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Die Corona-Pandemie hat den Welthandel durcheinandergewirbelt – der Beginn eines Umbruchs. Im- und Exportfirmen müssen sich künftig immer wieder auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen. Da ist es hilfreich, wenn man einen Plan B oder C in der Schublade hat. Vor allem wenn es darum geht, Lieferketten zu sichern.

 

Nicholas Matten, Geschäftsführer des Wärmepumpen-Spezialisten Stiebel Eltron im niedersächsischen Holzminden, bringt nichts so schnell aus der Fassung.

Als im April die Lieferketten zwischen China und Europa rissen, weil Fabriken in Asien schließen mussten und Flugzeuge gen Westen nicht mehr abheben durften, ließ das Unternehmen kurzerhand einen Großteil der 2.600 Komponenten, die Stiebel Eltron für die Produktion seiner Geräte täglich benötigt, per Bahn über die Neue Seidenstraße nach Deutschland transportieren.

„Das dauerte zwar etwas länger, aber wir konnten unsere Fertigung durchgängig aufrechterhalten“, erinnert sich der Firmenchef.

Der Import war durch das logistische Ausweichmanöver gerettet. Die nächste Herausforderung aber war – und ist es bis heute – der Export.

„In vielen Ländern, in die wir unsere Produkte ausführen, haben wir noch mit Beschränkungen zu kämpfen“, konstatiert Matten. „Indien hat von Mitte Mai bis heute, Südafrika zwischen Ende Mai und Ende Juli strenge Lockdowns verhängt, die das Geschäft über viele Wochen komplett zum Erliegen gebracht haben.

Auch in Frankreich und Belgien ist das Geschäft im zweiten Quartal um mehr als 80 Prozent eingebrochen, weil das öffentliche Leben auch durch Ausgangssperren weitgehend zum Erliegen gekommen ist.“

Der Mittelständler Stiebel Eltron macht gut die Hälfte seines Umsatzes im Ausland. In diesem Jahr ist davon bisher etwa ein Viertel weggefallen. Teilweise kompensiert wurde das durch ein außergewöhnliches Inlandsgeschäft. „So sind wir trotz aller Erschwernisse relativ gut durch die Corona-Zeit gekommen“, resümiert Matten.

Außenhandel stark eingebrochen

Deutschlands Außenhandel ist in diesem Jahr stärker eingebrochen als je zuvor – allein im April um über 30 Prozent. Zwar hat sich das Geschäft im dritten Quartal leicht erholt und die Prognosen für das vierte Quartal klingen optimistisch, aber am Ende dieses Jahres dürfte bei den deutschen Exporten ein Minus gegenüber 2019 von rund 15 Prozent stehen, so der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Acht von zehn Betrieben erwarten laut einer DIHK-Studie fürs Gesamtjahr in ihrem Auslandsgeschäft Umsatzeinbrüche, 15 Prozent befürchten sogar mindestens eine Halbierung. „Und das unter der Voraussetzung, dass nicht die zweite Infektionswelle kommt“, schiebt Kevin Heidenreich nach, Referatsleiter Grundsatzfragen der Außenwirtschaft und Entwicklungspolitik. Dann werde es noch tiefer in den Keller gehen: „Die Lage ist und bleibt unsicher.“

Deshalb sieht Heidenreich die Entwicklung auch für das kommende Jahr „nicht sehr positiv“. Zum Unbehagen der Außenhändler trage neben den direkten Auswirkungen der Pandemie, etwa Reise- und Einfuhrbeschränkungen, die Sorge vor einer möglicherweise bevorstehenden Weltwirtschaftskrise bei.

Eine Folge der unsicheren Lage: 56 Prozent der 3.300 kürzlich befragten deutschen Unternehmen wollen die Investitionen an ihren ausländischen Standorten ­zurückschrauben.

