Das Unternehmermagazin aus der Handelsblatt Media Group

Creditreform
Das Foto zeigt Daniel Szabo, CEO von Körber Digital

© Viktor Strasse

Datenanalyse und Künstliche Intelligenz sind die Zukunft des Maschinenbaus. Davon ist Daniel Szabo überzeugt. Im Interview erklärt der CEO von Körber Digital, warum deutsche Mittelständler hier beste Voraussetzungen haben und was sie tun müssen, um weiter weltmarktführend zu bleiben.

 

Herr Szabo, seit gut Jahr ist Chinas Anteil am weltweiten Maschinenexport größer als der von Deutschland. Verlieren deutsche Maschinenbauer ihre Weltmarktführerschaft? Und was müssten sie tun, um wieder führend zu sein?

Daniel Szabo: Ja, China hat aufgeholt. Aber Deutschland und Europa sind immer noch mit führend im Maschinenbau, vor allem in der Automobil- und Chemie­industrie. Allerdings müssen die vielen Hidden Champions, die wir hierzulande haben, umdenken und sich die Frage stellen, welches Ziel sie mit ihren Maschinen verfolgen wollen.

Im Grunde geht es immer noch darum, anderen Unternehmen in anderen Ländern etwas an die Hand zu geben, mit dem sie ihre Produkte möglichst effizient und in bestmöglicher Qualität fertigen können. Nur: Was in der Vergangenheit vorwiegend über exzellentes Ingenieurwesen erreicht wurde, können wir heute viel besser im Zusammenspiel mit digitalen Technologien leisten.

 

Sie sagen also, weitere Effizienzsteigerungen in der Produktion werden vor allem durch Digitalisierung erreicht?

Früher waren es schlaue Anlagen, schlaues Metall, heute sind es smarte Systeme. Und hier gibt es eigentlich eine optimale Ausgangsposition für Deutschland, beim Angebot digitaler Produkte für Industrie und Fertigung führend zu werden. Das Potenzial ist riesig und anders als bei der IT-Infrastruktur oder im E-Commerce ist der Kuchen noch nicht verteilt.

Allerdings müssen Maschinenbauer dafür so schnell wie möglich ein tiefes Verständnis von Software und digitalen Tools entwickeln, um zu verhindern, dass die Plattformriesen wie Google, Amazon und Co. auch in diesen Geschäftsbereich drängen. Wer das ernst nimmt, für den muss Software nicht nur die Ergänzung zur Hardware sein, sondern in den Vordergrund rücken.

 

Und Körber Digital macht vor, wie das gelingen kann?

Der Anspruch von Körber ist immer, Weltmarktführer in entsprechenden Nischen zu sein. Wir haben uns schon vor einigen Jahren bewusst gemacht, dass wir diesen Anspruch nicht halten können, wenn wir uns nicht viel stärker in Richtung operativer Software und Digitalisierung in der Produktion orientieren.

Das Ziel des Körber-Konzerns ist es, bis 2030 etwa 30 Prozent des Geschäfts mit rein digitalen Produkten zu machen. Und Körber Digital ist die Einheit im Konzern, die interessante Geschäftsbereiche identifiziert, evaluiert und schließlich als Company Builder neue Unternehmen gründet, die diese Produkte dann an den Markt bringen.

 

Als Ziel geben Sie zwei bis drei erfolgreiche Ausgründungen pro Jahr an. Wie schaffen Sie das?

Zum einen hilft es uns, dass Venture-Capital-Unternehmen in dem Bereich bisher noch nicht sehr aktiv sind. Wir haben also ein mehr oder weniger freies Feld. Zum anderen haben wir als Teil des Körber-Konzerns einen unfairen Vorteil, wie ich das nenne: Wir genießen alle Freiheiten, wir bekommen die Talente, die wir brauchen.

Dazu haben wir dank der anderen Körber-Geschäftsfelder bereits den Marktzugang. Und unsere Zielbranchen vertrauen uns, dass wir wertgenerierende Applikationen als Software as a Service für ihre Anlagen entwickeln können.

 

So wie Factory Pal. Das Unternehmen ist seit 2020 am Markt und trifft offenbar einen Nerv.

Genau, Factory Pal ist unsere erste große Ausgründung, deren Software in der Tissue-Industrie, also bei der Herstellung von Toilettenpapier, Papierhand- und -taschentüchern, schon erfolgreich eingesetzt wird. Wichtig war uns, dass sie in der Bedienung so einfach wie möglich ist.

Die einzige Veränderung, die man in der Produktion sieht, ist ein Smartphone. Darauf werden dem Bediener einer Maschine die optimalen Einstellungen angezeigt. Das können bis zu 200 oder 250 Variablen sein. Wir ersetzen Berufserfahrung und Bauchgefühl durch von einer KI berechnete Parameter und können so die Effizienz einer Anlage um bis zu 30 Prozent steigern.

Zum Beispiel dadurch, dass Ausfälle, etwa durch Papierriss, seltener werden. Wichtig ist auch: Das funktioniert nicht nur mit Körber-Maschinen, sondern mit jeder beliebigen Anlage, von der wir Daten abnehmen können.

 

Bisher wurde KI im Maschinenbau vor allem für Predictive Maintenance, die vorausschauende Wartung, eingesetzt. Warum fokussieren Sie sich nun auf den Betrieb und damit einen anderen Bereich?

