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© Dominik Butzmann für Triumph-Adler

Der einstige Schreibmaschinen-Gigant Triumph-Adler hat sich neu erfunden und reüssiert heute mit Druck- und Kopierlösungen für den Mittelstand. Mit einem weiteren Strategieschwenk hin zu umfassenden IT-Dienstleistungen will Firmenchef Christopher Rheidt den Traditionskonzern in die Zukunft führen.

 

Die Zeiten waren ungemütlich, als Christopher Rheidt seinen neuen Job antrat. Sein Arbeitgeber: TA Triumph-Adler, ein großer Name der deutschen Industriegeschichte. Über Generationen hinweg hatten Mitarbeiter in Unternehmen und Ämtern auf den Schreibmaschinen des Traditionskonzerns getippt.

Doch vom alten Glanz war wenig übrig. 2012 stieß Rheidt zu einer Firma, die schon seit Jahren vor allem eines schrieb: Verluste.

Max Grundig, der US-Büromaschinenspezialist Litton, Volkswagen, Olivetti, schließlich ein Aktionärskonsortium – seit Ende der 1950er-Jahre war Triumph-Adler regelmäßig verkauft worden.

Am Ende stand ein zerfasertes Konglomerat, das sich durch die roten Zahlen kämpfte und „dem kaum einer noch etwas zugetraut hätte“, erinnert sich Rheidt.

Den Einstieg in die Produktion von PCs und Laptops hatte Triumph-Adler verpatzt. Ermittlungen um Insider­geschäfte der früheren Firmen­leitung beschädigten das angekratzte Image weiter.

Doch es gab Hoffnung: 2010 übernahm die japanische Kyocera, schon seit 2003 strategischer Partner für den Vertrieb von Kopierern und Druckern, Triumph-Adler komplett – und war entschlossen, das Ruder herumzureißen.

 

Kerngeschäft Printing-Services

Ein komplexes Vorhaben: 36 rechtliche Einheiten operierten bei seinem Dienstantritt unter dem TA-Dach, sagt Rheidt. Der Vertriebsspezialist kam mit langjähriger Branchenerfahrung, unter anderem beim US-Hersteller Ikon, als Chief Operating Officer (COO) zu Triumph-Adler. „Ich habe die Restrukturierung mit initiiert“, sagt er.

„Allein mit Sparen wäre die Wende nicht zu schaffen gewesen. Wir waren auch zu Wachstum verdammt.“

Christopher Rheidt, TA Triumph-Adler

„TA R.evolution“ lautete der ambitionierte Name des Turn­around-Programms. Vor allem ging es darum, Einheiten zu verschmelzen, Synergien zu heben – und sich auf das Kerngeschäft zurückzubesinnen: Lösungen rund um das Drucken. Printing-Services heißt das im Fachjargon.

Rund 200 der gut 1.350 Jobs wurden gestrichen. Parallel investierte Kyocera noch einmal kräftig in regionale Vertriebszentren. „Allein mit Sparen wäre die Wende nicht zu schaffen gewesen“, sagt Rheidt.

„Wir waren auch zu Wachstum verdammt.“ Das Vor­haben gelang: Im Geschäftsjahr 2013/14 verzeichnete Triumph-Adler erstmals seit 2008 wieder einen Gewinn – und wirtschaftete anschließend stets profitabel mit steigenden Umsätzen.

Seit 2017 leitet Rheidt Triumph­-Adler als Geschäftsführer. Auf den jüngsten Erfolgen ausruhen kann sich der 52-Jährige aber nicht. Im Gegenteil. Die nächste strategische Wende steht bevor.

Rheidt will Triumph-Adler auch in der Welt der zunehmend papierlosen Büros als Dienstleister verankern. IT-Managed Services Provider heißt sein Leitbild.

Dabei werden Firmen ganze IT-Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt, Cloud- und Sicherheits­lösungen sowie deren Wartung inklusive. Kunden sollen vor allem Mittelständler sein, auch um den Wettbewerb mit globalen Platzhirschen wie IBM oder Hewlett Packard Enterprise zu umgehen.