„Wie soll man Ware oder Fabriken begutachten, wenn man nicht ins Land kann, wie Verträge Auge in Auge verhandeln und unterschreiben?“

Kevin Heidenreich, DIHK

Reisebeschränkungen erschweren wichtige Geschäfte

63 Prozent der im Außenhandel tätigen Firmen berichten aktuell von Reisebeschränkungen. Firmenchefs und Manager, Verkäufer und Techniker kommen in viele Länder nicht rein oder nur unter strengen Auflagen. Die aktuelle Liste reicht von Ägypten über China bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Dutzende Destinationen werden von den Fluggesellschaften momentan nicht mehr angeflogen. „Wie soll man Ware oder Fabriken begutachten, wenn man nicht ins Land kann, wie Verträge Auge in Auge verhandeln und unterschreiben?“, fragt Kevin Heidenreich rhetorisch.

„Für wichtige Geschäfte muss man vor Ort sein.“ Die Auslandshandelskammern (AHK) versuchen, dabei zu helfen. So hat die AHK China seit dem Frühjahr mehrere Charterflüge für Geschäftsleute nach China organisiert. Auch um Hotels im Reich der Mitte hat die AHK sich gekümmert. Bis Anfang September haben das mehr als 2.000 Personen genutzt.

Fakt ist: Das Coronavirus wird vor allem über Tröpfcheninfektion übertragen. Container, Kisten oder Kartons, egal ob sie aus Neuseeland, Nigeria oder Norwegen kommen, Maschinen und Anlagen, egal ob sie nach Ungarn oder Usbekistan ausgeführt werden, sind unter Gesundheitsgesichtspunkten ungefährlich. Das betont das Bundesinstitut für Risikobewertung.

Es sei zwar weiterhin zu erwarten, dass einzelne Zielländer deutscher Exporte ergänzende Vorschriften, beispielsweise zur Desinfektion, erlassen. Aber größere Beeinträchtigungen im Warenverkehr gebe es nicht.

Die deutschen Zollstellen gewährleisten die Abfertigung von Exporten, auch wenn es zum Ausfall einzelner Standorte kommen sollte. Informationen zu möglichen Einschränkungen finden sich online beim Zoll.

Weil auch der Zoll derzeit auf Abstand achtet, soll sich der Kunden- und der physische Dokumentenverkehr auf ein Minimum beschränken. Außenhändler, die bisher noch nicht elektronisch arbeiten, sollten spätestens jetzt über eine digitale Nachrüstung nachdenken.

Ähnliches gilt für die Industrie- und Handelskammern. Sie bieten die Möglichkeit zur elektronischen Ausstellung von Ursprungszeugnissen.

Sensible Lieferketten

Wie sensibel die Lieferketten mit China, aber auch mit anderen Ländern sind, haben viele Unternehmen in der ersten Jahreshälfte zu spüren bekommen.

Inzwischen sind zwar viele Bremsen wieder gelockert worden, doch mit Volldampf wird kaum irgendwo gefahren. Die Wiederbelebung ist fragil. Und so bleiben viele Unternehmen vorsichtig und suchen nach neuen Strategien für die neue Normalität.

Für Kevin Heidenreich ist klar: „Das Gebot der Stunde ist Flexibilität.“ Wie Stiebel Eltron müsse man nach alternativen Transportwegen, zusätzlichen Produzenten und neuen Absatzmärkten suchen.

Wenn Flugzeuge nicht fliegen, lassen sich möglicherweise Schiffe und Bahnen nutzen, wenn eine früher einwandfrei funktionierende Lieferkette reißt, braucht man vielleicht Zwischenlager, Zwischenhändler.

Analysten von Bloomberg New Energy Finance zogen bereits im Frühsommer aus den Auswirkungen der Pandemie auf die Lieferketten den Schluss, dass die globale Arbeitsteilung der Industrie grundsätzlich hinterfragt werden müsse.

Sie empfahlen, sie so umzustellen, dass alle wichtigen Teile künftig in regionalen Clustern hergestellt werden können. „Die Globalisierung so zu organisieren, dass alles dort gemacht wird, wo die Produktion am effizientesten ist – das ist vorbei“, konstatiert Jörg Wuttke, der Vorsitzende der EU-Handelskammer in China.

Die meisten Einfuhren kommen aus China

Es steht viel auf dem Spiel: Bei den Einfuhren nach Deutschland ist das Herkunftsland China die Nummer eins. Nach Einschätzung des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, in dem auch Unternehmen der Windkraftindustrie organisiert sind, ist aktuell knapp die Hälfte der deutschen Maschinenbauer in der Volksrepublik mit Produktion, Service oder Vertrieb aktiv.

