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Creditreform
Carl-Dietrich Sander

© privat

Derzeit prägen Risiken und Unwägbarkeiten das unternehmerische Handeln in schon lange nicht mehr erlebter Intensität. Die Schlagworte dazu aufzuzählen, hieße Eulen nach Athen tragen. Aber wie das Unternehmen durch dieses kabbelige Wasser steuern, die größer gewordenen Schwankungsbreiten (Volatilitäten) in Strategie und Tagesgeschäft berücksichtigen?

 

Für verschiedene Entwicklungen gewappnet sein

Für Unternehmen wird es immer wichtiger, auf verschiedene mögliche Entwicklungen vorbereitet zu sein wie zum Beispiel Gas läuft wie im Vorjahr weiter, Gas läuft mit jetziger Menge weiter, Gas läuft mit geringerer Menge weiter, Gaszufuhr stoppt komplett, …

Zugegeben, das ist mühsam – aber der Mühe wert. Denn dann haben Sie für jede berücksichtigte Variante einen Handlungsansatz in der berühmten Schublade liegen. Und natürlich kommt es dann nochmal anders als gedacht. Aber auch dafür hilft das vorherige Durchdenken möglicher Alternativen oder eben Szenarien.

 

Den „Worst-Case“ dabei nicht auslassen

Niemand möchte den schwersten anzunehmenden Schaden, den so genannten Worst-Case, eintreten sehen. Die unternehmerische Vorsicht gebietet es aber, diesen als Möglichkeit nicht außer Acht zu lassen. Das bedeutet: Eine überschlägige Rechnung erstellen etwa für die Frage „Was würde passieren, wenn unser Umsatz kurz- oder mittelfristig um zum Beispiel 20 oder sogar 50 Prozent einbrechen würde?“.

 

Zwei Rechenwege für den Worst-Case

Für die gestellte Frage gibt es zwei Rechenwege – hier dargestellt mit einem beispielhaften Umsatzrückgang von 20%: Einmal Umsatzrückgang und seine Wirkungen ohne Reaktionen des Unternehmens auf denselben und einmal mit ersten Reaktionen auf den Umsatzrückgang – dank der gedanklichen Vorbereitung auf dieses Szenario.

Sollte die Rechnung als Ergebnis einen Verlust zeigen, so wird dieser dem Eigenkapital des Unternehmens gegenüber gestellt: Das Eigenkapital sollte so hoch sein, dass der Verlust vollständig aufgefangen werden könnte. Andernfalls läuft das Unternehmen Gefahr, bei Eintreten des Worst-Case bilanziell überschuldet zu sein.

In der Abbildung finden Sie beide Rechenwege für ein Zahlenbeispiel dargestellt:

 

(c) Carl Dietrich Sander

 

Rechnung 1: Der Umsatz geht zurück und das schlägt „ohne Reaktionen“ durch

Wenn Sie dies für Ihr Unternehmen durchrechnen möchten: Nehmen Sie die Gewinn- und Verlustrechnung des letzten Jahres und rechnen Sie einfach mit den folgenden Größen:

  • Unveränderte Wareneinsatzquote (Wareneinsatz in % vom Umsatz)
  • Unveränderte Kosten in allen Positionen (Personal, AfA, Sach, Zinsen, . . .)
  • Steueraufwand mit pauschal 35 % neu berechnen

Das Ergebnis: Wie hoch wird der Jahresüberschuss dann noch ausfallen bzw. welcher Verlust würde entstehen?

In der Modellrechnung ergibt sich ein Verlust von T€ 88. Bei einem „üblichen“ GmbH-Stammkapital von T€ 25 wäre das Unternehmen bilanziell überschuldet und es wäre zu prüfen, ob Insolvenz wegen Überschuldung anzumelden ist.

 

Rechnung 2: Der Umsatz geht zurück und das gut vorbereitete Unternehmen reagiert sofort

Der Rechenweg ist derselbe aber das Unternehmen rechnet realistische Gegenmaßnahmen mit ein:

  • Wareneinsatz: welche Einsparungen sind möglich, sodass die Wareneinsatzquote geringer ausfallen wird (das hängt natürlich auch davon ab, in welchen Geschäftssegmenten der Umsatz zurückgeht)
  • Kosten: welche Kosteneinsparungen sind querbeet realistisch direkt möglich, welche vielleicht mit etwas Zeitverzögerung

Das Ergebnis: Wie hoch wird der Jahresüberschuss dann noch ausfallen bzw. welcher Verlust würde entstehen?

In der Modellrechnung verbleibt immerhin noch ein Jahresüberschuss von T€ 46 (nach T€ 98 im Basisjahr 2021).

Sie können diese Modellrechnungen für den Worst-Case natürlich auch anders gestalten, indem Sie z.B. von Materialpreissteigerungen ausgehen oder diese zusätzlich zum Umsatzrückgang mit berücksichtigen etc.

 

Vorbeugung für den Worst-Case – „Plan B“

Unabhängig vom Ausgang einer Worst-Case-Rechnung stellt sich natürlich die Frage: Wie können Unternehmen vorbeugen – also einen „Plan B“ entwickeln und dann im Fall des Falles zügig umsetzen? Das heißt nicht, dass Unternehmen in meinem Worst-Case-Szenario ausgehend von einem Umsatzrückgang diesen immer werden vermeiden können. Aber Unternehmen können dafür sorgen, dass dieser sie nicht überrascht und sich womöglich zu einem Worst-Case ausweitet.

Die Themen, die Unternehmen für einen „Plan B“ bearbeiten sollten, betreffen die Bereiche:

  • Liquidität und Finanzierung
  • Kosten
  • Markt
  • Lieferanten
  • Ziele und Planungen
  • Aktivitäten

Weitere Anregungen zu diesen Themen finden Sie auf www.rezession-was-tun.de . Diese Anregungen können Sie natürlich auch nutzen, wenn sich Ihr Unternehmen schon in der Phase rückläufiger Umsätze befindet – und nicht „nur“ für die Vorbeugung.

Einen weiteren Überblick zum Thema finden Sie aktuell auf der Internetseite des Bundesverband Die KMU-Berater: „Auswirkungen der Ukraine-Krise auf die inländische Wirtschaft“.