„Bei großen Dax-Konzernen würden wir uns verheben“, sagt Rheidt. Er ist zuversichtlich, dass der Plan aufgeht: „Kleinere und mittlere Firmen haben einen enormen Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung.“

 

Corona als Beschleuniger

Die Corona-Krise, die in diesem Jahr auch das Wachstum von Triumph-Adler bremst, wird laut Rheidt den Wandel in den Unternehmen noch beschleunigen – und so mittelfristig die Nachfrage nach seinen Produkten steigern.

Der Trend zum Homeoffice sorge für erhöhten Bedarf an IT-Lösungen etwa für vernetztes Arbeiten. „Es hat zwei, drei Monate gedauert, bis sich die Unternehmen nach dem Ausbruch der Pandemie orientiert haben“, erläutert Rheidt. „Nun aber nehmen die Anfragen zu.“

Mehr Evolution als Revolution, so charakterisiert Rheidt die Ambitionen, zum umfassenden IT-Dienstleister zu werden. „Normalerweise reden wir über Farbe auf Papier – wir können das aber auch durch den Begriff Information ersetzen, die wir bereitstellen und verteilen“, sagt er.

Die zentrale Frage laute: Auf welchem Träger werden Informationen verteilt? Noch machen Druck- und Kopiersysteme 85 bis 90 Prozent des Geschäfts von Triumph-Adler aus.

Doch Rheidt will Tempo machen: „In zehn Jahren werden wir damit im Bereich von etwa 50 Prozent sein, wahrscheinlich noch ein bisschen weniger“, sagt er.

Dabei setzt Rheidt auf das, was er auch in Zeiten roter Zahlen bei Triumph-Adler bewunderte: „Die TA war immer wahnsinnig vertriebsstark.“

Kundenfokus, eine gute Servicementalität, das habe ihn beeindruckt. Deshalb habe er sich Triumph-Adler auch immer als Arbeitgeber vorstellen können.

Vielfache Transformation

1896 Siegfried Bettmann gründet in seiner Heimatstadt Nürnberg die Deutsche ­Triumph Fahrradwerke als Tochter seiner Triumph Cycle Company. Die hatte der Auswanderer zuvor in England gestartet.

1898 Die Adlerwerke produzieren als erster Hersteller in Deutschland Schreib­maschinen.

1909 Triumph startet die Herstellung von Schreibmaschinen.

1957 Max Grundig übernimmt die Triumph-Werke und beteiligt sich an den Frankfurter Adlerwerken. Mit den Grundig-Bereichen für Diktiergeräte und Tonbandgeräte formt er daraus im Jahr darauf ­Triumph-Adler.

1969 Grundig veräußert Triumph-Adler an den US-Konkurrenten Litton und konzentriert sich auf Farbfernseher.

1979 Volkswagen kauft Triumph-Adler, das inzwischen mit Rechnern wie dem Alpha­tronic in den Markt für Bürocomputer drängt.

1984 Umbenennung in TA Triumph-Adler. Das Unternehmen bedient ein Sechstel des Weltmarkts für elektronische Schreib­maschinen.

1986 Übernahme durch den italienischen Wettbewerber Olivetti.

1991 TA Triumph-Adler arbeitet überwiegend als Vertriebsgesellschaft, nachdem der Schreibmaschinen-Markt eingebrochen ist und der Einstieg ins Notebook-Geschäft misslingt.

1994 Ein Aktionärskonsortium übernimmt TA und formt daraus eine Mittelstands­holding verschiedener Branchen.

1999 Kauf von Utax für den Fachhandelsvertrieb und strategische Wende hin zu Kopieren, Drucken und Faxen.

2010 Vollständige Übernahme durch den japanischen Großaktionär Kyocera Mita.

Seit 2012 Transformation zum IT-Dienstleister und Systemanbieter, etwa für digitales Dokumentenmanagement.

