäftspartnern oder der Gesellschaft

 

Weiter zu berücksichtigen sind laut BaFin Interdependenzen zwischen den beiden Risikoarten: Die Zunahme physischer Risiken verlangt schnellere Umstellungen oder eine zu langsame Umstellung verursacht höhere physische Risiken.

Auch Risiken in den Bereichen Soziales und Unternehmensführung können die wirtschaftliche Entwicklung von Unternehmen negativ beeinflussen.

 

Wie sich Unternehmen darauf einstellen: Vier Schritte

Der erste Schritt ist schlicht eine Bestandsaufnahme möglicher Risiken:

  • Welchen Nachhaltigkeitsrisiken begegnen wir heute bereits in unseren geschäftlichen Aktivitäten?
  • Welche Nachhaltigkeitsrisiken könnten in den kommenden Jahren auf uns zukommen?

 

Zweiter Schritt ist ein Blick auf mögliche Konsequenzen aus diesen Risiken:

  • Was bedeutet das für unser Geschäftsmodell heute und morgen (Produkte/Dienstleistungen, regionale Märkte, wichtige Großkunden, wichtige Kundengruppen, Vertriebswege, . . .)?
  • Was bedeutet das für unsere Abläufe und Prozesse im Unternehmen?
  • Was bedeutet das für unsere Interaktion mit unseren Geschäftspartnern (Kunden, Lieferanten, Finanzierern, Kooperationen, . . .)?
  • Wie sieht aktuell unser CO2-Fußabdruck aus?

 

Der dritte Schritt ist das Ableiten von Aktivitäten, um die geschäftliche Situation mit Blick auf Risiken und Konsequenzen zu stabilisieren und/oder zu verbessern:

  • Welche Maßnahmen haben wir bereits ergriffen mit welchen Erfolgen?
  • Welche weiteren Aktivitäten sind sinnvoll (wer / macht was / mit wem / bis wann)?
  • Wer steuert das Zusammenspiel aller Aktivitäten im Unternehmen?
  • Wie beziehen wir alle Mitarbeitenden in den Nachhaltigkeitsprozess ein?

 

Und vierter und letzter Schritt ist die Information über die Nachhaltigkeit des Unternehmens: Wie berichten wir über unsere Situation und unsere Aktivitäten gegenüber den verschiedenen Interessenten daran (Mitarbeitende, Gesellschafter, Kunden, Lieferanten, Finanzierer, Öffentlichkeit)?

 

Das Zusammenspiel mit den Finanzierungspartnern

Banken und Sparkassen und auch die weiteren Finanzierungsdienstleister (Leasing, Factoring, Internetportale, Eigenkapitalgeber, etc.) interessiert aufgrund der geschilderten aufsichtsrechtlichen Situation die Nachhaltigkeitssituation und –strategie ihrer Kreditnehmer. Außerdem spielt das Thema für viele Finanzierer auch aus eigener geschäftspolitischer Überzeugung und damit Strategie eine zunehmende Rolle.

Schauen Sie einfach auf die Internetseiten Ihrer Finanzierungspartner, was diese zum Thema Nachhaltigkeit schreiben. Die Hypovereinsbank hat auf ihrer Website einen separaten Menüpunkt „Nachhaltigkeit“ mit einem sehr ausführlichen Untermenü. Bei der Commerzbank finden Firmenkunden (das sind die „größeren“) spezielle Kreditangebote mit rabattierten Zinssätzen für Nachhaltigkeitsprojekte.

Wichtig: Sprechen Sie mit Ihren Finanzierungspartnern über deren heutige und künftige Anforderungen. Berichten Sie über Ihre Bestandsaufnahme und Ihre Strategien und Aktivitäten. Bleiben Sie auch zu diesem Thema im Kontakt genauso wie zur wirtschaftlichen Entwicklung ihres Unternehmens. Gehen Sie davon aus, dass Finanzierungspartner diese beiden Themen immer stärker als zusammengehörig ansehen werden.

 

Wo Unternehmen Unterstützung finden

Die erste Frage sollten Sie an Ihren Branchenverband richten sowie an Ihre Handwerks – oder Industrie- und Handelskammer. Dafür zahlen Sie schließlich ihre Beiträge. Darüber hinaus ist der Austausch mit anderen Unternehmen immer sehr wertvoll.

Das Internet bietet natürlich auch vielfache Informationen und Werkzeuge, z.B.