Künstliche Intelligenz wird die Technologie dieser Dekade sein. Das Institut für Innovation und Technik (iit) in Berlin prognostiziert, dass ein Drittel des Wachstums im produzierenden Gewerbe in den kommenden Jahren durch KI ermöglicht wird. Das heißt doch, die Technologie kann sehr viel mehr abbilden als nur Predictive Maintenance.

Unser Ziel ist es, wertstiftende Lösungen anzubieten, und deshalb fokussieren wir uns auf die Gesamtanlageneffizienz, die sogenannte Overall Equipment Effectiveness (OEE). Dort macht sich ein Vorteil für Unternehmen direkt finanziell bemerkbar. Und auch für uns ist es das beste Geschäftsmodell. Wenn ein Kunde mit unserer Lösung einen Wert 100 einspart, dann kann ich durchaus den Wert 20 als Gebühr verlangen. Tatsächlich ist das Pricing bei Factory Pal leistungsabhängig.

 

Nun ist der Aufbau eines Startups wie Factory Pal mit großen Anfangsinvestitionen verbunden. Wie evaluieren Sie Ihre Geschäftsideen und wie stellen Sie sicher, dass die eine ausgewählte auch wirklich fliegt?

Zum einen versuchen wir, konkrete Kundenbedarfe aufzuspüren. Dazu tauschen wir uns laufend mit den etablierten Geschäftsfeldern von Körber aus. Zum anderen definieren wir jährlich sogenannte Future States, also Zukunftsszenarien, und suchen ganz gezielt über die Körber-Geschäftsfelder hinaus nach Bedarfen, die in solchen Szenarien auftreten können.

Die Frage ist immer: Was wäre, wenn …? Zum Beispiel, wenn Maschinenbauer der Pandemie geschuldet keine Servicetechniker mehr ins Ausland schicken können. Nachdem wir diese Fragestellungen quantifiziert und validiert haben, suchen wir nach einem Kunden, mit dem wir eine Lösung und ein Proof of Concept entwickeln. Und erst danach entscheiden wir, ob das Geschäftsmodell genug Potenzial für ein eigenes Unternehmen hat. Das bedeutet bei Körber Digital, es müssen mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz möglich sein.

 

Darunter machen Sie es nicht?

Nein, und dafür gibt es auch einen Grund. Das Risiko zu scheitern ist in der Frühphase ungefähr gleich groß – unabhängig davon, ob in der Idee fünf Millionen Euro Jahresumsatz stecken oder 50 Millionen. Um sicherzustellen, dass unsere Gründungen erfolgreich sind, betreiben wir einen großen Aufwand. Deshalb gehen wir lieber wenige große Wetten ein als viele kleine.

 

Sie haben die Zukunftsszenarien angesprochen. Worauf sollte sich die Branche einstellen?

Auch um die Nachhaltigkeit der Produktion zu erhöhen, wird KI immer wichtiger. Nehmen wir das Beispiel Factory Pal: Wenn ich aus einer existierenden Anlage 30 Prozent mehr heraushole, der Markt aber nicht mit 30 Prozent wächst, verkleinere ich bereits den CO2-Fußabdruck. Wir könnten die Anlage aber auch direkt auf einen minimalen Energiebedarf optimieren und nicht auf Performance, wenn andere Einstellungen stärker gewichtet würden.

Ein bisher kaum bekanntes, aber immer wichtigeres Thema ist auch die sogenannte Privacy Enhancing Computation. Also die Möglichkeit, unter Wettbewerbern und Marktbegleitern Daten gemeinsam zu nutzen und damit KI-Modelle zu trainieren – aber natürlich ohne Wettbewerbsvorteile ab- und Geschäftsgeheimnisse preiszugeben.

 

Ist Kooperation letztlich auch die Chance für kleinere Mittelständler, die nicht die Möglichkeiten wie Körber haben?

Ja, im besten Fall sind sie Teil eines entstehenden digitalen Ökosystems. Unternehmen können nicht mehr alles allein machen, alle Kompetenzen selbst aufbauen, sondern sie brauchen Partner und Netzwerke. Hier wünsche ich mir ein Umdenken, denn es gibt keinen Markt, der eine bessere Ausgangsposition hat.

Die Anwendungen, die das produzierende Gewerbe benötigt, sind sehr speziell. Es braucht also viel Know-how, das bereits vorhanden ist, gepaart mit Software- und Digitalisierungskompetenz, sei es in Partnerschaft mit Startups, mit Technologiefirmen oder auch mit Körber Digital. Technologiefirmen oder auch mit Körber Digital.

 

Zur Person

Daniel Szabo ist CEO von Körber Digital mit Standorten in Berlin, Karlsruhe und Porto. Dieses ist das fünfte Geschäftsfeld des Körber-Konzerns, neben dem Maschinen- und Anlagenbau für die Pharmaindustrie, die Logistik, die Tissue- sowie die Tabakindustrie, und gründet und etabliert als Company Builder zwei bis drei eigenständige Software-as-a-Service-Firmen pro Jahr. Der Anspruch ist es, mithilfe von Künstlicher Intelligenz und Data Science Effizienzsteigerungen in der Produktion zu ermöglichen – unabhängig vom vorhandenen Maschinenpark. Erste Ausgründungen von Körber Digital sind Factory Pal und InspectifAI.
koerber-digital.com