Geduld zahlt sich aus

Die Übernahme durch Kyocera sei ein Glück für die deutsche Unternehmensgruppe gewesen, sagt Rheidt. „Die Japaner und Deutschen sind sich in vielen Dingen gar nicht so fremd – etwa, wenn man an eine langfristige Ausrichtung denkt.“

Das Kyocera-Management habe Geduld bewiesen, „bei aller Kontrolle, die mit da reingehört: Ich habe jederzeit ein großes Vertrauen gespürt“.

Zwar ist mit Keiji Hayashi ein Japaner Co-Geschäftsführer bei Triumph-Adler – er arbeitet jedoch in Osaka und soll vor allem die Kommunikation mit der deutschen Tochter begleiten. Operativ habe er freie Hand, sagt Rheidt.

1.100 Mitarbeiter hat Triumph-Adler heute an zusammen 31 Standorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. 200 arbeiten in Norderstedt bei Hamburg, wo Kyocera die Zentrale ansiedelte.

Offiziell ist Nürnberg noch Firmensitz – doch nur gut 30 Mitarbeiter sind hier noch in der Finanzabteilung tätig. Zweitgrößter Standort ist inzwischen Dortmund, wo das Vertragsmanagement gut 100 Leute beschäftigt.

„Unser Rückgrat“, sagt Rheidt. „Für die Ziele, die wir in Zukunft haben, werden wir auch bei der Beschäftigtenzahl wachsen müssen“, kündigt der Firmenchef an. 36 weitere Länder in Europa und Afrika bedient Triumph Adler über den Fachhandel mit der Marke UTAX.

Norderstedt wird Triumph-Adler im kommenden Jahr verlassen – und in einen Tech-Campus nach Hamburg-Alsterdorf umziehen. Christopher Rheidt kann dann von seiner Wohnung in Eppendorf mit dem Rad zur Arbeit fahren.

Wichtiger für ihn: die Wirkung, die der neue Hightech-Standort haben soll, wo innovative Startups und Technologiefirmen die Nachbarn sein werden. „Ein solch dynamisches Umfeld sehen wir auch als Signal für neue Kunden im IT-Dienstleistungsgeschäft.“

Freilich muss die Belegschaft mitziehen. Dazu will Rheidt der Traditionsfirma viel Gründergeist einhauchen.

 

Startup-Spirit aufsaugen

Vor rund drei Jahren startete Christopher Rheidt die Mission mit einem Besuch seiner General Manager bei mehreren Startups in Berlin. „Wir erlebten eine wahnsinnige Dynamik“, erinnert er sich. „Es war Wahnsinn, was das intern losgetreten hat. Jeder war hungrig darauf, innovativer, offener zu sein.“

Triumph-Adler gründete in Berlin eine Zukunftsfabrik, um sich mit der Startup-Szene enger zu vernetzen. Ein erstes Ergebnis sei eine Kooperation mit der Bundesdruckerei bei IT-Sicherheitslösungen gewesen. Als Innovations-Kraftwerk innerhalb von Kyocera Document Solutions habe sich Triumph-Adler inzwischen definiert.

Ein selbstbewusster Schritt: „Das spürt man heute in jedem Meeting.“ Interne Wettbewerbe animieren Beschäftigte, Ideen vorzubringen und selbst Projekte zu starten.

Auf diese Weise seien beispielsweise Zusatzfunktionen für eine Software entstanden, die Druckerflotten steuert. Oder ein Energiemanager, der den Stromverbrauch optimiert und den Kunden Kostenersparnis und ­CO2-Effekt anzeigt.

Die Transformations-Erfahrungen hat Rheidt mit einem Kollegen in einem Buch verarbeitet: Das „Digital Tour Book“ erschien 2018, ein Erfahrungsbericht in Sachen Digitalisierung.

Natürlich weiß Rheidt, dass es auch Hürden gibt, wenn die gesamte Belegschaft kreativ sein darf. „Nicht jede Führungskraft findet das gut. Das hat auch mit Vertrauen und Loslassen zu tun.“

Er hilft deshalb vorsichtshalber etwas nach: „Unsere General Manager nehmen an solchen Initiativen nicht teil“, erläutert Rheidt. „Das soll die Mannschaft machen.“