Alle deutschen Autohersteller und die wichtigsten Branchenzulieferer haben Fertigungsstätten in China. „Viele Unternehmen waren nicht oder nur schlecht auf die Unterbrechungen in ihren Lieferketten vorbereitet“, kritisiert Heiko Steinacher, Volkswirt der Außenwirtschaftsagentur Germany Trade and Invest.

Er erwartet, dass die Firmen nun an der Früherkennung von Problemen arbeiten: „Eine wesentlich größere Rolle als bisher werden künftig Informationen spielen, mit denen sich Störungen oder schwache Glieder in Lieferketten aufspüren lassen.“

Nach Recherchen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers haben viele Unternehmen begonnen, Lagerbestände entlang der Wertschöpfungskette aufzubauen.

„Dadurch werden Lieferketten sofort robuster“, heißt es in dem Report. Aber das ist teurer. Eine Folge: Laut DIHK sucht derzeit jedes dritte deutsche Unternehmen nach neuen Lieferanten, vorzugsweise im selben Land, insbesondere aber in Europa.

Jeder fünfte Betrieb denkt sogar daran, seine ausländische Fabrik oder Niederlassung zu verlegen – auch zurück nach Deutschland. Heidenreich: „Viele Unternehmen sind dabei, die Risiken hinsichtlich ihrer ausländischen Standorte und internationalen Geschäftspartner neu zu bewerten.“

Optimistischer Ausblick fürs deutsche Ein- und Ausfuhrgeschäft

Das bestätigt Jürgen Abromeit, Chef der Strategieberatungsfirma A-Xellence, die Unternehmen in kritischen Situationen bei Transformations- und Finanzierungfragen unterstützt: „Die meisten Außenhandelsbetriebe sind schon gut aufgestellt, haben Mitarbeiter vor Ort, kooperieren mit einheimischen Firmen oder haben Joint Ventures abgeschlossen.

Ihre Lieferketten haben auch in den letzten Monaten weitgehend gehalten. Und Auslandsreisen spielen für sie nur eine untergeordnete Rolle.“ Abromeit, der bis 2018 eine börsennotiere Mittelstandsholding führte, blickt noch immer optimistisch auf das deutsche Ein- und Ausfuhrgeschäft: „Der Export war nach dem Einbruch im Frühjahr schon im dritten Quartal die starke Stütze unserer Wirtschaft. Der China-Handel wächst wieder zweistellig. Wer hier aktiv ist, kann sich glücklich schätzen.“

Für Stiebel-Eltron-Chef Matten ist die Erkenntnis geblieben, wie groß die Abhängigkeit der deutschen Industrie vom asiatischen Markt ist. „Wir müssen künftig besser auf ähnliche Krisen vorbereitet sein“, sagt Matten. „Globale Lieferketten können reißen. Deshalb werden wir unsere Sicherheitsbestände bei kritischen Bauteilen in Deutschland erhöhen und die Abhängigkeit von einzelnen Ländern verringern müssen.“ Es nimmt sich vor, künftig immer einen Plan B und C in der Schublade zu haben.

Welche Staaten als Corona-Risikogebiet gelten

Nach gemeinsamer Analyse und Entscheidung bewerten das Bundesministerium für Gesundheit, das Auswärtige Amt und das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat die Lage im Ausland. Werden Staaten als Gebiete ausgewiesen, in denen ein erhöhtes Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion besteht, gelten besondere Auflagen. Aktuell gehören dazu weltweit mehr als 130 Länder. Ausgenommen sind – bis auf genau benannte Regionen – die Länder der EU, Schengen-assoziierte Staaten und Großbritannien.

 

Eine aktuelle Liste sowie Informationen zu Quarantäne- und Testpflicht bei der Rückkehr aus einem Risikogebiet finden Reisende hier.

 

Für Unternehmen, die Außenhandel betreiben, stellen die Deutschen Außenhandelskammern seit Monaten Hilfen und Tipps zur Verfügung. Eine Liste, die regelmäßig aktualisiert wird, findet sich hier.